Zeitung Heute : Burg oder Dampfer

CLAUS KÄPPLINGER

Neues Bauen in Berlin: Zwei Wohnhäuser mit KindertagesstättenVON CLAUS KÄPPLINGERLeicht verliert man im Berlin der neunziger Jahre das Kleine aus dem Blick und Sinn.Wo ganze Stadtteile neu entstehen, die Innenstadt rasch ihr Gesicht verändert und stets ein neuer ambitionierter Museums- oder Verwaltungsbau das Interesse auf sich zu ziehen weiß, übersieht der Beobachter leicht die vielen "alltäglichen" Bauten, denen die Stadt Funktionsfähigkeit und Lebendigkeit verdankt. S-Bahnhöfe, Umspannwerke, Sporthallen und Stadtteilbibliotheken sind solche kleineren Bauaufgaben.Oder Kindertagesstätten: Kürzlich sind in Charlottenburg und Neukölln zwei solcher Einrichtungen fertiggestellt worden, die neue Wege gehen und den Versuch wagen, Wohn- und Kitanutzungen zu verbinden, um damit nicht zuletzt sensible Stadtreparatur zu leisten.Nicht die versteckte Kita im Hinterhof, nicht der demonstrative Bruch mit der alten mehrgeschossigen Blockstruktur, sondern die selbstbewußte Integration verschiedener Nutzungen an der Straße war ihr Ziel. In Neukölln, an der Böhmischen Straße unweit des Richard-Platzes, gelang es dem integrierten Wohn- und Kitaprojekt des Berliner Architekturbüros "Linie 5", den alten Rixdorfer Stadtgrundriß mit seinen langen fächerartigen Parzellen und ringförmig angelegten Straßen wieder aufzunehmen.Unter ein viereinhalbgeschossiges, weiß verputztes Wohnhaus schoben Margot Gerke, Gabriele Ruoff und Wolf von Horlacher einen ein- bis zweigeschossigen Kitariegel, der den Kindern mit Wintergärten, Dachaufbauten und Terrassen eine eigene, aber keineswegs verschlossene Welt bietet. Die sonst so problematischen Maßstabssprünge vom öffentlichen Raum zu den besonderen Binnenräumen einer Kita bewältigten sie souverän mittels vielfältiger Abstaffelungen und Durchdringungen.Indem sie den Kitariegel unter einer aufgeständerten Hausecke beginnen und ihn dann etwas verschwenkt einem Fußweg in das Blockinnere folgen lassen, schufen sie sogar dem städtischen Raum eine anregende, ebenso dynamische wie abwechslungsreiche Fassung. Da greift der sehr sachliche Wohnquader weit in den Raum aus und beschwört mit Laubengängen, schmalen Stahlrahmen und freien Fensterfolgen den Gestus der heroischen Moderne.Da eröffnet sich den Kindern nicht nur in der Kita, sondern auch um das langgestreckte Bauwerk herum eine zu Entdeckungen auffordernde verschachtelte Raumwelt, die in ihrer remisenähnlichen Kleinteiligkeit an die agrarisch-handwerkliche Tradition Rixdorfs anknüpft.Trotz ihrer engen Nchbarschaft erlaubte aber auch die Teilung in zwei Hauskörper mit deutlich voneinander abgerückten Hauseingängen eine weitgehend störungsfreie Koexistenz der Wohnungen mit der Kita.Allein die intelligente Kompensation eines eigenen Dachgartens für die Mieter der acht großzügigen Sozialwohnungen fiel dem Rotstift des Bauherrn zum Opfer. In Charlottenburg fand der Architekt Rolf D.Weisse eine andere Situation vor.An der Ecke Haubach- und Hebbelstraße befand er sich im sogenannten "Nassen Dreieck", einer Torfsenke, die einerseits umfangreiche Pfahlgründungen erforderlich machte, andererseits als städtebauliche Gelenkstelle die Vermittlung von der dichteren Charlottenburger Miethausbebauung zu sehr ausgedehnten Sport- und Grünflächen verlangte.Mit 31 Wohnungen und 125 Kitaplätzen war zudem ein erheblich größeres Bauvolumen zu bewältigen, das denn auch einen durchgängig ebenerdigen Zugang der Kinder zum Spielhof unmöglich machte. Nicht ganz widerspruchsfrei verband Weisse die beiden Nutzungen in einer organisch ausschwingenden Flügelanlage, die sich von sieben auf vier respektive drei Geschosse abstaffelt und mit seinem vorgemauerten, dunkelroten bis braunen Backsteinkleid entfernt an Mendelsohn erinnert.Der dunkle Backstein in Verbindung mit breiten weißen Holzfensterbändern und Bullaugen sowie die zwischen Kubaturen und Kurven wechselnde Gestalt verleihen seinem Gebäude einen seltsam changierenden Ausdruck - Produktionsstätte, Burg oder Dampfer Ein überhöhtes Treppenhaus trennt akustisch und verbindet dennoch die beiden unterschiedlichen Hälften des Hauses, die der Wohnungen und der Kita.Die größtenteils durchgesteckten, ausgesprochen kompakten Wohnungen der Charlottenburger Baugenossenschaft bieten dabei eine seltene Offenheit sowohl von Raum zu Raum als auch zum Stadtraum hin.Eine Offenheit, der die Kita in nichts nachsteht, deren trichterförmige Mittelflure und Gruppenzimmer einprägsame räumliche Verbindungen schaffen.Die über drei Etagen wechselnde Primärfarbigkeit erleichtert den Kindern die Orientierung, wie sich ihnen auch ein einfaches, aber intelligentes Sitz- und Abstellmobiliar zum intensiven Gebrauch anbietet.Mehr als die architektonisch ambivalenten Formen des Gebäudes überzeugt denn auch die Qualität der Räume und ihrer wohldurchdachten Verbindungen.

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