Zeitung Heute : Bumm, bumm, Popp

Schon abgeschrieben, jetzt die neue Tennis-Hoffnung: Alexander Popp in Wimbledon

Benedikt Voigt[London]

Von Benedikt Voigt,

London

Es war vor ungefähr zehn Monaten, als Alexander Popp zu seinem Trainer Helmut Lüthy sagte: „Helmut, ich glaube nicht mehr daran.“ Einen Rückschlag nach dem anderen hatte er da einstecken müssen. Das Pfeiffersche Drüsenfieber hatte ihn eineinhalb Jahre lang gequält, jene tückische Viruserkrankung, die müde macht und jede Bewegung zur Anstrengung werden lässt. „Ich konnte maximal eine Stunde Tennis spielen, dann ging gar nichts mehr“, sagt Popp, „ich war am Boden zerstört.“ Letztes Jahr ging es endlich wieder aufwärts, da stoppte ihn eine schwere Handverletzung. Popp musste operiert werden – und wollte aufhören. Doch sein Trainer Helmut Lüthy sagte: „Du wirst belohnt werden und du wirst wieder Freude haben.“

Dieser Satz wirkt heute wie eine Prophezeiung. Tatsächlich hat Alexander Popp in Wimbledon gerade sehr viel Freude. Er ist beim wichtigsten Tennisturnier der Welt bis ins Viertelfinale gekommen – gegen den Australier Mark Philippoussis, der seine Aufschläge mit bis zu 220 Kilometern pro Stunde ins Feld zu hämmern pflegt. Und er machte dabei – zumindest zu Beginn der Partie – eine gute Figur. Das Spiel wurde gestern um 20Uhr 25 bei einem Stand von 2:2 Sätzen vertagt. Nach sechs Stunden und 25 Minuten – viermal musste das Match wegen Regenschauern unterbrochen werden.

Egal wie es enden sollte, Popp hat in Wimbledon schon jetzt Ungewöhnliches geleistet. „Das hier ist etwas Besonderes“, sagte er, „ich habe bewiesen, dass das erste Mal kein Zufall war.“ Vor drei Jahren hat der 26-Jährige aus Mannheim schon einmal der Viertelfinale von Wimbledon erreicht.

Er ist ein zurückhaltender Mensch, das plötzliche Interesse an seiner Person irritiert ihn. „Ich weiß nicht, ob der Erfolg zu diesem Zeitpunkt gut ist“, sagte er, „jetzt werden die Erwartungen an mich höher.“ Zumal er in Wimbledon in berühmte Fußstapfen tritt. Boris Becker, Michael Stich und Nicolas Kiefer waren 1997 die letzten Deutschen, die in Wimbledon ins Viertelfinale kamen. Das freilich war noch in einer ganz anderen Tennis-Epoche.

Jene Zeitrechnung begann am 7.Juli 1985, als der 17-jährige Boris Becker Wimbledon gewann. Es folgten Jahre, in denen Begriffe wie Aufschlag, Return oder Break in den aktiven Wortschatz eines jeden Deutschen eingingen. Mit jedem Turnier, das Boris Becker, Steffi Graf oder Michael Stich gewannen, wurde Deutschland mehr zur Tennisnation. Es waren die goldenen Zeiten dieses Sports in Deutschland, Zeiten, in denen der Deutsche Tennis Bund (DTB) die Fernsehrechte für 125 Millionen Mark verkaufte. Diese Zeiten sind vorbei: Als der DTB im vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag beging, hatte er zehn Millionen Euro Schulden. Nur knapp konnte er vor der Insolvenz gerettet werden. Weil die deutschen Spieler keine Erfolge bringen, wollen immer weniger Zuschauer Tennis im Fernsehen sehen. Und so winken auch die Sponsoren ab, wenn sie ihr Geld in Tennis stecken sollen. Die Übertragungsrechte am Damenturnier von Hamburg mussten bereits verkauft werden, um dem Verband Geld zu verschaffen. Das Herrenturnier am Hamburger Rothenbaum und die German Open in Berlin kämpfen ums Überleben.

Doch jetzt gibt es wieder Hoffnung. Da ist einmal Rainer Schüttler, der im Januar das Finale der Australian Open erreichte und in Wimbledon mit einer Oberschenkelverletzung im Achtelfinale ausschied. Und der Zweite ist seit einer Woche Alexander Popp. Die Spiele der beiden lockten bei der ARD bisher bis zu 1,4 Millionen Zuschauer vor den Fernseher.

Doch an diesen neuen Alexander Popp müssen sie sich erst noch gewöhnen. Er wirkt etwas steif auf dem Tennisplatz, zeigt keine Emotionen. Nach seinem ersten Break gegen Philippoussis lächelte er ein bisschen – und schälte sich eine Banane. Als er zuvor in der dritten Runde überraschend gegen Jiri Novak gewonnen hatte, versteckte er sein Gesicht und seine Gefühle unter seinem dunkelblauen Handtuch. Wie anders war doch Boris Becker, der schrie und schimpfte und jubelte. Man möchte kaum glauben, wenn Popp sagt: „Ich war als Jugendlicher ein emotionaler Spieler, aber ich habe mir damit vieles kaputt gemacht.“ Nun bleibt er ruhig.

Abseits des Tennisplatzes fällt er nicht auf – trotz seiner Größe. Der Verband, der so verzweifelt Beckers Nachfolger sucht, hatte ihn in der Zeit seiner Krankheit einfach vergessen. „Von den entscheidenden Leuten habe ich in dieser Phase kein Wort gehört“, sagt Popp. Überhaupt hat der Sohn einer britischen Mutter und eines deutschen Englischlehrers wenig Unterstützung von dem deutschen Verband bekommen. „Ich bin ganz allein dahin gekommen, wo ich jetzt bin“, erzählt er. Nach seinem Erfolg in Wimbledon melden plötzlich auch die Briten Ansprüche auf Alexander Popp an. Doch da verkalkulieren sie sich. „Ich spiele seit 26 Jahren für Deutschland, und es sieht nicht aus, als ob sich das in nächster Zeit ändern würde.“

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