Zeitung Heute : Bündnis für Musik

FREDERIK HANSSEN

Im Frühjahr 1772 hatte Joseph Haydn eine geniale Idee.Um seinem Arbeitgeber, dem Fürsten Nikolaus Esterhazy, vor Augen zu führen, daß die Musiker seiner Hofkapelle mit ihrem Gehalt nicht auskamen, komponierte er die "Abschiedssinfonie": Während Haydn dirigierte, erhob sich ein Instrumentalist nach dem anderen und verließ den Raum, während die Zurückgebliebenen weiterspielten.Was sich derzeit in der Berliner Musiklandschaft abspielt, erinnert fatal an Haydns Sinfonie: Der erste, der im Januar dieses Jahres seinen Abschied ankündigte, war Claudio Abbado.Vier Jahre vor dem Ende seines Vertrags mit dem Berliner Philharmonischen Orchester verkündete der Maestro, er stehe für eine Verlängerung nicht zur Verfügung.Ebenfalls auf den Weg macht sich nach dem Ende seiner Amtszeit im Juli 2000 der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO), Vladimir Ashkenazy - in Richtung Prag, um sich ganz der Leitung der Tschechischen Philharmonie zu widmen.

Abbado wird zum Zeitpunkt seines Abschieds 13 Jahre lang die "Berliner" geleitet haben, Ashkenazy elf Jahre das DSO - trotzdem ging ein Raunen durch die Republik, als die künstlerischen Köpfe der zwei wichtigsten Konzertorchester der Stadt kurz nacheinander ihren Weggang bekanntgaben.Das DSO hat in Kent Nagano bereits einen Nachfolger gefunden - und damit dem Berliner Philharmonischen Orchester einen der spannendsten Kandidaten weggeschnappt.

Ganz ohne Paukenschlag vollzog sich dagegen der Abschied von Michael Schönwandt beim Berliner Sinfonie-Orchester.Man trennte sich nach sechs Jahren zum Ende dieser Saison in Freundschaft.Die Berliner Symphoniker haben zwar mit Lior Shambadal einen idealen künstlerischen Leiter - dafür drücken sie andere Probleme: Kultursenator Peter Radunski will ihnen zum Jahresende komplett die Subventionen streichen.Die Musiker müßten dann spätestens im Sommer 1999 einen Abgang à la Haydn machen, während die übrigen Orchester weiterspielen.Rein rechtlich ist Radunski diesmal vor dem berüchtigten Schiller-Theater-Syndrom sicher, da die Berliner Symphoniker als e.V.organisiert, also nicht beim Land Berlin angestellt sind.In Wahlkampfzeiten, in denen alle Parteien erstmals die Kulturpolitik als Profilierungsmöglichkeit entdecken haben, wären die Imageschäden einer Orchesterabwicklung für den Senat allerdings schwer zu beziffern - gerade weil sich Berlin gern damit brüstet, bereits die deutsche Musikhauptstadt zu sein.

Natürlich darf man mit Daniel Barenboim fragen, ob Berlin wirklich neun staatlich alimentierte Orchester braucht.Natürlich kann man auch mit dem Intendanten des Berliner Philharmonischen Orchesters, Elmar Weingarten, der Ansicht sein, die Jugendarbeit im Klassik-Bereich - bisher die Domäne der Berliner Symphoniker - gehöre zu den elementaren Aufgaben aller Ensembles der Stadt.Aber auch dann muß daraus nicht automatisch der Schluß folgen, daß gerade Shambadals Musiker am leichtesten zu entbehren sind.Deshalb haben die Musikergewerkschaft und der Deutsche Bühnenverein auch einen Sondertarifvertrag für Berlin ausgehandelt, gewissermaßen ein lokales, spartenspezifisches "Bündnis für Arbeit", bei dem die einzusparenden Millionen dadurch zusammenkommen, daß alle Orchesterangestellten zukünftig auf einige historisch gewachsene Vergünstigungen verzichten.Radunski allerdings will den Vertrag nicht unterschreiben - er bezweifelt, daß sich so die nötigen Millionen erwirtschaften lassen.Sein Argument lautet, die Intendanten müßten ihm erst zusichern, daß sie die Beträge, die durch den Sondertarifvertrag in ihren Etats freiwerden, auch tatsächlich zum "Notopfer Berliner Symphoniker" deklarieren.Bis Anfang September müssen die Orchestermanager sich nun erklären.Andernfalls wird Radunski das Geld eben doch so eintreiben, wie es bereits in seinem Haushaltsentwurf steht: Durch Kurzarbeit Null bei den Symphonikern.Wenn Dirigenten gehen, bevor aus intensiver Zusammenarbeit künstlerische Alltagsroutine wird, machen sie Platz für neue, hoffentlich wieder genauso spannende Begegnungen mit anderen Interpretationsansätzen.Wenn Orchester aufgrund von Subventionsentzug das gemeinsame Musizieren einstellen müssen, sind sie unwiderbringlich verklungen.

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