Zeitung Heute : BULGARIENS ALTE HERREN WARTEN AUF BEFREIUNGSSCHLAG: Doch Diva Balakow nur Statist

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Im bulgarischen WM-Drehbuch war dem Ballkünstler eine schillernde Hauptrolle zugewiesen worden.Doch die Realität des ersten Fußball-Spielfilms bei der laufenden WM war von eher tristerem Zuschnitt: Da war Krassimir Balakow beim peinlichen 0:0 gegen Paraguay zur Randfigur im Rampenlicht geschrumpft.Wie ein Komparse erfüllte der Mittelfeld-Regisseur des VfB Stuttgart seine Arbeit: Nie an entscheidenden Szenen beteiligt, nie von seinen Mitspielern als Denker und Lenker gesucht.

Und selbst dann, wenn das geniale Spezialistentum Balakows gefragt gewesen wäre, bei Freistoßsituationen in Tornähe, durfte der 32jährige sein Statistentum nicht ablegen: Als wehmütiger Betrachter schaute Balakow nur zu, wie der finstere Mannschaftskapitän Iwanow oder der Chefexzentriker Stoitschkow die Chancen kläglichst vermasselten."Alles andere als ein optimaler Start", sagt der nicht übermäßig von Selbstkritik angefochtene Balakow, "wir stehen jetzt unter Druck".

Besonders dringend braucht allerdings Balakow selbst einen Befreiungsschlag beim heiklen Alles-oder-Nichts-Spiel gegen Afrikas Topteam aus Nigeria.Schließlich steckt der Mann, der aus der Tiefe des Raumes die berüchtigten "tödlichen Pässe" schlagen kann, bereits seit Monaten in einer gefährlichen Krise.Nur noch wie ein mattes Abbild des einstmals flinken und forschen Ideenlieferanten wirkte Balakow auch schon in der Bundesliga, zudem entpuppte sich der Gast-Arbeiter noch als nervenschwache Diva und brachte den VfB Stuttgart in den unendlich scheinenden Cannstatter Hauskrächen als gelegentlich "schlagende Verbindung" recht überflüssig in die Schlagzeilen.

Ungerührt ist das schwäbische Theater um Geld, Macht und Einfluß nicht an Balakow vorübergegangen.Den sportlichen Absturz hat der Routinier bei den Fußball-Weltspielen nicht aufhalten können, der angezählte Star rückte in der Hierarchie der Nationalelf auf einen Platz am unteren Ende der Skala.Balakow, sagt Nationaltrainer Hristo Bonew vorsichtig, habe "wohl zuviele Probleme mit zur WM geschleppt".Er habe den Eindruck, so Bonew, "daß Krassimir nicht das Selbstvertrauen hat, das einem Spieler seines Formats zusteht".Mitspieler Daniel Borimirow glaubt allerdings, "daß es bei Balakow noch richtig knallen kann bei dieser WM".

Nichts weniger als das wünscht sich auch Balakow selbst.Schließlich ist es unwiderruflich seine letzte WM, die letzte Gelegenheit, auf ganz großer Bühne sein Können zu zeigen.Vielleicht höre er nach dem Championat in Frankreich "auch ganz in der Nationalmannschaft auf", sagt Balakow, "das entscheide ich aber erst nach unserem letzten Spiel hier".Das könnte schneller als gedacht kommen: Ein weiterer Ausrutscher gegen Nigeria, dann dürften die hochgehandelten, zugleich aber wohl auch ein wenig überschätzten alten Herren aus Bulgarien ihre Siebensachen bereits nach der Vorrunden zusammenpacken."Soweit kommt es nicht", meint Balakow, "wir erreichen auf jeden Fall das Viertelfinale".Die nicht restlos überzeugende Zuversicht des Berufsschwaben nährt sich allein aus der Tatsache, "daß in dieser Mannschaft viel zuviel Qualität steckt, um ganz früh auszuscheiden".

ZDF - WM - live 17.30 Uhr Nigeria - Bulgarien

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