Zeitung Heute : Bürgerinitiative erschwert die Fahndung

DENHAAG (AFP).Die Fahndung nach den Drahtziehern eines niederländischen Kinderschänderrings ist durch die Weigerung der belgischen Bürgerinitiative erschwert worden, mit der Polizei zusammenzuarbeiten.Die private belgische Vereinigung gegen Pornographie "Morkhoven", die die Ermittlungen an die Öffentlichkeit gebracht hatte, lehnte am Wochenende eine Zusammenarbeit mit der niederländischen Polizei ab.Zur Begründung hieß es, die niederändischen Behörden hätten "unannehmbare Anschuldigungen" gegen "Morkhoven" erhoben.Der Präsident von "Morkhoven", Jan Boeykens, sagte der Nachrichtenagentur AFP, seine Vereinigung werde der niederländischen Polizei nicht wie gefordert das von ihr sichergestellte Beweismaterial übergeben.Nach seinen Worten wirft die Polizei der Organisation vor, in die Wohnung des ermordeten Gerrit-Jan Ulrich eingebrochen und Disketten mit Bildern vergewaltigter Kleinkinder sowie andere Unterlagen gestohlen zu haben.Ein Mitglied von "Morkhoven" war bei seinen Recherchen im Internet auf den Kinderpornoring gestoßen, dessen Verbindungen in verschiedene Länder Europas, darunter auch Deutschland, reichen sollen.In ihrer belgischen Heimat ist die Arbeitsgruppe umstritten, da sich Presseberichten zufolge manche von ihr erhobenen Vorwürfe des sexuellen Kindesmißbrauchs als haltlos erwiesen haben sollen.Auch haben sich Angaben von "Morkhoven" über den Hergang ihrer Ermittlungen in den vergangenen Tagen teilweise widersprochen.So sagte ihr Präsident Boeykens gegenüber AFP, "Morkhoven" habe Ulrich und dessen Bekannten Robert van der Plancken am 26.Juni in Amsterdam getroffen.Dabei war Ulrich zu dem Zeitpunkt bereits in Rom ermordet und der mutmaßliche Täter van der Plancken in Italien inhaftiert.CSU-Chef Waigel hat, wie berichtet, gefordert, schon der Besitz und das "Sich-Verschaffen" von Kinderpornos müsse künftig als "sexueller Mißbrauch" eingestuft und entsprechend bestraft werden.Ferner sprach er sich für eine "internationale Rechtskonvention gegen Kinderpornographie im Internet" aus.Zwei Jahre ist es her, daß der Skandal um den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux aufgeflogen ist.Jetzt versuchen Ermittler erneut in ganz Europa, die Vernetzung von vermutlich international operierenden Kinderporno-Banden aufzudecken.Ausgangspunkte der aktuellen Ermittlungen sind die Niederlande, Belgien und Deutschland.Doch nach ersten Erkenntnissen reichen die drei Fälle weit über die Landesgrenzen hinaus, wenngleich noch unklar ist, ob - und wenn ja wie - sie miteinander zu tun haben.

Der jüngst bekannt gewordene Fund wurde in Deutschland gemacht.Die Polizei im niedersächsischen Northeim teilte mit, bei zwei Männern Hunderte Bilddateien mit Kinderpornographie beschlagnahmt zu haben.PolizeidirektorRusteberg sagte, ob ein Zusammenhang mit den in den Niederlanden sichergestellten Dateien bestehe, sei noch unklar.Das werde mit dem Bundeskriminalamt geprüft.

Die belgische Polizei ist seit Ende Juni einem Kinderschänderring auf der Spur, dessen Verbindungen in verschiedene Länder Europas reichen, darunter auch Deutschland und Portugal.Im Zentrum der Ermittlungen steht der 49jährige Norbert D.R.aus Temse, der 340 inzwischen beschlagnahmte Kinder-Pornoaufnahmen gemacht haben soll.Seit Monaten wird gegen ihn ermittelt, eine Zeitlang saß er sogar im Gefängnis, wurde aber im März diesen Jahres gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.

Der dritte Fall betrifft die Niederlande.Dort hatte der am letzten Donnerstag bekanntgegebene Fund von mehreren tausend Bildern vergewaltigter Kleinkinder der Öffentlichkeit einen Schock versetzt.Die Bilder waren im Badeort Zandvoort in der Wohnung des deutschstämmigen Niederländers Gerrit-Jan Ulrich sichergestellt worden.Ulrich war Mitte Juni in Italien umgebracht worden.Sein mutmaßlicher Mörder, Robbie van der Plancken, ist in Italien in Haft.Ihn will die Berliner Kriminalpolizei vernehmen, um Hinweise auf den Verbleib des seit 1993 vermißten Berliner Jungen Manuel Schadwald zu erhalten.Van der Plancken soll der Presse gegenüber ausgesagt haben, daß der inzwischen verurteilte Deutsche Lothar G.mehrere Kinder aus Berlin, darunter angeblich auch den damals zwölfjährigen Manuel, für ein Kinderbordell in Rotterdam verschleppt habe.Die niederländische Polizei hat ihrerseits einen Verdächtigen im Visier.Um die Fäden zu entwirren, hat sie eine Telefonnummer eingerichtet, auf der Aussagen der Bevölkerung gesammelt werden.

DENHAAG (dpa).Der Belgier Marcel Vervloesem sieht sich als furchtlosen Kreuzritter gegen die Kinderschänder.Weil die Polizei in seinen Augen versagt hat, sucht der selbsternannte Privatdetektiv auf eigene Faust nach Beweisen gegen international operierende Banden.Oft schon erhob er Vorwürfe, ohne sie beweisen zu können.Doch im niederländischen Kinderschänder-Skandal scheint der Sprecher der Bürgerinitiative "Morkhoven" nun endlich Erfolg zu haben.Dem niederländischen Fernsehmagazin "Nova" spielte er schockierende Fotos zu, auf denen ein bis zwei Jahre alte Kinder vergewaltigt werden.Dazu nannte er Namen und Adressen von Tätern.

Vervloesems Vorgeschichte und seine Arbeitsmethoden sind jedoch umstritten.Nach Berichten der belgischen und niederländischen Presse ist er selbst einmal wegen eines Sittendelikts verurteilt worden.Auch einige seiner Mitarbeiter sollen vorbestraft sein.

Deutsche Polizisten, die Vervloesem kennen, bezeichnen ihn als Selbstdarsteller.Sichtlich zufrieden posiert er zur Zeit vor Kamerateams aus ganz Europa.Wenn nur die leiseste Kritik anklingt, ist Vervloesem für den Journalisten nicht mehr zu sprechen.Um an Beweismaterial zu gelangen, sollen er und seine Leute in Wohnungen eingebrochen sein und Täter erpreßt haben.Vervloesem weist dies weit von sich.Für ihn sind solche Vorwürfe ein neuer Beweis, daß sich Pornomafia, Polizei, Justiz und Teile der Presse gegen die letzten Aufrechten verschworen haben.

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