Bundeswehr : Vergessene Soldaten

Plötzlich hört er auf zu reden, fasst sich an den Kopf, ist wie ausgeschaltet. Matthias Baumann war für die Sfor-Mission in Bosnien. Was er erlebt hat, lässt ihn nicht mehr los. Ihn plagen Albträume, Selbstmordgedanken. Er hat die Familie verloren und die Arbeit. Aber die Bundeswehr kümmert sich nicht um ihn. Denn wer vor 2002 im Auslandseinsatz war, dem wird nicht geholfen

Dorothea Siegle
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Im Staub der Kämpfe. Bundeswehrsoldaten bilden bei einer Übung in Prizren, Kosovo, eine Abwehrreihe. Foto: Markus Schreiber/ddpddp

Nachts sieht er Gesichter ohne Augen. Sie wenden sich ihm zu und fragen: warum? Oder er steht am Rand eines offenen Massengrabs. Oder beugt sich hinunter zu einem toten Kind. Matthias Baumann* träumt vom Krieg. Matthias Baumann legt sich nicht gern schlafen, denn er weiß: Dann kommen die Erinnerungen wieder.

Er war Wehrpflichtiger, als er sich entschied, seine Zeit bei der Bundeswehr zu verlängern und in den Sfor-Einsatz nach Bosnien zu gehen, den die Vereinten Nationen im Dezember 1996 beschlossen hatten. Baumann gehörte zu den ersten Sfor-Soldaten der Bundeswehr, die in Sarajevo eintrafen. Die Erinnerungen an diese Monate auf dem Balkan begleiten ihn durch jeden Tag und durch die Nacht, er vergisst sie nicht. Die deutsche Politik, so scheint es indes, hat ihn und all die anderen, die vor 2002 in Auslandseinsätzen waren, längst vergessen.

Die Bundeswehr ist nicht erst seit Afghanistan eine Einsatzarmee. Deutsche Soldaten waren in Kambodscha 1992/93, in Somalia 1993, in Bosnien ab 1996, im Kosovo ab 1999. Dort haben sie Brunnen gebohrt und Schulen gebaut, sie haben Minenopfer versorgt, Massengräber entdeckt, haben zerlumpte Kinder und vergewaltigte Frauen gesehen, sind beschossen worden und haben selbst geschossen. Viele von ihnen waren Soldaten auf Zeit, sie verließen die Armee nach ein paar Jahren wieder. Und leben mit ihren Erinnerungen unter uns, über das Land verteilt, und schweigen.

Matthias Baumann darf ohnehin nicht sagen, was er als Soldat in Bosnien getan und gesehen hat, es unterliegt der Geheimhaltung. Seine Freunde erzählen dem Mittdreißiger manchmal wie er früher war, vor dem Bosnien-Einsatz: Du warst einer, der eine komplette Disko allein unterhalten konnte. „Dann stehe ich da und denke: Das kann nicht sein“, sagt Baumann. Er hat kurze Haare, ein Piercing in der linken Augenbraue, einen kleinen, dreieckigen Bart unter dem Mund. Er sitzt auf der Veranda im Haus seiner Mutter, auf dem Land. Ein Haus am Hang, mit Holz vertäfelt, dahinter eine Wiese. In der Stadt könnte er nicht leben, sagt er: zu viele Menschen. Zu viele Entscheidungen. Dann beginnt sein Herz zu rasen und seine Haut zu schwitzen und seine Kleidung hängt nach fünf Minuten nass an ihm herunter.

Matthias Baumann hat PTBS, eine Posttraumatische Belastungsstörung.

Wenn ein Mensch etwas extrem Belastendes erlebt, dann kann er daran erkranken. Er erlebt das traumatische Ereignis immer wieder, hat Albträume, ist in ständiger Alarmbereitschaft und kann nicht mehr unterscheiden zwischen wirklicher Gefahr und Alltagssituationen. Oft sind diese Menschen aggressiv, gegen sich selbst oder gegen andere, haben Schlafstörungen, trinken oder nehmen Drogen.

Ungefähr fünf Prozent der Soldaten in friedenserhaltenden Missionen erkranken an PTBS, sagen Studien anderer Nationen. In Deutschland sind es offiziell etwa ein Prozent. „Das sind eh nur Statistiken“, sagt Baumann. „Und Statistiken haben keine Einschusslöcher und bluten nicht.“ Die Bundeswehr habe die Bedeutung von PTBS seit Langem erkannt und handele dementsprechend, sagt Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Matthias Baumann ist dennoch ziemlich allein.

Als er 1997 aus dem Einsatz zurückkommt, gibt es keine psychologische Betreuung. Er und seine Kameraden ziehen sich zurück, bleiben oft drei, vier Wochen in der Kaserne. Wenn sie zusammen in die Kneipe gehen, gibt es häufig Prügeleien. An einem Abend geht Baumann seinem Vater an die Kehle, „weil der mich schwach von der Seite angesprochen hat“. Baumann redet schonungslos über sich, langsam. Und dann, plötzlich, fasst er sich an den Kopf, stoppt, ist wie ausgeschaltet. Sekundenlang. Kopfschmerzen, sagt er.

Nach der Bundeswehr arbeitet Matthias Baumann auf dem Bau. Er trägt Granitsteine mit der Hand, für die andere eine Schubkarre nehmen, er ruiniert sich Knie und Rücken, er quält sich. Später fährt er Lkw, bis zur Besinnungslosigkeit, Hauptsache, nicht schlafen müssen. Er heiratet, wird Vater, doch die Nähe der Familie hält er nicht aus, er geht lieber arbeiten. Er prügelt sich weiter auf Festen, in Diskotheken, „heut’ spinnt er wieder“, sagt seine Frau dann. Er beginnt, sich in die Arme zu schneiden, bis es blutet. An einem Abend findet seine Frau ihn auf dem Dachboden, er hängt, sie kann ihn gerade noch abschneiden. Er verlässt seine Familie. Weitere Selbstmordversuche folgen.

Nach dem letzten kommt Matthias Baumann in eine Reha-Klinik und zu einem Arzt, der erkennt, was mit dem Ex-Soldaten los ist. Baumann wird zur Bundeswehr in Behandlung geschickt. Ein wenig entlastet ihn die Therapie dort, aber als geheilt können ihn die Bundeswehr-Therapeuten nicht entlassen, arbeiten könne er nicht mehr. So wird er in Rente geschickt, die Bundeswehr bezahlt ihm eine Beschädigtenversorgung. Rente und Wehrdienstbeschädigung zusammen belaufen sich auf rund 1000 Euro im Monat. Nun ist Baumann also Rentner, mit Mitte 30 – mit Schlafstörungen, Schmerzen und Selbstmordgedanken, die Ehe ist geschieden. Einmal im Jahr genehmigt ihm die Landesversicherungsanstalt – sein Rententräger – eine Reha. Dort sitzt er dann mit traumatisierten Frauen und Kindern, die geschlagen oder missbraucht wurden. Seine Geschichte als „Täter“ kann er nicht erzählen. So schweigt er wieder. Und wartet, bis die LVA ihm gestattet, die Reha abzubrechen.

Matthias Baumann würde viel lieber arbeiten als Rentner sein. Für solche Fälle hat der Bundestag 2007 das „Einsatzweiterverwendungsgesetz“ beschlossen. Soldaten, die im Einsatz verletzt wurden, körperlich oder seelisch, können ihre Bundeswehrzeit verlängern oder wieder eingestellt werden. Für Baumann indes gilt dieses Gesetz nicht: Es ist rückwirkend befristet. Soldaten, deren Einsatzverletzung aus einer Zeit vor dem 1. Dezember 2002 stammt, haben keine Ansprüche.

„Das hätte nicht passieren dürfen“, sagt Heinz Sonnenstrahl. Er ist Hauptmann a.D., war selbst in zahlreichen Einsätzen und unterstützt mit der Vereinigung „Skarabäus“ ehemalige Soldaten, die unter PTBS leiden. „Mit dieser Befristung diskreditiert man alle, die vorher im Einsatz gewesen sind.“ Rund 108 000 Soldaten waren nach Auskunft des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr bis November 2002 im Einsatz – von bis heute rund 260 000. Diese 108 000 Soldaten, sie sind die Vergessenen.

Zu ihnen zählt auch Kai Möller*, er war 1999 im Einsatz, zunächst in Mazedonien, dann, als die Bomben der Nato nicht mehr fielen, ab Juni 1999 im Kosovo. Heute ist er Anfang 40. Die Haare sind kurz und grau, das Gesicht schmal, der Oberkörper breit – ein gut aussehender Mann. Er lebt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung zusammen mit seinem Sohn. Die Rollläden im Wohnzimmer sind unten.

15 bis 20 Stunden ist er im Kosovo am Tag im Einsatz. Er baut in Prizren ein Camp der Bundeswehr in einer alten Fabrik mit auf, räumt Minen, fährt bei Schwerlasttransporten vorne weg, wird von Serben mit Steinen beworfen, ist Konvoiführer, er bewacht Polykliniken. Ein Kamerad erschießt sich. In Mazedonien hatte Kai Möller Flüchtlingslager mit aufgebaut, die Kinderaugen an den Zäunen erinnern ihn an KZs. „Ich hab nachher nur noch meinen Anzug mit aus dem Flüchtlingslager genommen. Den Rest an Klamotten, den ich mit hatte, habe ich den Kindern dagelassen. Und wenn man dann sieht, wie die vergewaltigten Frauen …“ Er bricht ab, atmet schwer, springt auf, rennt aus seiner Wohnung.

Nach ein paar Minuten kommt er wieder zurück und kann weitererzählen. Er schämt sich. Er sagt: „Ich habe keine Leichen gesehen und niemanden getötet. In meinem Einsatz war doch nichts.“

Als sein Einsatz im Kosovo zu Ende geht, hat Kai Möller noch eine Woche Aufenthalt im Camp in Mazedonien. Der äußere Stress lässt nach. Doch der innere geht erst richtig los. Er kann nicht mehr mit den Kameraden essen oder baden gehen. Er liegt nur auf dem Feldbett und starrt in die Luft.

Lange merkt Möller nicht, was mit ihm los ist. Er kapselt sich ab, trifft keine Freunde mehr, verliert einen Job nach dem anderen, ist aggressiv, schläft nicht mehr, kann kein heißes Essen mehr zu sich nehmen. Er lässt sich scheiden, irgendwann kann er nicht mal mehr einkaufen gehen, die Panikattacken werden immer stärker, irgendwann versucht auch er, sich das Leben zu nehmen.

Wenn ein Soldat bei der Bundeswehr anfängt, wenn er in den Einsatz geht, dann prüft die Bundeswehr seine körperliche Gesundheit aufs Genaueste. Aber bei einer so wichtigen Frage, ob er psychisch belastet ist, reicht es, dass der Soldat in einem Fragebogen nach dem Einsatz selbst Auskunft gibt.

Dabei gilt: Je schneller PTBS erkannt und behandelt wird, desto besser. Regelmäßig und verpflichtend muss es Untersuchungen und Gespräche mit Psychologen für die Soldaten geben, damit die Krankheit rechtzeitig entdeckt wird, fordern daher Stimmen aus dem Sozialdienst der Bundeswehr. Denn hier, beim Sozialdienst, landen die Veteranen dann oft Jahre später und brauchen Hilfe – bei ihrem Antrag auf Wehrdienstbeschädigung und Berentung, wenn sie geschieden sind, verschuldet oder Alkoholiker. Wenn vieles versäumt ist, ist auch vieles zerstört.

Auch Kai Möller ist berentet worden. Jetzt lebt er von 630 Euro Rente und einigen Zuzahlungen für seinen Sohn. Sein Antrag auf Wehrdienstbeschädigung – gestellt vor über eineinhalb Jahren – ist immer noch nicht beschieden. Nun muss Möller auch noch aus seiner Wohnung raus. Eine neue aber kann er sich ohne Hilfe nicht suchen. Eine Wohnungsbesichtigung? Das würde er nicht schaffen. Einen Makler? Den könnte er nicht bezahlen. Irgendwann ist nicht mehr nur die Krankheit das Problem. Sondern dass es keine Freunde mehr gibt, die Beziehung kaputt ist, der Job weg und der Gerichtsvollzieher da. Immer noch, sagt er, wünscht er sich an manchen Tagen, einfach tot zu sein.

Auch er möchte nicht mit Anfang 40 Rentner sein. „Ich will wieder arbeiten, auch für die Bundeswehr. Und wenn ich da Laub harken müsste.“ Deswegen hat er geklagt, auf Wiedereinstellung bei der Bundeswehr. Das Verteidigungsministerium verweist auf die Befristung.

Das Ministerium schreibt außerdem, es könne nicht angenommen werden, „dass die beim Kläger vorhandene Gesundheitsbeeinträchtigung durch seinen Auslandseinsatz eingetreten“ sei. PTBS sei bei Möller höchstwahrscheinlich durch einen leichten Autounfall ausgelöst worden, der sich lange nach seinem Einsatz ereignet hat. Und in dem Fragebogen nach dem Einsatz habe er damals ja schließlich auch nichts von Belastungen geschrieben. So dreht die Bundeswehr den Spieß um: Nicht sie kümmert sich um den Soldaten. Sondern dieser muss erst einmal beweisen, dass es hierfür auch einen wirklich guten Grund gibt.

Kai Möller und Matthias Baumann sind keine Einzelfälle. Da ist das Schicksal von Holger Adam*, der als Fallschirmjäger einer der Ersten im Kosovo war. Der mit seinem G36 schoss, als an einem Checkpoint zwei Serben in einem gelben Lada nicht halten wollten und im deutschen Kugelhagel starben. Der eine alte Serbin mit einer Axt im Kopf fand, deren Haus er in den Wochen zuvor noch bewacht hatte. Und der nach dem Einsatz erst trank, dann andere Drogen nahm. Oder die Geschichte von Martin Kahlberg*, der als Sanitäter 1999 im Kosovo war. Ständig unter Beschuss lag, Minenopfer mit abgerissenen Gliedmaßen barg. An einem Tag eine Familie in Prizren hängend fand, kopfüber, gehäutet. Und der nach einem Selbstmordversuch fast besinnungslos vom Alkohol aufgegriffen und in ein Bundeswehrkrankenhaus eingeliefert wurde.

Die Zeit heilt hier keine Wunden.

* Name geändert

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