Zeitung Heute : Bush, der Müll und der Export

Von Martin Kilian

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Heute mal wieder mordsmäßig auf einem pädagogischen Trip: Im kleinen Einmaleins der Volkswirtschaft wollen wir uns hiermit den Begriff des „Exports“ ansehen. Exporte sind, wie Ihnen selbstredend bekannt ist, immer gut: Man exportiert, vergoldet die Handelsbilanz und verdient Geld, das sodann in Tobago oder Mauritius in Form von Ferien und hedonistischen Ausschweifungen wieder verschleudert wird. Nun wollen wir die Ausfuhren des Präsidenten George W. Bush etwas durchleuchten, um herauszufinden, was unter seiner Ägide eigentlich exportiert wird.

Ein Bild der Ausfuhren darf sich, da G.W.Bush ja nicht einfach Präsident der Vereinigten Staaten ist, keineswegs nur auf diese beschränken. Er fungiert ja auch als eine Art oberster Protektor für Afghanistan. Afghanistan exportiert – nun ja, wie soll man es dezent formulieren? – vor allem Opium. Laut den Vereinten Nationen, denen natürlich nichts geglaubt werden kann, exportiert Hamid Karzais Afghanistan 87 Prozent allen Opiums in der Welt. Falls wahr, wäre das sehr unschön. In Kolumbien versucht Präsident Bush, den Export eines ähnlich bösartigen Stoffs mit Gewalt zu unterbinden. Gelten hier verschiedene Maßstäbe? Ist Opium genehmer als Koks?

Doch lassen wir das lieber und begutachten stattdessen ein weiteres Protektorat des Präsidenten: den Irak, der bekanntlich Öl exportiert. Und neuerdings Terroristen. Der Irak, so der CIA-Experte David Low kürzlich in einer Studie des „National Intelligence Council“, wie die interne Denkfabrik der CIA genannt wird, sei ein fruchtbarer Boden für Ausbildung wie Rekrutierung von Terroristen geworden. „Einige der heiligen Krieger, die dort nicht getötet werden“, sagt Low, „werden sich auf verschiedene andere Länder verteilen“. Der Irak exportiert demnach Terroristen, wenngleich der Wert dieser Ausfuhren nicht beziffert werden kann und sich daher in der Handelsbilanz des Irak nicht niederschlägt.

Wesentlich besser sieht es hingegen in den Vereinigten Staaten aus, wo der Präsident die Freiheit als Exportschlager entdeckt hat. So hielt er bei seiner Amtseinführung vorige Woche eine wunderschöne Rede, voller Freiheit für alle. Sogar Dostojewski bemühte er: Die Freiheit zünde „ein Feuer in den Köpfen der Menschen an“, sagte der Präsident - fast wie der Gouverneur von Lembke in Dostojewkis „Die Dämonen“: „Das Feuer ist in den Köpfen dieser Menschen“, konstatierte der und meinte Nihilisten und Anarchisten.

Mit denen möchte der Präsident natürlich nichts zu tun haben. Er wollte lediglich die amerikanische Handelsbilanz durch die Ausfuhr von Freiheit aufbessern. Seine Rede aber schuf Rätsel über Rätsel, weshalb die Exporteure der Freiheit eilends zurückruderten. Habe er nicht so gemeint, sei eher bildlich zu verstehen, eine Metapher oder was auch immer, ließ das Weiße Haus am Tag nach der Rede verlauten. Bushs Vater schob nach: Die Leute interpretierten zu viel in diese Rede hinein, wehrte Daddy ab. Außer Spesen also nichts gewesen?

Dafür exportiert Amerika aber jede Menge High-Tech-Kram, Mikroprotze und Computer und so weiter, sagen Sie nun. Da muss ich leider mit extrem schlechten Nachrichten aufwarten: Bei Hochtechnologieprodukten betrug das amerikanische Handelsdefizit in den vergangenen zwölf Monaten kühle 36,9 Milliarden Dollar. Hervorragend läuft hingegen der Export von Müll. Die Ausfuhr amerikanischen Mülls – Altmetall, Papier, Verpackungen – wuchs innerhalb eines Jahres um 31 Prozent an, insgesamt wurde im Vorjahr Abfall im Wert von 8,4 Milliarden Dollar exportiert. Sie explodierte regelrecht, die Müll-Ausfuhr: Um erstaunliche 135 Prozent stieg sie seit 1999 an, obwohl Britney Spears’ blöde Songs dabei nicht einmal mitgezählt wurden!

Wenn immer ich meine Mülltonne zur Straße schleife, leiste ich also einen Beitrag zur Verbesserung der maroden amerikanischen Handelsbilanz. Und ob ich stolz darauf bin!

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