Bundespresseball : 60 Jahre und kein bisschen leise

Mondäne Casinoatmosphäre brachte Glanz in die Bälle der frühen Jahre. Spätestens in Berlin wurde nicht mehr nur über politische Koalitionen getuschelt.

von
Der 60. Bundespresseball hat sich dem Wandel verschrieben - eine bunte, immer wieder überraschende Metamorphose ist das Motto dieser rauschenden Ballnacht.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
27.11.2011 12:35Der 60. Bundespresseball hat sich dem Wandel verschrieben - eine bunte, immer wieder überraschende Metamorphose ist das Motto...

Die markanten, dunkel eingefassten Brillen schlagen gewissermaßen eine modische Brücke von den Anfangstagen des Bundespresseballs bis in die Jetztzeit. Die Moden ähneln sich, wenngleich es einen entscheidenden Unterschied gibt. Damals trugen die Damen nur im äußersten Notfall zum Abendkleid eine Brille. Das entsprach einfach nicht der Ästhetik der Zeit. Auch das Lebensgefühl hat sich gewandelt. Damals standen alle Zeichen auf Anfang.

Der erste Bundespresseball hatte zwei Vorläufer, die 1949 und 1950 in Bonn stattfanden. Beim ersten fütterten Theodor Heuss am Vorabend der Wahl zum Bundespräsidenten und Vizebundestagspräsident Carlo Schmidt den Kamin in der Bonner Eldorado-Bar höchstselbst mit Holzscheiten. Beim zweiten Mal schmetterten sie Soldatenlieder im Kursaal von Bad Honnef.

Nur sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs fand dann in dem damals zu einem Drittel zerstörten Bonn der erste Bundespresseball statt. Morgenluft wehte durch die junge Republik. Nach den entbehrungsreichen Jahren war die Sehnsucht nach Glanz omnipräsent. Ausgerechnet der frühere Berliner Eishockeyspieler Gustav Jaenecke half mit, dass der Ball im folgenden Jahr deutlich mondäner gefeiert werden konnte. Er war Direktor der Spielbank im Kurhaus von Bad Neuenahr. Beliebt bei den Ballgästen war dort das Spielen im Casino mit Gratis-Jetons. Der Preis war die weite Anreise: 50 Kilometer. Die wären zu bewältigen gewesen, hätten damals nicht Gangster die Gegend unsicher gemacht, die scharf auf Autos, Schmuck und Pelze waren. 1954 mussten Polizisten aus ganz Nordrhein-Westfalen die Strecke zwischen Bonn und Bad Neuenahr absichern. Viele Gäste, die eine Übernachtung eingeplant hatten, bildeten Konvois für die Rückfahrt. „Verbonnt in alle Ewigkeit“ lautete das Motto 1956. Die Ewigkeit sollte noch 33 Jahre dauern, bis der Fall der Mauer die Verbannung an den Rhein langsam auflöste.

Als die Beethovenhalle wieder aufgebaut war, zog der Ball zurück nach Bonn. Das kühlere Ambiente mit Neonlicht nahm man in Kauf, weil man dort so gut flanieren konnte. Im Folgejahr war den Bonnern nicht nach Feiern zumute. Die neu gebaute Berliner Mauer warf ihre Schatten bis an den Rhein, der Ball fiel aus. Noch ein Jahr später war dann die Stimmung zwischen Politikern und Journalisten wegen der „Spiegel“-Affäre extrem gereizt. Aber für den Ball vertrug man sich, und die Hauptakteure, Rudolf Augstein, Conrad Ahlers, Franz-Josef-Strauß und Justizminister Wolfgang Stammberger, blieben dem Fest auch gleich ganz fern.

Während heute festliche Events gern dazu genutzt werden, sich mit neuen Partnern zu outen, gern auch mal mit gleichgeschlechtlichen, war daran in der Frühzeit der Bälle noch nicht zu denken. Die Frage „Wer mit wem?“ bezog sich damals noch ganz aufs Politische, also auf die Frage: Welche Koalitionen sind möglich?

Spekulationen waren immer erlaubt, zum Beispiel als 1966 der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard lieber zum Fußball ging als zum Presseball. Eine Woche später trat er zurück. Zwischen drei und sechs Uhr morgens sollen Rainer Barzel und Helmut Schmidt abgeschottet an einer Bar die große Koalition klar gemacht haben. Das konnte man wohl getrost als Arbeitsball bezeichnen.

Zwei Jahre zuvor hatte der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke es abgelehnt, das ebenfalls anwesende spanische Prinzenpaar zu einer Audienz zu empfangen. Seine geheimnisvolle Begründung lautete, er selbst sei da als Gast der Presse.

Als korrektes Kleidungsstück für den Herrn hatte der Smoking zunehmend den Frack abgelöst. Ausgerechnet im Revolutionsjahr 1968 freilich bekam der damalige britische Handelsminister Anthony Crossland Kummer mit der heimischen Presse, weil er im Smoking erschienen war, während sein Tischpartner Willy Brandt, der damals Außenminister war, sich für Frack mit weißer Schleife entschieden hatte. Die 68er modifizierten aber auch die Dresscodes, Maokragen und weiße Rollis wurden möglich, und sogar der Smoking für die Dame war plötzlich salonfähig.

Die fortschreitende Liberalisierung zeigt sich auch bei der beliebten Verlosung. 1972 gehörte zu den Hauptpreisen der Tombola neben einem 100-Liter Whiskyfass auch ein lebenslanges Playboy-Abonnement. Während der Energiekrise 1973 fiel die Tombola beim Ball bescheidener aus, auch das Thermometer wurde runtergedreht, die Beleuchtung leicht gedimmt.

Im Bonn der 70er Jahre war der Bundespresseball ansonsten der glanzvolle Höhepunkt des Jahresreigens. Da alle dabei sein wollten, gab es viele Preise für die Tombola, manchen waren es zu viele. Ein Korrespondent erinnerte sich später, dass es ein bisschen wie beim Berliner Presseball war, wo am Ende fast jeder mit irgendeinem Küchengerät nach Hause ging.

In den 70er Jahren kamen dann auch neue Gäste zum Ball. Sie hießen „Siegfried Grün“ und nahmen im Smoking an den Prominententischen Platz. Freilich hatten sie keine Partnerinnen dabei und tanzten auch nicht. Die Rote Armee Fraktion hatte das Zeitalter des Terrorismus eingeläutet. Erstmals 1972 mussten alle 200 Gäste einen Personalausweis vorzeigen. Zwei Jahre später gingen bis Mitternacht vier Bombendrohungen ein.

Die opulenten 80er Jahre hätten fast im Zeichen des Fracks gestanden. Bundeskanzler Helmut Kohl hatte 1982 seine Minister fast komplett in die Beethovenhalle zitieren können, um die neue christlich-liberale Koalition auch auf dem gesellschaftlichen Parkett zu etablieren. Da Bundespräsident Karl Carstens aber beim Smoking blieb, konnte sich der pompösere Dresscode nicht durchsetzen. Mit Hubert Kleinert erschien 1987 erstmals ein Grüner beim Ball. Er legte mit weißem Schal zum schwarzen Anzug die Kleiderordnung kreativ, aber nicht demonstrativ aus.

Acht Tage nach dem Fall der Mauer fand der letzte Ball in den 80ern statt, und da war noch kaum zu ahnen, dass man beim nächsten Mal in einem anderen, einem wiedervereinigten Land tanzen würde. Die Umwälzungen spiegelten sich auch in der Musik. Zu Beginn der 90er Jahre gab es plötzlich Jazz aus Radebeul. Auch der Ort des Geschehens wechselte. Die Beethovenhalle mit ihrem legendären Parcours hatte ausgedient, man feierte nun im Maritim-Hotel zusammen mit Politikern und Journalisten aus den neuen Bundesländern.

In den 90er Jahren wurde das Blitzlichtgewitter größer. Die Frage „wer mit wem“ war plötzlich nicht mehr nur politisch, sondern auch privat, zum Beispiel als Rudolf Dreßler und Gerhard Schröder 1996 ihre neuen Freundinnen vorzeigten, Doris Köpf und Doris Müller.

Dieser Trend verstärkte sich noch mal deutlich, als der Ball mit der Regierung nach Berlin umzog, in die neue Hauptstadt des roten Teppichs. Der Ball war jetzt „all inclusive“, dazu gehörten nicht nur opulente Büfetts und gute Getränke, sondern auch semipolitischer Klatsch.

Beim ersten Bundespresseball im Hotel Interconti zermatschten Kamerakabel die Vorspeisen der Gäste am Ehrentisch. Raue Sitten schienen die rheinische Zivilisation zu verdrängen. Später wurde das besser. Unter anderen bedienten Außenminister Joschka Fischer und seine Frauen nun das Interesse der bunten Republik, wenn auch ganz sicher unfreiwillig. Freilich hatte der Ball viel Konkurrenz bekommen. In den Nuller Jahren nahm die Zahl der Charity-Ereignisse zu. Dadurch wurde der Bundespresseball in gewisser Weise homogener. Über Jahre bewegte die Frage, ob es Bundeskanzlerin Angela Merkel doch noch einmal über sich bringen würde, zusammen mit ihrem Mann zu erscheinen.

Die Bundespräsidenten kamen, wie es Tradition war, weiterhin zuverlässig. Und aus dem „Stehempfang mit Disco“, wie die Zuzügler aus Bonn in den Berliner Anfängen lästerten, wurde doch noch ein hochkarätiges gesellschaftliches Ereignis, zu dem auch die Damen gern mal dunkel gerahmte Brillen trugen.

Autor

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben