Bundeswehr in Afghanistan : Feiern im Krieg

Im Hauptquartier der Internationalen Schutztruppe in Kabul haben sie Silvester eine Party gefeiert. Die Soldatinnen und Soldaten sollen sogar getanzt haben – in Uniform und mit ihren Waffen. Denn der Krieg in Afghanistan ist nicht vorbei, die Taliban sind nicht geschlagen. Aus deutscher Sicht allerdings gibt es eine sehr positive Entwicklung. 2012 ist kein deutscher Soldat in Afghanistan gefallen. Der letzte Todesfall liegt bereits eineinhalb Jahre zurück. Insgesamt starben seit dem Beginn des Einsatzes vor elf Jahren 52 deutsche Soldaten in Afghanistan, 34 davon bei Angriffen und Anschlägen.

Es gab Zeiten, da gehörten Gefechte und Sprengfallen praktisch zum Alltag der Soldaten im Norden des Krisenlandes. In dieser Zeit stellten sich die Männer und Frauen vor Patrouillenfahrten nicht die Frage, ob sie nach Verlassen des sicheren Lagers angegriffen werden könnten, sondern eher wann und wie oft dies der Fall sein würde. Das Risiko, getötet zu werden, war bei jeder Fahrt absolut real, die psychische und physische Belastung enorm. Die deutschen Soldaten befanden sich im Krieg – mit allen Grenzerfahrungen, die dies mit sich bringt. Manche Soldaten wurden während ihres Einsatzes gleich mehrfach verletzt. Viele kamen nach ihrer Rückkehr nach Deutschland mit dem Erlebten und mit der deutschen Wohlstandsgesellschaft nicht mehr zurecht. Sie werden noch lange, manche vielleicht für den Rest ihres Lebens mit Afghanistan zu kämpfen haben.

Und die Afghanen? Auch ihr Krieg geht weiter. Seit die afghanische Armee in einigen Regionen die Verantwortung für die Sicherheitslage übernommen hat, ist die Zahl der getöteten einheimischen Soldaten deutlich gestiegen. Mehr als tausend waren es 2012. Aber auch viele Nato-Soldaten sind im vergangenen Jahr in Afghanistan ums Leben gekommen; nicht überall war es so ruhig wie im Norden, wo die Deutschen stationiert sind.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, hat zum Jahreswechsel darauf hingewiesen, dass die Bundeswehrsoldaten inzwischen auch besser gesichert sind. „Wir haben bei der Schutzausrüstung ein Niveau erreicht, das wirklich am oberen Rand dessen liegt, was auch bei den Verbündeten üblich ist“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Im Umkehrschluss heißt das: Deutschland hat seine Soldaten lange mit minderwertigem Material in den Einsatz geschickt – was manche Soldaten möglicherweise mit dem Leben bezahlt haben. Einen Grund zum Feiern gibt es also nicht. uls

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