Zeitung Heute : Burgtheater in der Eifel

Was soll aus der NS-Kaderschmiede Vogelsang werden? Streit um eine Altlast

Johannes Nitschmann

Etwas irritiert ist Burkhard Hirsch schon. Wuchtige, basaltgraue Quader ragen da vor ihm auf. „Ich sehe hier weder eine Burg noch einen Orden“, sagt der 73-jährige FDP-Politiker und blickt auf die kraftstrotzenden Hinterlassenschaften der NS-Architektur: die Ordensburg Vogelsang, die die Nazis 1934 als Kaderschmiede für den Offiziersnachwuchs hier in die Berge der Nordeifel klotzten.

Burkhard Hirsch ist an diesem regnerischen Morgen auf Einladung des nordrhein-westfälischen Kulturministers Michael Vesper in die Nordeifel gekommen. „Ganz unbefangen“, wie Hirsch betont. Der grüne Minister hat den liberalen Grandseigneur um Rat gebeten, wie man mit der heiklen Nazi-Altlast umgehen solle. Die NS-Ordensburg, auf der Ende der 30er Jahre bis zu 880 Nachwuchsoffiziere, so genannte Junker, in Rassenlehre, Deutschtum und Wehrertüchtigung unterrichtet wurden, ist Vesper als oberstem Denkmalschützer des Landes zugefallen. Jetzt muss sich der Grüne um eine Folgenutzung der Nazi-Burg Gedanken machen.

Nach dem Krieg hatten die Alliierten das 4200 Hektar große Areal rund um die Kaderschmiede als Truppenübungsplatz genutzt. Die Ordensburg stand auf militärischem Sperrgebiet. Doch Ende 2005, nach dem vollständigen Abzug der belgischen Truppen, geht das Gelände samt Burg wieder an den deutschen Staat über. Was soll man bloß damit anfangen?

Burkhard Hirsch hat das denkmalgeschützte Gebäude bei seiner Visite ziemlich unbeeindruckt gelassen. „Das sind die Reste einer nationalsozialistischen Schulungskaserne, sonst nix.“ Zu „knochentrockenem Realismus“ hat er Vesper darum geraten bei den hitzigen Debatten um die Nutzung des Komplexes, der als größte architektonische Naturzerstörung der Nazis gilt. „Sie müssen was machen“, empfiehlt Hirsch dem Kulturminister, „was nicht der Bemäntelung der Historie dient, sondern Sie müssen fragen, was Sie für die Zukunft brauchen.“

Die Steine des Anstoßes, 30 Kilometer südöstlich von Aachen, erregen seit Monaten die Gemüter – und beflügeln die Fantasien. Vor allem die Lokalpolitiker in dem wirtschaftsschwachen Kreis Euskirchen und der Eifel-Gemeinde Schleiden, die die Burg beherbergt, haben unterschiedlichste Vorstellungen entwickelt. Einig sind sich alle jedoch darin, dass aus der einstigen Burg des Rassenwahns ein wie auch immer gearteter Tourismus-Magnet werden soll. Die Burg liegt am Eingang des soeben eröffneten Nationalparks Eifel, der sich in dem Grenzgebiet zu Belgien und Holland über 10000 Quadratkilometer erstreckt und zahlreichen vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bietet. Künftig werden hier jedes Jahr 300000 Besucher erwartet.

Die Vorschläge für die Nutzung der Burg sind bisweilen skurril. Ein Wellness-Hotel nebst Golfplatz wollen die einen errichten, einen „Lernort Geschichte“ die anderen. Das Deutsche Jugendherbergswerk möchte in einem Teil der Gebäude ein „Europa-Zentrum für Jugend und Zukunft“ bauen, das NRW-Umweltministerium die Verwaltungszentrale für den Nationalpark, der Franziskanerinnen-Orden ein „Kloster auf Zeit“, die Aachener Hochschule ein „Technologietransfer-Zentrum für Konversionstechnik“ und eine Management-Akademie.

Den Aufsehen erregendsten Vorschlag aber hat Minister Vesper selbst gemacht. Er will hier die umstrittene Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung als Dauerausstellung etablieren. Damit soll verhindert werden, dass sich auf der Burg, „ein Wallfahrtsort der neuen und der alten Rechten herausbildet“. Auf Vogelsang, glaubt der grüne Minister, könnte die Wehrmachtsausstellung „nach einer turbulenten Reise durch viele deutsche und europäische Städte in einen sicheren Hafen gelangen“. Vesper verspricht sich „einen besonders attraktiven und vor allem auch lehrreichen Anziehungspunkt“ für Schulklassen und Jugendgruppen.

Solche Träume hat der Minister-Berater Hirsch, zugleich auch Mitglied des Kuratoriums der Wehrmachtsausstellung, ziemlich unsanft zerstört: „Vergessen Sie das!“ Die Wehrmachtsausstellung werde an dem NS-Täterort erst recht Emotionen wecken und Ewiggestrige anlocken, prophezeit Hirsch. Dies erfordere am Ende umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen, die überhaupt nicht zu finanzieren seien. Auch Historiker halten die Wehrmachtsausstellung auf der Burg Vogelsang für deplatziert. Die Wehrmachtsausstellung behandele den Vernichtungsfeldzug im Osten, sagt der Münsteraner Historiker Alfons Kenkmann. In der Nordeifel sei aber der Offiziersnachwuchs für die Westfront ausgebildet worden.

Immerhin ist es Vesper mit seinem Vorstoß in Sachen Wehrmachtsausstellung gelungen, den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, für eine Umnutzung des Burggeländes zu gewinnen. Spiegel hatte zuvor dafür plädiert, „die Ordensburg bewusst verfallen zu lassen und sie in diesem Zustand als Lernort zu nutzen“. Er könne keinen Sinn darin erkennen, KZ-Gedenkstätten wie Lichtenburg verfallen zu lassen, aber dieses „baugeschichtliche Dokument nationalsozialistischen Rassenwahns mit immens hohen Kosten zu erhalten“. Nach einem Gespräch mit seinem Freund Vesper über einen möglichen Dauerstandort der Wehrmachtsaustellung auf Vogelsang erklärte Spiegel dann milde, er wolle sich solchen Überlegungen nicht in den Weg stellen, „wenn dies der Wunsch der Landesregierung ist“.

Inzwischen hat Vesper eingeräumt, dass die Wehrmachtsausstellung – wenn sie denn überhaupt vom Deutschen Historischen Museum aus dem Vertrag entlassen wird – „allenfalls ein Prozent, vielleicht sogar nur ein Promille“ der Raumnutzung auf der Ordensburg ausfüllen würde. Mit dem Landrat des Kreises Euskirchen, Günter Rosenke (CDU), ist sich der grüne Minister aber darin einig, dass es für den Kernbereich der historischen Stätte „keine Lösung mit der Abrissbirne“ geben soll. Er wolle im Nationalpark „eine Brücke zwischen Kultur und Natur schlagen“, sagt Vesper und möglichst viele Menschen auf die Spuren der deutschen Geschichte führen. „Wie an keinem anderen Ort können wir hier darstellen, wie das ideologische Umfeld bereitet wurde, dass die Nazi-Gräuel überhaupt erst möglich machte.“ Geschichte, sagt Michael Vesper, lässt sich „nicht künstlich wegdefinieren“.

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