Zeitung Heute : Bumerang

Immer wieder schafft die Polizei sie fort, immer wieder kommen die Flüchtlinge zurück in den Hafen von Calais. Er ist für sie die letzte Station vor dem gelobten Land: Großbritannien

Hans-Hagen Bremer[Calais]

Zabiullah ist wieder da. Der 22-jährige Mathematikstudent aus Pakistan hatte sich schon am Ziel geglaubt. Nach mehreren vergeblichen Anläufen und einer monatelangen Reise war er endlich durch die Absperrungen auf das Hafengelände in Calais gelangt und hatte sich unter einem Sattelschlepper versteckt, der später auf ein Fährschiff rollen sollte. Doch im letzten Augenblick hatten ihn die Wachmänner an Bord entdeckt. Sie übergaben ihn der französischen Polizei, die ihn in eine hunderte Kilometer entfernte Sammelunterkunft für Ausländer brachte. Dort musste er am nächsten Tage wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Ausweisen konnte man ihn nicht, da er aus einem Krisengebiet stammt. Und einen langwierigen Asyl-Antrag in Frankreich wollte er nicht stellen. „Ich will nach England“, sagt er, „und ich werde es immer wieder versuchen.“ Er sagt, er habe Verwandte dort, die Verbindung von Pakistan zu Großbritannien ist traditionell enger als zum Rest von Europa. Aber vor allem gibt es in England eines: mehr Jobs.

Er hat sich also wieder auf eine beschwerliche Reise gemacht und ist diesmal als Schwarzfahrer wieder in Calais, eingetroffen, der vorläufigen Endstation seiner Sehnsucht.

So hartnäckig wie er halten auch die anderen jungen Männer, die sich an einer verlassenen Lagerhalle am Bassin de la Batellerie an offenen Feuern wärmen, am Traum vom Leben in Großbritannien fest, trotz der Verschärfung der britischen Einwanderergesetze, der erhöhten Sicherheitsmaßnahmen am Hafen von Calais, der hermetischen Abriegelung der Einfahrt zum Eurotunnel und der Kontrollen der französischen Polizei. Großbritannien und Frankreich versuchen, das Problem mit Härte zu lösen, Erfolg scheint das nicht zu versprechen.

„Erst gestern sind sie wieder in den frühen Morgenstunden gekommen und haben 15 Leute mitgenommen“, berichtet Yonas, ein 20-jähriger Student aus Eritrea. Er selbst sei gerade noch entkommen. Die anderen seien dann, wie Zabiullah, irgendwohin verfrachtet worden und werden, wie Zabiullah, aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Tagen wieder hier auftauchen. Sie sind wie Bumerangs, die Polizei karrt sie weit weg aus der Stadt, aber sie kommen immer wieder nach Calais zurück.

Einige halten sich schon seit Wochen in Calais auf, andere sind nach wenigen Tagen wieder verschwunden. Haben sie eine klandestine Passage gefunden? Sind sie auf einen Fährhafen in Belgien ausgewichen? Oder haben sie aufgegeben? Manche fallen auch Schleppern zum Opfer. „Sie sind mit meinem ganzen Geld verschwunden“, erzählt Atheer, ein 23-jähriger Elektrotechniker aus dem Irak. Mitte Dezember wurden acht Männer in Calais festgenommen. Sie sollen einer 22-köpfigen Schlepperbande angehört haben, die am selben Tag in einer europaweiten Aktion von der Polizei ausgehoben wurde.

Am 30. Dezember 2002 hatte Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy auf Druck der britischen Regierung das Notaufnahmelager in Sangatte in der Nähe von Calais schließen lassen. 97 000 Migranten, wie die Flüchtlinge aus Asien, Afrika und Osteuropa genannt werden, waren damals in den zwölf vorangegangenen Monaten in Calais gezählt worden. 2003 waren es nur noch 14 700. Doch das Problem war nur scheinbar gelöst. Seitdem ist die Zahl der Migranten, die über Calais nach England zu gelangen hoffen, aber wieder gestiegen: 2005 waren es nach Polizeiangaben 22 000.

Geändert haben sich nur die Bedingungen für die Flüchtlinge. Hatten sie früher in einem Lager vom Roten Kreuz wenigstens ein Dach über dem Kopf, so irren sie jetzt tagelang zu hunderten durch die Straßen der Stadt, schlafen unter Brücken, in leer stehenden Häusern oder in Containern. Der Winter, der Ende Dezember mit Schnee und Frost über Nordfrankreich hereinbrach, vertrieb viele aus der Stadt in einen nahen Wald. Dort errichteten sie mit Reisig, Ästen, Kartons und Plastikplanen ein kleines Dorf. Die einzigen Wärmequellen sind die offenen Feuerstellen – ein Szenario, das auf erschreckende Weise an Bilder aus einem Katastrophengebiet erinnern.

Es ist Mittag. Von allen Seiten kommen nun Gestalten in dicken Jacken, Schals und Wollmützen auf dem Platz vor dem Bassin de la Batellerie zusammen und reihen sich in die Schlange vor einem Wohncontainer ein. Helfer von Bürgerinitiativen treffen ein, laden Körbe aus, schließen den Container auf und lassen Frauen, Kinder und Verletzte darin Platz nehmen, es gibt Weißbrot, Käse, Obst und Wasser. Den anderen wird das karge Mahl nach draußen gereicht. Einer versucht, eine zweite Tüte zu ergattern. „Non, non!“, verscheucht ihn mit kräftiger Stimme ein Mann mit einem eindrucksvoll gezwirbelten Schnurrbart. Es ist Charles Framezelle, genannt „Moustache“, ein Helfer, der die Essensausgabe überwacht. „Abends gibt es dann für jeden ein warmes Essen“, sagt er und geht auf Myriam, die Dolmetscherin, zu, die mit dem Krankenwagen von „Ärzte ohne Grenzen“ gekommen ist. „Jeden Tag versorge ich etwa 20 Patienten“, berichtet Jacques Bernard, der Arzt, nach Beendigung seiner Sprechstunde. Hautentzündungen sind wegen der mangelnden Hygiene am häufigsten. Eine zweite Schlange wartet auf den Kleinbus der Hilfsorganisation „Secours catholique.“ Er holt die Migranten zum Duschen ab. Neue Bekleidung wird alle zwei Wochen verteilt.

Seit drei Jahren koordiniert Moustache die Zusammenarbeit der Bürgerinitiativen, denen die Misere der Migranten nicht gleichgültig ist. Einmal hatte er Flüchtlinge bei sich zu Hause aufgenommen. Das brachte ihn in Konflikt mit der Justiz wegen „Beihilfe zu illegalem Aufenthalt“. Ähnlich erging es Jean-Claude Lenoir, einem anderen Helfer. Beide wurden in erster Instanz zu fünf Jahren mit Bewährung verurteilt, was zu einem öffentlichen Aufschrei („Seit wann ist Solidarität ein Delikt?“) führte. In zweiter Instanz wurden sie freigesprochen. Wegen „Beleidigung“ von Ordnungskräften erhielten sie gleichwohl Bußen von 8 000 Euro. Spender brachten das Geld auf, wie überhaupt ihre Arbeit ohne die Spendenbereitschaft der Bürger von Calais nicht denkbar wäre. Supermärkte überlassen ihnen Lebensmittel, Bäcker schieben ein paar zusätzliche Weißbrotstangen in den Ofen, und einmal in der Woche bereiten die Frauen der Muslim-Vereinigung einen Couscous zu.

Von der Stadt kommt keine Hilfe. Bürgermeister Jacky Henin, ein Kommunist, der dem Europa-Parlament angehört, betrachtet das Flüchtlingsproblem nach Auskunft eines Mitarbeiters als eine „europäische Angelegenheit“. Auch von der Regierung kommt nichts. Petitionen der Hilfsorganisationen an den Präfekten des Departements blieben ohne Antwort. Stattdessen wurde die Polizei verstärkt. Kürzlich kam Innenminister Sarkozy nach Calais. Seither haben die Migranten unter neuen Schikanen zu leiden. „Man reißt sie mitten aus dem Schlaf und vertreibt sie mit Tränengas aus ihren Notunterkünften“, berichtet Abbé Jean-Pierre Boutoille bei der abendlichen Essensausgabe an einem windgeschützten Hangar in der Nähe eines Hafenbeckens mit dem schönen Namen Bassin du Paradis. Wieder hat sich eine lange Schlange gebildet. Es gibt Nudeln mit Huhn und Gemüse, Weißbrot und Obst – für 400 Menschen, vor einem Jahr waren es noch 150.

„Einige Tage vor Weihnachten ist hier die Polizei mit einem Riesenaufgebot angerückt, hat den Platz umstellt und alle abtransportiert, bevor sie etwas essen konnten“, erzählt der Priester. Einen solchen Bruch einer bisher stillschweigend akzeptierten Regel, die Migranten nicht beim Essen festzunehmen, habe er sich nie vorstellen können. Auch heute fährt wieder ein Polizeiwagen vor. Kurz kommt Unruhe auf, aber die Beamten steigen nicht aus und fahren bald weiter. „Dass das hier keine Polizeiaufgabe ist, sondern ein humanitäres Problem, scheint Sarkozy nicht zu interessieren“, sagt der Abbé.

„Die Republik verhält sich so, als ob es diese Männer, Frauen und Kinder nicht gäbe“, schrieb Jean-Paul Jaeger, der Bischof von Arras, in einem offenen Brief an den Innenminister. „Ist es normal, dass Frankreich, das sonst so gewissenhaft die großen humanitären Prinzipien verteidigt, seine Augen verschließt und die Verantwortung freiwilligen Helfern überlässt, die nach drei Jahren am Ende ihrer Kräfte sind, kaum Anerkennung finden und behindert werden, wo es nur geht?“

Die Antwort des Ministers ließ nicht lange auf sich warten. Auf seine Anweisung seien „für diese Menschen“ hunderte Plätze in Aufnahmezentren in verschiedenen Regionen Frankreichs eingerichtet worden, schrieb Sarkozy. Aber dort wollten sie nicht bleiben und gegen ihren Willen könne man sie nicht festhalten. „Niemand will ein neues Sangatte“, sagt Abbé Boutoille, „aber mit Polizeimethoden wird man die Flüchtlinge nicht von ihrem Traum abbringen, nach England zu fahren.“

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