Zeitung Heute : Bürokrat der Perversion

„Wut, Hass, aber auch ziemliches Glücksgefühl“: So beschreibt der „Kannibale“ Armin Meiwes seine Empfindungen nach der Tat. Was ist das für ein Mensch, der einen anderen tötet und isst? Der Prozess brachte an den Tag: ein ängstlicher Pedant. Heute wird das Urteil gesprochen.

Verena Mayer[Kassel]

Der Mann, den sie „Menschenfresser“ nennen, kam gerne mit einem Aktenordner in den Gerichtssaal. Er schlug ihn vor sich auf, und dann wartete er, bis jemand einen Fehler machte. Den korrigierte er mit einem Blick in die Akten, zufrieden wie ein Untergebener, der seinen Chef belauert hat. Armin Meiwes, der einen Menschen getötet, geschlachtet und zum Großteil aufgegessen hat, nahm es bei diesen Einwänden bis auf den Milliliter genau. So hat er in seiner Zelle Kaffee auf den Tisch geleert, um die Blutlache zu rekonstruieren, die sich nach dem Tod des Opfers gebildet hatte. Sein Ergebnis: Es sei genau so viel gewesen, wie in eine Kaffeetasse passt. Das Blut könne also nicht „in Strömen geflossen“ sein, wie der rechtsmedizinische Gutachter behauptet hatte.

Der 42 Jahre alte Armin Meiwes trug vor dem Landgericht Kassel stets einen seiner gut sitzenden, aber völlig unauffälligen dunklen Anzüge. Oft hatte er eine Lesebrille auf, und dann wirkte er noch mehr wie der Angestellte, der morgens im Büro einen Aktenkoffer aufklappt, in dem sich fein säuberlich geordnet Stulle, Terminplaner und Bleistiftspitzer befinden. Man versteht die Leute, die Armin Meiwes als „Hessen-Hannibal“ bezeichnen, ihn dem Horrorfilm oder den Gothic Novels zuordnen. Ja, man versteht sogar jenen hessischen Pfarrer, der Armin Meiwes für eine Kirchenzeitung interviewte („Sind Sie musikalisch?“ – „War da nicht bei Ihnen viel Wut und Hass?“). Beide Zugänge, der angewidert-lüsterne und der mitleidvolle, ersparen einem den Blick hinter den Horror. Denn dort tut sich auf, was sich hinter Horror so oft auftut: Spießertum.

Ein Haus mit 44 Zimmern

Armin Meiwes’ Mutter war eine Frau, die drei Kinder von drei verschiedenen Männer hatte, aber alles daran setzte, eine bürgerliche Fassade aufrechtzuerhalten. Das alte Herrenhaus mit den 44 Zimmern in Wüstefeld bei Rotenburg, das die Familie in den 60er Jahren für wenig Geld erworben hatte, war baufällig, sie konnte es kaum halten, doch Waltraud Meiwes gab die „Herrin von Wüstefeld“, wie sie sich selbst nannte. Zu Hause trug sie Dirndl, schwelgte in Mittelalter-Fantasien, und keiner durfte erfahren, dass sie frühmorgens in der Stadt Anzeigenblättchen verteilte, um ein bisschen Geld zu verdienen. Männer ertrug sie nicht, ein Mann war für sie „ein Baum ohne Wurzeln“, „lebensuntüchtig“, wie sie in einem Text mit dem Titel „Meine Ehe“ niederschrieb. Ihren letzten Ehemann, Polizist und um vieles jünger als sie, nahm sie wahr „wie man an einen lieben Verstorbenen denkt“. Als er sie verlassen hatte, wurde in der Familie nicht mehr über ihn gesprochen.

Nachdem auch die beiden älteren Brüder ausgezogen waren, musste Armin Meiwes „Gesellschafter, Pfleger und Kind“ in einem sein, wie es der psychiatrische Sachverständige Georg Stolpmann ausdrückte. Waltraud Meiwes nannte den Jungen „Minchen“. Sie vergraulte seine Freundinnen, und als er ihr später homosexuelle Neigungen gestand, ging sie nicht einmal darauf ein. Armin Meiwes fügte sich. Seine größte Angst sei es gewesen, ausgelöscht zu werden, sobald er sich entzog, sagte Stolpmann. Mit seinem Gutachten endete nach fast zwei Monaten und drei Dutzend Zeugen die Beweisaufnahme im Mordprozess gegen Armin Meiwes. Heute, Freitag, wird das Urteil verkündet.

Armin Meiwes blieb bei seiner Mutter, auch noch, als er Oberfeldwebel bei der Bundeswehr war und später Computertechniker. Als Waltraud Meiwes 1999 starb, ließ er ihre Plüschpantoffeln genauso an ihrem Platz wie den Morgenrock oder die Lesebrille. Armin Meiwes veränderte nichts – er trat die Nachfolge im Reich der Mutter an.

Schon als Kind hatte er sich einen Menschen gewünscht, den er ganz für sich haben konnte, jemanden, der so aussah wie der Junge aus der Fernsehserie „Flipper“. Als er älter war, kamen Schlachtfantasien dazu, der Wunsch, „einen jungen Mann aufzunehmen, um nicht verlassen zu werden“, so Gutachter Stolpmann. Armin Meiwes kam auf das Internet, auf Kannibalismus-Chats und später auf sein Opfer Bernd Jürgen B. Der 43 Jahre alte Diplomingenieur hatte im Internet angeboten, sich „bei lebendigem Leib verspeisen zu lassen. Keine Schlachtung, sondern Verspeisung!!“

Bernd Jürgen B. stammte wie Armin Meiwes aus einem Elternhaus, in dem die Fassade das Wichtigste war. Sein Vater ist Arzt, seine Mutter war Anästhesistin. Eines Tages starb ein Patient bei einer Operation unter ihren Händen, kurz darauf fand man die Mutter tot auf dem Sofa. Man vermutete Selbstmord wegen des Kunstfehlers. Vater B. fuhr mit dem Jungen ans Meer und erzählte ihm, die Mutter sei bei einem Autounfall verunglückt. Dann wurde über die Mutter nicht mehr geredet. Bernd Jürgen B. wusste bis zu seinem Tod nicht, was wirklich geschehen war. Stattdessen gab er sich selbst die Schuld und verstrickte sich in masochistische Fantasien. So lange, bis er nur mehr einen Ausweg für sich sah: entmannt und zerfleischt zu werden.

Kurz bevor dieser Wunsch in Erfüllung ging, im März 2001 im Gutshaus in Wüstefeld, brach er das gemeinsame Vorhaben ab und ließ sich von Armin Meiwes zum Bahnhof fahren. Bernd Jürgen B. hatte die Fahrkarte zurück schon in der Tasche, als er es sich doch anders überlegte und wieder zu Meiwes ins Auto stieg: Er habe schließlich sein Testament gemacht und wäre daheim in Berlin in Erklärungsnot gekommen.

Der sexualwissenschaftliche Sachverständige Klaus Beier meinte, in dieser Sache hätten „der Blinde und der Lahme“ kommuniziert, zwei Menschen, bei denen man schwer sagen kann, welcher von den schlimmeren Vorstellungen besessen war. Aber es ist eine Sache, perverse Fantasien zu haben. Es ist eine andere, sie umzusetzen, und zwar so, wie Armin Meiwes das tat. Da war kein Zufall oder Affekt im Spiel, Meiwes ging bei allem überlegt und gezielt vor. Er baute einen „Schlachtraum“ und besorgte die notwendigen Gerätschaften. Er las Bücher und sondierte hunderte Bewerbungen von Leuten, die sich schlachten lassen wollten, darunter ein „Conference Organizer“ und ein Koch aus Villingen-Schwenningen, der das Gesicht bei seiner Zeugenaussage hinter Sonnenbrille und Kappe verbarg. Armin Meiwes legte Wert darauf, dass bei seinen Kandidaten „Freiwilligkeit und Volljährigkeit“ gegeben waren und ließ sich das schriftlich bestätigen. Bei einer Firma, die „Manbeef“ hieß und angeblich Menschenfleisch zum Verkauf anbot, gab er Bestellungen auf.

„Das war eine Registrierung.“ Armin Meiwes unterbricht wieder einmal auf seine lauernde, pedantische Art die Verhandlung. „Das war eine Registrierung, keine Bestellung. Es war eine Registrierung zur Bestellung eines Informationsvideos.“ Als Bürokrat seiner eigenen Perversion wusste Armin Meiwes genau, worauf er sich einließ. Der Gedanke, ins Gefängnis zu gehen, habe ihm vor der Tat nichts ausgemacht, sagte er bei einer Vernehmung. „Immerhin hätte ich den größten Kick meines Lebens gehabt.“

Mit fünf Männern war er verabredet, bevor er Bernd Jürgen B. kennenlernte. Für einen hatte er einen Käfig gebaut, weil der eine „devote Schlachtsau, männlich“ sein wollte und Meiwes Leute „über Erfüllung ihrer Wünsche gefügig machte“, wie Stolpmann sagte. Einen anderen, Jörg, hatte er schon am Haken, mit dem Kopf nach unten und die diversen Körperteile markiert wie beim Vieh. Selbst da blieb Armin Meiwes kühl: Als Jörg sagte, er wolle doch nicht, ließ Meiwes ihn gehen. Armin Meiwes wollte Perfektion. Und Perfektion hieß nicht nur, dass der andere über sich verfügen lässt, sondern dass er dies auch aus freien Stücken tut. Armin Meiwes habe sich nie für die Persönlichkeit seines Opfer interessiert, nur für die „formale Freiwilligkeit“, sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Meiwes habe aus „niedrigsten Motiven“ gehandelt, Bernd Jürgen B. sei für ihn ein „Spielzeug“ gewesen, um sexuelle Wünsche zu befriedigen. Meiwes sei daher wegen Mordes zu verurteilen.

Der Verteidiger blieb dabei, dass es Tötung auf Verlangen gewesen sei. Zwar habe Armin Meiwes im eigenen Interesse gehandelt, aber es sei der Wunsch des Opfers gewesen zu sterben. Armin Meiwes habe also nur erfüllt, was beide in „einem Vertrag“ beschlossen hätten. Die Richter selbst haben sich drei Optionen offen gehalten: Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen. Eine juristische Bandbreite, die die Komplexität eines Falles illustriert, mit dem kein Gesetzgeber je gerechnet hat.

Ein romantisches Gefühl?

Gutachter Stolpmann kam zu dem Schluss, dass Armin Meiwes uneingeschränkt schuldfähig sei. Zwar liege eine schwere seelische Abartigkeit vor, bei der Tat sei Armin Meiwes aber steuerungs- und einsichtsfähig gewesen. Es sei ihm nicht nur um das Fleisch und das Verspeisen gegangen, wie Meiwes stets behauptet hatte, sondern auch um das Töten. Das habe er sich „romantisch“ vorgestellt, und er sei enttäuscht gewesen, als dem nicht so gewesen sei. Was er nach der Schlachtung empfand, hat Meiwes aufgeschrieben: „Wut, Hass, aber auch ziemliches Glücksgefühl.“

Es sollte nicht dabei bleiben, dass Meiwes sein Opfer entmannte, ausweidete und die Schlachtung auf Video festhielt. Meiwes musste auch noch im Internet mit seinem Opfer prahlen. Und zwar mit solchen Formulierungen: „Ein Junge, von dem man sich eine Scheibe abschneiden kann.“ – „Früher wären das Gedanken, die dann eingeschlafen wären. Gott sei Dank gibt es noch Technik.“ Ein Student hat ihn daraufhin angezeigt, Meiwes wurde verhaftet. Den Polizisten, die im Dezember 2002 sein Haus durchsuchten, hat er beflissen Kaffee angeboten.

Bevor die Beweisaufnahme geschlossen werden konnte, musste wie in jedem Prozess eine Liste der sichergestellten Gegenstände durchgegangen und der Angeklagte gefragt werden, was er davon behalten wolle. Armin Meiwes meldete sich zu Wort und sagte, er habe „sauber angekreuzt“, was er noch brauche. Den Computer und ein Küchengerät. Und die Fotos vom Strandurlaub.

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