Zeitung Heute : Bush und der Irak: Die Angst vor den Bomben kehrt wieder

Andrea Nüsse

Warda hat rote Augen. Sie holt ein zerknittertes Papiertaschentuch aus der Jackentasche und wischt sich die Tränen ab. Dann gibt sie sich einen Ruck und setzt sich aufrecht auf den Metallstuhl in dem kleinen Büro der Caritas in der jordanischen Haupstadt Amman. Doch während sie spricht, sacken ihre Schultern immer wieder nach unten. Die 45-jährige Irakerin ist froh, dass die amerikanischen und britischen Bomben nur südlich von Bagdad eingeschlagen sind. So weiß sie, dass ihren vier Kindern und ihrem Mann, die im Stadtzentrum von Bagdad leben, nichts passiert ist. Denn nach deren Schicksal hätte sie sich von Amman aus sowieso nicht erkundigen können: Man ist mit dem Taxi schneller in Bagdad, als man eine Telefonverbindung bekommt. Die Fahrt dauert acht Stunden.

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"Warum bringen die Amerikaner Saddam Hussein nicht einfach um, anstatt uns zu bombardieren und uns das Leben zur Hölle zu machen", fragt sie. Doch sie erwartet keine Antwort. Die hat ihr auch in den vergangenen zehn Jahren niemand geben können. Warda glaubt auch nicht, dass sich an der westlichen Politik etwas ändern wird. "Es liegt daran, dass wir Erdöl besitzen, das wollen alle kontrollieren", vermutet sie.

Die kräftige Frau war vor vier Tagen nach Amman gekommen, um sich um ihren ältesten Sohn zu kümmern, der hier bei Verwandten untergekommen ist. Der 22-Jährige ist schwer depressiv, spricht kaum noch, und wenn er den Mund öffnet, redet er nur sehr leise, weil er sich verfolgt glaubt. Warda kann sich das nicht erklären, sucht Psychologen auf und versucht Geld aufzutreiben, mit dem sie ihm Medikamente kaufen kann. Die kosten 45 Dinar, umgerechnet 150 Mark. Die hat Warda nicht. Ihr Mann ist Ingenieur, aber arbeitslos. Auch bei der Hilfsorganisation der katholischen Kirche in Amman, einer Anlaufstelle für Iraker, die medizinische Hilfe brauchen, kann man ihr heute nicht weiterhelfen.

"Meine Kinder in Bagdad hatten sicher wieder furchtbare Angst, als sie die Luftalarm-Sirenen gehört haben", vermutet Warda. Die heute 12- bis 17-Jährigen erinnern sich noch allzu gut an den Golf-Krieg. "Sogar wenn sie nur Flugzeuglärm hören, kommen sie zu mir oder meinem Mann gerannt und wollen sich verstecken." Vielleicht, sagt die Irakerin, haben auch die psychologischen Probleme ihres ältesten Sohnes mit diesen schlimmen Erfahrungen zu tun.

Die Verzweiflung von Warda können auch die Solidaritätsbekundungen der arabischen Welt für den Irak nicht lindern. Von dem Treffen der etwa 400 irakischen und jordanischen Parlamentsabgeordneten und Gewerkschaftler, die zufällig wenige Stunden vor den neuesten Luftangriffe zusammenkamen, hat sie noch gar nichts gehört. Dabei lieferte das Treffen auf einem riesigen Parkplatz am irakischen Grenzübergang zu Jordanien eine der Schlagzeilen in der Hauptnachrichtensendung des staatlichen irakischen Satellitensenders um 22 Uhr.

"Schämen sollen sie sich"

Mit zwölf nagelneuen Bussen hatten sich irakische Abgeordnete unter Leitung von Parlamentspräsident Saadun Hammadi aufgemacht, um ihre jordanischen Kollegen zu treffen. In einem 400 Meter langen Zelt, in dem endlose Reihen von Plastikstühlen aufgebaut waren, lauschten sie den Vorträgen, in denen von arabischer Einheit und der Solidarität mit den Palästinensern die Rede war. Redner geißelten die Sanktionen und forderten das Ende der amerikanischen und britischen "Aggressionen", als die sie allein schon die alliierten Flüge über Nord- und Südirak empfinden. Währenddessen zeugte der Lärm im Hintergund vorbeifahrender Lastwagen, dass das Embargo zumindest durchlässig ist. Aber aus dem Irak gibt es nichts zu exportieren - außer Öl, Benzin und national-revolutinärer Poesie.

Nach den Ansprachen der Parlamentspräsidenten drängte eine Gruppe von Männern an die Mikrofone, die halb singend, halb sprechend eine Hymne auf die Größe der arabischen Nation darbrachten. Immer wieder hießt es darin "Ya achi, ya achi", "Mein Bruder, mein Bruder". Ein kleiner Mann in einem abgetragenen Anzug übernahm das Wort, ein sprachgewaltiger irakischer Dichter, und schmähte die Vereinigten Staaten Amerika. Man solle den USA die Tür vor der Nase zuschlagen, forderte er hitzig. "Es gibt keinen Frieden ohne die Befreiung Palästinas und die Aufhebung der Sanktionen", war auf Englisch auf einer am Grenzzaun aufgehängten Banderole zu lesen. Auf dem nächsten Transparent wurde auf Arabisch zum Jihad, zum Heiligen Krieg zur Befreiung von Jerusalem aufgerufen.

Und zwei Stunden lang, während die Redner sich an Heftigkeit überboten, hielt ein kleines Mädchen mit weißen Satinbändern im Haar neben dem Stehpult ein handgemaltes Pappschild hoch: "Die arabischen Regierungen sollen sich vor mir schämen". An der Seite des Plakats hing eine selbst gebastelte Steinschleuder herunter, wie sie die palästinensischen Kinder und Jugendlichen im Kampf gegen die israelischen Besatzungssoldaten benutzen. Schämen sollten sich die Regierungen, weil sie die Palästinenser nicht schützen können. Von dem Vorwurf nicht getroffen fühlen muss sich Saddam Hussein, der sich seit Ausbruch der Al-Aksa-Intifada als Schutzherr der Palästinenser präsentiert - mit gewaltiger Rhetorik und und auch durch Geldzahlungen an palästinensische Familien, die Tote zu beklagen haben. Bei den Palästinenser kommt dies sehr gut an. Noch am Abend der Luftangriffe wurden anti-amerikanische Demonstrationen aus den besetzten Gebieten gemeldet.

Am liebsten würde sie auswandern

Doch den Möglichkeiten Saddam Husseins sind enge Grenzen gesetzt, darüber konnten auch die patriotischen Lieder des Verbrüderungstreffens nicht hinwegtäuschen. Dort wurde das Essen von Stewards und Flugkapitänen der "Iraqi Airways" verteilt. Die Angestellten kommen in ihrem Beruf kaum mehr zum Einsatz, da die irakische Zivilluftfahrt wegen der Sanktionen keine Ersatzteile kaufen kann, über keine flugtauglich Flotte mehr verfügt und ohnehin nur im Landesinneren verkehren darf. So zogen die Männer in tadellosen blauen Uniformen kleine Servierwagen hinter sich her und bewirteten die Gäste am Boden.

Am nächsten Morgen sitzt Warda, der solche Propagandaveranstaltungen auch dann keinen Mut machen würden, wenn sie davon wüsste, in der Beratungsstelle der Caritas in Amman. Sie wird in einigen Tagen nach Bagdad zurückkehren. Doch Caritas-Direktor Jamal Hattar fürchtet, dass die erneuten Luftangriffe noch mehr Iraker zur Flucht bewegen werden. Allein in Jordanien leben etwa 150 000 bis 200 000 Iraker unter teilweise primitivsten Bedingungen. Wenn sie kein Visum für westliche Länder oder Australien bekommen, vertrauen sich viele seiner Patienten Schlepperbanden an, die sie über Osteuropa in das Land ihrer Träume bringen sollen. Auch mehr und mehr Schwerkranke schlagen diesen Weg ein, wie Jamal Hattar berichtet: "Wir haben immer mehr Krebspatienten, darunter auch viele Kinder, die in Irak keine Chemotherapie bekommen können." Früher hatte das haschemitische Königshaus für viele dieser Patienten die Behandlungskosten in Jordanien übernommen. Doch seit die Wirtschaftentwicklung infolge der Intifada und der Sanktionen gegen Irak auch in Jordanien immer weiter zum Stillstand kommt, gibt es diese Möglichkeit kaum noch. "Ich weiß von zwei meiner Patienten, die auf der Reise nach Australien gestorben sind", sagt Hattar.

Auch Warda würde mit ihrer Familie am liebsten den Irak verlassen, zu ihrer Schwester nach Düsseldorf ziehen. "Davon träumen alle Iraker, zu Hause wir haben doch keine Zukunft." Aber es sei unmöglich, von ein Visum für Deutschland zu bekommen. "Außerdem braucht man für eine solche Reise viel zu viel Geld", seufzt die Frau. Und sackt wieder in ihrem Stuhl zusammen.

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