Zeitung Heute : Bunte Mischung: Klein-Bonn in Mitte

Harald Olkus

Der klassizistische Bau des Deutschen Theaters, das marode Gebäude des ehemaligen Künstlerclubs "Möwe", Autowerkstätten zwischen nackten Brandwänden, der Siebziger-Jahre-Flachbau der Mensa für die Medizinstudenten der Humboldt Universität und ein sehr gut erhaltener Hochbunker in der Reinhardstrasse - diese bunte Berliner Mischung ist im Viertel zwischen dem Schiffbauerdamm und der Charité in Mitte zu finden. Spaziert man durch die Anfang des 19. Jahrhunderts erbaute Friedrich-Wilhelm-Stadt fühlt man sich zwar nicht ganz wie in der Residenzstadt Bonn am Rhein, betrachtet man aber die Klingel- und Firmenschilder an den aufwendig restaurierten Altbauten, so entdeckt man, dass viele Mieter erst mit der Regierung von Bonn nach Berlin gezogen sind.

Entlang der Reinhardtstraße reihen sich die Hauptstadtredaktionen der Frankfurter Rundschau, der WAZ, der Rheinischen Post und der Schwäbischen Zeitung; im "Medienhaus" logiert auf zwei Etagen die Nachrichtenagentur dpa. Weithin sichtbar ist die Parteizentrale der FDP und auch Bündnis 90 / Die Grünen haben sich in dem historischen Viertel niedergelassen. Dazu kommen Politik- und Wirtschaftsverbände, wie die Mittelstandsvereinigung der CDU und das Haus der Freien Berufe. "Gewerbevermietungen ziehen hier rasant an", sagt Claus Gutberlet von BauConcept, einem Immobilienentwickler, der an mehreren Projekten im Viertel arbeitet.

Die Branche ist optimistisch: "Wir gehen von einem weiteren Wachstum aus", sagt Gutberlet. Denn die Lage sei kaum zu übertreffen. Das Zauberwort heißt Fußläufigkeit: Kanzleramt, Reichstag, die Linden und die Friedrichstraße sind zu Fuß in fünf Minuten zu erreichen - wie im beschaulichen Bonn eben. Und auch die vom Rhein vertraute Gastronomie hat den Weg an die Spree angetreten. Im Café Mierscheid am Karlplatz gibt es ebenso Kölsch und "Halven Hahn", wie im "Stäv" am Schiffbauerdamm. Dessen Wirt hat mittlerweile schon die dritte Kneipe im Viertel eröffnet.

35 bis 40 Mark pro Quadratmeter

Vor zehn Jahren lag die Friedrich-Wilhelm-Stadt noch abgeschirmt im Sperrgebiet auf der Ostseite der Mauer. Heute kostet eine Bürofläche bereits 35 Mark pro Quadratmeter, in besonders guten Lagen mit überdurchschnittlicher Ausstattung und gutem Schnitt seien sogar bis zu 40 Mark zu erzielen.

Den Optimismus der Branche belegt die Tatsache, dass die Projektentwickler ihre Bauten ohne Mietgarantien verkaufen können, zum Teil sogar schon bevor sie überhaupt mit dem Bau begonnen haben. Dies ist der Fall beim Kronprinzen-Karree. Der Specker Bauten AG ist es gelungen, den rund 6500 Quadratmeter großen Gewerbeteil des Gebäudes für 60 Millionen Mark an die Deutsche Sparkassen-Immobilien-Anlage-Gesellschaft zu verkaufen. Die geplanten rund 3500 Quadratmeter Wohnfläche will Specker Bauten selbst vermarkten. Doch noch steht am S-Bahn-Viadukt gegenüber vom Bundespresseamt eine Autowerkstatt. Der Baustart soll in diesem Monat erfolgen. Auch die BauConcept kann einen Verkaufserfolg melden. Noch bevor die Sanierungsarbeiten im Haus am Karlplatz 7 abgeschlossen sind, veräußerte sie es an die Hamburg Berlin Immobilien AG (HIH). Das 1893 erbaute Bürohaus mit rund 3100 Quadratmetern Fläche soll im Juli bezugsfertig sein. "Die HIH sucht dafür nach einem Großmieter", sagt Gutberlet. BauConcept plant als nächstes einen Büroneubau mit 2500 Quadratmetern Nutzfläche gegenüber dem Kronprinzen-Karree in der Reinhardtstraße. Und noch im Sommer will sie damit beginnen, zusammen mit der Hamburgischen Projektentwicklung einen Altbau an der Reinhardtstraße 41 - 45 zu sanieren und durch einen Neubau zu erweitern.

Bereits seit zwei Jahren fertiggestellt ist die "Residenz am Deutschen Theater" der Firma All Bau in der Reinhardtstraße. Die Büros im Komplex seien zu 85 Prozent vermietet, sagt ein Pressesprecher der BauConcept. Der Würfel hinter dem erhaltenen Fassadenteil des ehemaligen Exerzierhauses des zweiten Garderegiments sieht allerdings weitgehend unvermietet aus. Auch die oberen Stockwerke des "Medienhauses" stehen allem Anschein nach leer. Deren Bauträger, die Kilian Bau, scheint derzeit mit dem Bezirk in Verhandlungen zu stehen, die Wohnungen im Obergeschoss zu Büros umwandeln zu dürfen. "Jeder Projektentwickler versucht, sich mit dem Bezirk auf ein Verhältnis von Gewerbeflächen zu Wohnungen von mindestens 70 zu 30 zu verständigen", sagt Gutberlet. Der Bezirk möchte aber fünfzig Prozent Wohnfläche durchsetzen. Büros scheinen im Viertel aber weitaus mehr nachgefragt zu sein, als Wohnungen. Zwar wollen viele, die im Viertel arbeiten, auch dort leben, aber mit 28 Mark pro Quadratmeter für eine Neubauwohnung liegen die Mietpreise weit über dem Berliner Durchschnitt. "Selbst in Altbauten ist unter 20 Mark nichts zu finden", sagt Gutberlet.

Bislang gibt es noch eine ganze Reihe von Baulücken und renovierungsbedürftigen Altbauten im Viertel, doch es ist kaum noch etwas zu haben. Denn mittlerweile wissen wohl die meisten in der Branche, dass dort Geld zu verdienen ist.

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