Bundespräsident im Interview : Wulff versucht den Befreiungsschlag

Bundespräsident Christian Wulff gibt sich im gestrigen Fernseh-Interview in bedrängter Lage, macht aber deutlich: Er will im Amt bleiben.

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Berlin - Bundespräsident Christian Wulff will trotz massiver Vorwürfe sein Amt nicht aufgeben. Am späten Mittwochnachmittag stellte Wulff sich in einem gemeinsamen Interview von ARD und ZDF Fragen zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit seinem Immobilienkredit und Anrufen beim Springer-Verlag. Das rund 15-minütige Gespräch sollte am Abend nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe ausgestrahlt werden.

Das Interview ist Wulffs zweite Stellungnahme vor Kameras zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Zwei Tage vor Heiligabend hatte er vor Journalisten auf Schloss Bellevue sein Vorgehen in der Affäre um den Privatkredit eines befreundeten Unternehmerpaars in einer Erklärung als „nicht geradlinig“ bezeichnet und sein Bedauern ausgedrückt, allerdings ohne weitere Fragen zu beantworten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe „volles Vertrauen“, dass Wulff „alle anstehenden Fragen umfassend beantworten wird“, sagte Vizeregierungssprecher Georg Streiter am Vormittag. Er wies zugleich darauf hin, „jeder in der Politik“ wisse, dass ein hohes Amt es mit sich bringen könne, erhöhter Aufmerksamkeit ausgesetzt zu sein: „Und das muss man auch ertragen.“ Merkel schätze die Arbeit des Präsidenten, daran habe sich nichts geändert. Streiter verneinte die Frage, ob Merkel den Bundespräsidenten zu einer Stellungnahme aufgefordert habe. Aber die Kanzlerin stehe „in ständigem Austausch“ mit dem Bundespräsidenten, fügte der Sprecher hinzu.

Begleitet von einem verheerenden Medienecho war der Präsident am Morgen aus dem Urlaub in seinen Amtssitz nach Berlin zurückgekehrt. In den vergangenen Tagen war bekanntgeworden, dass Wulff am 12. Dezember mit Telefonanrufen bei Verantwortlichen im Springer-Verlag versucht hatte, eine kritische Berichterstattung über seine Person zu verhindern. In einem späteren Telefonat hatte sich der Präsident dafür entsachuldigt. Ausgangspunkt der Kritik an Wulff war ein Privatkredit von 500 000 Euro, den er 2008 als niedersächsischer Ministerpräsident von dem befreundeten Unternehmerpaar Egon und Edith Geerkens erhalten hatte.

Vertreter aus Opposition und Koalition hatten das Staatsoberhaupt zu einer Erklärung gedrängt. Auch erste Rücktrittsforderungen waren lautgeworden. CSU-Chef Horst Seehofer sprach Wulff am Mittwoch noch vor dem Interview das Vertrauen der CSU aus. Am Rande der Klausurtagung der CSU-Bundestags-Landesgruppe im oberbayerischen Wildbad Kreuth sagte der bayerische Ministerpräsident, er habe auch mit Merkel gesprochen. „Die Sachverhalte, die im Raum stehen, können nur vom Bundespräsidenten bewertet und beantwortet werden.“ Er erklärte: „Die CSU steht zu diesem Bundespräsidenten Christian Wulff, und er hat auch unser Vertrauen.“

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) bezeichnete Wulffs Bereitschaft, sich zu äußern, als „Schritt in die richtige Richtung“. Als kritikwürdig bezeichnete es der DJV-Vorsitzende Michael Konken aber, dass sich Wulff nur den Fragen von ARD und ZDF stellte. Auch private Fernsehsender protestierten.

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