Zeitung Heute : Bunte Wände, etwas Wohlstand - aber bitte nicht spießig

Ihr habt euch unter dem Motto: "Ossi meets Wessi" kennengelernt.Ist dieses Motto noch aktuell?

NICO: Ich sehe keinen Unterschied zwischen Ost und West mehr.Die ältere Generation hat damit eher ein Problem als wir, und sie überträgt da vieles auf uns.

LISA: Finde ich nicht.Ich sehe da dauernd irgendwelche Sachen.Die meisten Erfahrungen mit Ossis habe ich auf Jugendreisen gemacht.Beim Kennenlernen ist erstmal nichts zu merken, aber wenn es tiefer geht...Bei vielen ist mir dann aufgefallen, daß sie Vorurteile gegen Ausländer haben.Sie sagen dann: alle sind so.Aber wenn man ihnen mit Vorurteilen gegenüber Ostdeutschen kommt, dann sagen sie, hör mal, du kennst ja gar nicht alle.

SANDY: Mich stört tierisch, daß Lisa immer "Ossis" sagt.Ich spreche ja auch nicht von Wessis.Und wenn ich jemanden kennenlerne, dann interessiert mich nicht, wo der herkommt.Auch nicht bei unseren Lehrern.Das gehört nicht mehr zu meinem Alltag.Wir sind doch nicht mehr Ossi und Wessi.

BODIL: Nein.Ich finde auch, daß es die Spaltung zwischen Ost- und West-Berlinern noch gibt.Ich kümmere mich zwar nicht drum, wenn ich jemanden kennenlerne, aber es ist trotzdem da.

SANDY: Als wir das Projekt begonnen haben, waren wir sehr skeptisch - wie werden die wohl sein? Aber dann haben wir normale Menschen getroffen, die nur etwas anders aufgewachsen sind als wir.

Habt ihr das Gefühl, daß eure Berufschancen unterschiedlich sind?

NICO: Wenn ich jetzt keinen Ausbildungsplatz bekomme bis September, dann werde ich irgendwo als Hilfsarbeiter anfangen, um Geld zu verdienen.Und wenn es im nächsten Jahr auch nicht klappt, dann werde ich wohl zum Bund gehen, zur Armee.

Ist das Zeugnis nicht gut genug?

NICO: Doch, das ist ganz ok.Aber ich will irgendwas mit Computern machen, und mir fehlt wohl der Onkel, der bei Siemens arbeitet.Ohne Beziehungen läuft doch da nichts

KONSTANTIN: Das Gefühl, das uns vermittelt wird, heißt: Draußen ist es knallhart.Die Firmen gucken schon drauf, wie oft man in der Schule zu spät gekommen ist, und wer nicht alles gibt, hat wohl keine Chance.

LISA: Mir ist beim Praktikum im Reisebüro klargeworden, daß ein Lehrberuf nichts für mich ist.Es war schrecklich.Seitdem ist mein Ziel das Abitur, weil ich studieren will, um was aus meinem Leben zu machen.

Ist die berufliche Karriere im Beruf ein wichtiges Lebensziel?

NICO: Ich will nur arbeiten, um zu leben.

BODIL: Für mich ist wichtig, daß ich finanziell abgesichert bin.Ja und dann möchte ich auch ein Kind haben!

Wie denkt ihr über Kinder und Familie?

ANKE: Zwei Kinder.

Und der Mann?

ANKE: Kommt drauf an.Wenn er dableibt, ist es in Ordnung, wenn nicht, schaffe ich es auch alleine.

KONSTANTIN: So ist das heutzutage.Es ist bei mir so und bei vielen anderen, die ich kenne: Ganz selten leben ein, zwei oder drei Kinder noch zusammen mit ihren Eltern.Fast schon wieder eine Mode.

LISA: Meine Eltern sind noch zusammen, aber wir haben nie zusammen gewohnt.Mich hat daran nie was gestört.Mir ist es viel besser gegangen als in vielen Familien, wo die Eltern nur wegen der Kinder zusammenbleiben und dann total viel Streß haben.

Früher war es üblich, daß Frauen nach einem Mann mit Geld suchten und sich dann ganz auf die Familie ...

LISA: ...Niemals von einem Mann abhängig sein! Das ist das Schlimmste, was passieren kann.

ANKE: Was ich verdiene, das gebe ich auch aus.Und nie ein gemeinsames Konto! Allein zu Hause ohne Beruf würde ich versauern.

Und wie ist es mit dem Modell Hausmann?

LISA: Wäre o.k.(Gelächter).

NICO: Kann ich mir nicht als Full-time-Job vorstellen.Ich finde ja schon die Ferien erbarmungslos, weil das irgendwann nervt.Da freut man sich ja wieder auf die Schule.

KONSTANTIN: Wer will schon versauern? Aber wenn man eine moderne Beziehung haben will, dann muß man sich das irgendwie teilen.

LISA: Ja, es muß alles fifty-fifty laufen.Anders kann ich mir Familie nicht vorstellen.

Wie ist das mit der Wohnung: Wollt ihr so schnell wie möglich raus zu Hause?

ALLE: Ja!

ANKE: Man will seine Freiheit, und man kommt halt doch nicht so klar mit der Famile, wie es sein sollte.Auf jeden Fall raus, entweder mit 18, oder sobald man es sich leisten kann.

SANDY: Der größte Teil sagt: raus! Na, von den Mädchen zumindest.

Die Jungen: Stimmt das?

NICO: Naaa ..Vielleicht schlafe ich nur zu Hause und bin den Rest des Tages sowieso woanders.Dazu brauche ich keine eigene Wohnung.Meine Mutter nervt mich nicht, ich habe ein sehr freies Leben.

KONSTANTIN: Die Frage ist nur, womit man sein Geld verdient.Denn schließlich können nicht alle Eltern ihren Kindern die Wohnung bezahlen.

SANDY: Wenn das Geld dann so knapp ist, daß man den ganzen Tag allein in der Wohnung hockt, dann hat das auch keinen Sinn.

Träumt ihr vom Häuschen mit Garten oder von einem Penthouse am Potsdamer Platz?

SANDY: Mein Traum ist einfach nur eine große Altbauwohnung, wo ich die Wände anmalen kann, voll kreativ, dazu Familie und einen Job, und dann bin ich schon glücklich.Ein Haus ist nicht realistisch.

BODIL: Wenn man am Stadtrand wohnt in seinem kleinen Häuschen mit dem kleinen Vorgärtchen, dann ist das ...

KONSTANTIN: Langweilig?

BODIL: Spießig.

LISA: Könnte ich mir auch überhaupt nicht vorstellen.Gut, wenn ich einen aufregenden Job habe und sonst viel rumkomme.Aber immer am gleichen Ort sitzen? Und in den ersten Jahren will ich eine WG haben und Party, ein bißchen kellnern, ein bißchen babysitten und das Leben genießen.

Klingt nicht unbedingt nach Berlin.

LISA: Stimmt.Nach dem Abi möchte ich ein, zwei Jahre nach San Francisco, wo die Leute anders drauf sind als in Berlin, nicht diesen absoluten Schlechte-Laune-Blick haben.Danach kann dann der Rest kommen.

NICO: Da kann man astrein surfen.Aber zwei Jahre nichts tun, das kann ich mir nicht vorstellen.

SANDY: Wäre schön, wenn ich auch mal ein Jahr abhängen könnte, aber es geht nicht.Ich muß meine Lehrstelle machen, und dann muß ich zusehen, wie ich mein Geld verdiene.Und selbst, wenn das anderswo ginge, wären meine Freunde dann ganz woanders.

LISA: Da muß man sich halt drauf einlassen.

ANKE: Ich könnte meine Freunde nicht so lange allein lassen.Das sind schließlich Leute, mit denen ich mein halbes Leben verbracht habe.

Habt ihr Angst, daß euch die Politik, daß euch ein Krieg einen Strich durch die Rechnung machen könnte?

BODIL: Als das im Kosovo losging, habe ich wirklich Schiß bekommen und mich gefragt, ob das auch zu uns kommt, ob wir in den Krieg mit hineingezogen werden.

LISA: Davor hab ich keine Angst, weil ich nicht glaube, daß das passieren wird.Man muß sich damit beschäftigen, aber bei der Zukunftsplanung spielt es keine Rolle.

NICO: Mit dieser Angst muß man einfach leben.Wir haben Nahrung, wir haben Kleidung, wir leben praktisch im Luxus.Warum soll es uns denn noch besser gehen?

SANDY: Das haben die Menschen im Kosovo wohl lange auch gedacht.Und plötzlich war alles anders.Nun ist Krieg, und die Deutschen sind dabei.Und was machen wir jetzt, wenn das zu uns kommt?

Das übliche demokratische Gegenmittel besteht darin, seine Meinung in den Parteien zu artikulieren.

ANKE: Um Gottes willen! Jeder sagt was anderes, jeder hat Ône andere Meinung, dann streiten sich alle - das ist mir ein zu großer Wirrwarr.

SANDY: Als einzelne kann ich mehr bewirken, wenn ich selbst direkt aktiv werde und nicht das kleine Rädchen in einer großen Partei bin.

Wie stellt ihr euch euren 40.Geburtstag vor?

KONSTANTIN: Da ist nur ein schwarzes Loch.Ich weiß ja nicht mal, was nach dem Abitur kommt.

LISA: Das darf auf keinen Fall eine Spießerparty sein.Hauptsache, ich bin noch fit und irgendwie frisch drauf.

ANKE: Es muß noch ein Stück Kind in einem stecken.Nur nicht denken, ich bin 40, also muß ich mich auch so benehmen.Nicht so steif, nicht so eingeengt.

NICO: Ich werde so sein wie die Leute, die heute 40 sind.Vielleicht wird alles ein bißchen moderner aussehen, aber die Leute werden sich nicht ändern.Wenn ich mir meinen Opa ansehe, der ist total hip drauf die letzten zehn Jahre nach der Grenzöffnung.Wir werden irgendwie vitaler sein.

LISA: Man muß einfach ackern, um ein schönes Leben zu haben.Aber nur ackern und nichts sonst, das ist es auch nicht.Das Gleichgewicht muß da sein.Ich glaube, daß man das schafft.

Das Projekt

"Ossi? Wessi? Meine Tochter kann mit diesen Begriffen nichts mehr anfangen.Sie dachte immer, das sind Plüschtiere", sagt Karin Schüler, Lehrerin in Hellersdorf.Ihre Schüler sehen das anders.Noch vor wenigen Jahren galt der Westdeutsche an sich als hochnäsig.Als jemand, der "nur Markenklamotten trägt und mit dem man nicht ins Gespräch kommt".Diese Vorurteile wollten die Hellersdorfer Pädagogin und ihre Kollegin Gabriele Kremkow aus Kreuzberg nicht länger unbeantwortet lassen.Sie gründeten die Inititive "Ossi meets Wessi": Seit sieben Jahren treffen sich Schüler von der Hellersdorfer Erich-Maria-Remarque-Gesamtschule und der Kreuzberger Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule, um auch die Mauer im Kopf abzutragen.Auf dem Programm stehen gemeinsame Feten, sportliche Aktivitäten oder auch Weihnachtsfeiern.Zudem bemühen sich die Lehrerinnen jeweils um einen Schüleraustausch.Die Kreuzberger ziehen dann nach Hellersdorf, und diese werden wiederum von der Partnerfamilie im Partnerbezirk aufgenommen.Die Schüler dieses Jahrganges haben ein Theaterstück geschrieben, das sie jetzt auf Video dokumentieren."Ossi meets Wessi" ist mit Förderpreisen ausgezeichnet.Wir unterhielten uns mit Schülern der Klasse 10.24, Kreuzberg, und aus der 10/6, Hellersdorf. kög

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