Burnout : Nehmen psychische Erkrankungen zu?
19.11.2012 00:00 UhrSeit einigen Monaten prägt das Thema Burnout die öffentliche Diskussion über psychische Erkrankungen. Immer häufiger wird berichtet, dass viele Menschen dem beruflichen Stress kaum noch gewachsen sind, eines Tages „ausbrennen“ und körperlich und seelisch zusammenbrechen. Zusammen mit den täglichen Berichten über die „krankmachenden“ Bedingungen unserer modernen technischen Lebenswelten und die Auswirkungen der ökonomischen und gesellschaftlichen Krisen auf den Einzelnen entsteht der Eindruck, dass wir uns mitten in einer epidemischen Ausbreitung psychischer Erkrankungen befinden. Doch stimmt das wirklich? Nehmen psychische Störungen zu oder ist das nur eine Frage der öffentlichen Wahrnehmung und eines veränderten Umgangs mit psychischen Nöten?
Schauen wir auf die Fakten: Die Daten der Krankenkassen und Rentenversicherungen scheinen eindeutig zu sein.
Sie dokumentieren über die letzten zehn Jahre eine kontinuierliche Zunahme der Krankschreibungen wegen psychischer Störungen sowie eine Zunahme der frühzeitigen Berentungen wegen psychischer Erkrankungen. Und im Gegensatz zu anderen Krankheitsgruppen wie beispielsweise den kardiovaskulären Erkrankungen, die in ihrer Bedeutung wegen verbesserter Prävention und Therapie eher abnehmen, scheint kein Ende dieser „Epidemie“ in Sicht.
Aber sind das alles wirklich Nachweise einer Zunahme psychischer Krankheiten? Befragungen deuten darauf hin, dass Betroffene sich in den letzten Jahren verstärkt trauen, zu ihren psychischen Schwierigkeiten zu stehen und sich gegenüber Ärzten zu offenbaren. Und auch die Ärzte selbst sowie die Psychologen und Vertreter anderer Berufsgruppen des Gesundheitswesens haben offensichtlich ihre Einstellung und ihr diagnostisches Verhalten geändert und stellen jetzt psychische Erkrankungen öfter fest. Dass sich in erster Linie das Bewusstsein der Menschen gewandelt und nicht die Häufigkeit psychischer Erkrankungen geändert hat – dafür spricht auch die Mehrzahl der epidemiologischen Bevölkerungsuntersuchungen. Hier stellen wir seit 20 Jahren fast unverändert fest, dass knapp ein Drittel der Bevölkerung jedes Jahr von einer psychischen Erkrankung betroffen ist. Hinweise auf eine generelle Zunahme oder gar eine Epidemie ergeben sich dabei nicht – wohl aber eine Zunahme der Anzahl diagnostizierter Fälle. Wissenschaftlich betrachtet sehen wir also in erster Linie, dass psychische Erkrankungen ernster genommen werden und dass sich die gravierende Unterversorgung von Menschen mit psychischen Störungen langsam verbessert. Allerdings ist der Nachholbedarf noch groß.
Daher sollten wir nicht überrascht sein, wenn die Gesundheitsstatistiken der nächsten Jahre weitere Zunahmen ausweisen. Zu den erwähnten Veränderungen in der Wahrnehmung kommen nämlich noch gesellschaftliche Faktoren und die soziodemografische Entwicklung. Beides macht die Erfolge der verbesserten Diagnostik und Therapie scheinbar zunichte. Denn in unserer hoch technisierten, immer komplexer werdenden Welt sind die Auswirkungen einer psychischen Erkrankung schwerwiegender als früher. Die Verbreitung der neuen Medien, Zeitdruck, Mehrfachbelastungen durch Familie, Beruf und Versorgung kranker Angehöriger sind nur einige Beispiele. Hier schließt sich auch der Kreis zum Burnout-Phänomen. Denn der vielbesprochene „Stress“ ist meistens weniger die eigentliche Ursache, als vielmehr der Treibstoff, der den Übergang von einer bestehenden psychischen Belastung zum völligen Zusammenbruch befördert.
Der zweite Faktor, die verlängerte Lebenserwartung, bedeutet, dass Menschen mit psychischen Störungen auch länger mit ihrer Erkrankung und entsprechenden Therapiebedürfnissen leben. Zudem ist das höhere Alter mit dem steigenden Risiko neurodegenerativer Prozesse und sozialer Probleme verbunden, die das Risiko für psychische Störungen auch bei bisher gesunden Menschen erhöhen können. Auch vor dem Hintergrund des viel beschworenen „demographische Wandels“ sehen wir also aufgrund der wissenschaftlichen Daten zwar keine epidemische Zunahme psychischer Erkrankungen, aber durchaus eine Zunahme der Auswirkungen psychischer Störungen. Zugleich haben wir einen großen Nachholbedarf, was die bedarfsgerechte und qualitätsgesicherte Versorgung von Menschen mit psychischen Störungen angeht. Denn obwohl es wissenschaftlich gut gesichert eine effektive Therapie für nahezu allen psychischen Erkrankungen gibt, erhält sie bisher nur etwa jeder zehnte Betroffene.
Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité-Mitte. Ulrich Wittchen ist Direktor des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden











