Zeitung Heute : Bürgerkrieg in Libyen

Tripolis/Rabat - Der Aufstand der Libyer hat die Hauptstadt Tripolis erreicht – allen Drohungen und Versprechungen von Machthaber Muammar Gaddafi zum Trotz. Aus dem Haus des Volkes, in dem üblicherweise das Parlament tagt, schlugen Flammen. In den Straßen versammelten sich am Montag erneut Gegner und Anhänger der Regierung. Auch aus Ras Lanuf, wo eine wichtige Ölraffinerie steht, wurden Unruhen gemeldet. In Benghasi im Osten haben die Sicherheitskräfte offenbar die Kontrolle verloren.

Gaddafis Sohn Saif al Islam warnte vor einem Bürgerkrieg und drohte mit einem Kampf bis zum letzten Mann. Zugleich bemühte er sich, die Libyer, die ihre Furcht vor seinem seit 40 Jahren herrschenden Vater immer mehr verlieren, zu beschwichtigen und versprach mehr Freiheiten.

Die Europäische Union verurteilte die Gewalt der Sicherheitskräfte gegen das Volk, durch die nach Angaben von Human Rights Watch mehr als 230 Menschen starben. In der Nacht seien mehr als 60 Menschen in Tripolis getötet worden, berichtete der Fernsehsender Al Dschasira und berief sich auf Rettungskräfte. Der Sender meldete zudem, dass Demonstranten mehrere Polizeiwachen gestürmt und demoliert hätten. Sicherheitskräfte zögen plündernd durch Bankfilialen und Verwaltungsgebäude. In Ras Lanuf versuchten Sonderkomitees von Bürgern und Mitarbeitern der Ölraffinerie den Komplex vor Beschädigungen zu schützen, berichteten lokale Medien.

Der libysche Justizminister Mustafa Abdel-Jalil ist aus Protest gegen den „exzessiven Einsatz von Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten“ zurückgetreten. Das berichtete die libysche Zeitung „Quryna“. Auch der Vertreter Libyens bei der Arabischen Liga in Kairo, Abdulmoneim al Honi, gab seinen Rücktritt bekannt. Er sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Ich habe mein Rücktrittsschreiben an den libyschen Führer Muammar al Gaddafi geschickt, aber ich habe keine Antwort von der libyschen Führung erhalten, was wohl daran liegt, dass Gaddafi zurzeit damit beschäftigt ist, die Demonstranten zu unterdrücken.“

Die Bundesregierung forderte alle Deutschen auf, Libyen zu verlassen. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes befinden sich derzeit etwa 500 Deutsche in Libyen. Mehrere Konzerne, darunter Siemens und RWE, begannen damit, ihre Mitarbeiter auszufliegen. Ein Streik brachte Berichten zufolge die Ölförderung zum Erliegen. Der Ölpreis stieg auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren.

„Wir werden weiterkämpfen bis zum letzten Mann, selbst bis zur letzten Frau“, sagte Gaddafis Sohn Saif al Islam am Sonntagabend in einer Ansprache im Staatsfernsehen. Gaddafi habe die Unterstützung des Militärs: „Die libysche Armee ist nicht die ägyptische oder tunesische Armee.“ Er warnte vor einer Teilung des Landes. Libyern, die im Exil leben, drohte er vor laufender Kamera und warf ihnen vor, den Aufstand anzuheizen. Zugleich gab Saif al Islam Gaddafi Fehler zu. Er kündigte umfassende Gesetzesänderungen an, die „Freiheiten ausweiten, viele der bestehenden Hindernisse und bestehende, alberne Bestrafungen abschaffen und einen nationalen Dialog über die Verfassung einleiten“ würden.

Auch in Marokko gab es Unruhen, fünf Menschen kamen ums Leben. Bei Ausschreitungen im Anschluss an Protestkundgebungen seien 128 Menschen verletzt worden, hieß es. Im Jemen und in Bahrain hielten die Proteste an. Das Auftaktrennen für die neue Formel-1-Saison am 13. März in Bahrain wurde abgesagt. rtr/dpa

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