Zeitung Heute : "Business to Government": Eine klassische Win-Win-Situation

Jochen Reinecke

Jedes Jahr wird pünktlich zur CeBIT und zu anderen Computer- und Internetmessen ein neues Modewort von den Zeremonienmeistern der Informationstechnologie in die Medien gedrängt. Neben wichtig klingenden und inhaltlich banalen Schlagworten wie "Content", "Community" und "eCommerce" ergeben sich auch immer neue Bezugswortschöpfungen mit einer eleganten "2" in der Mitte. Ganz harmlos fing es an mit "B2C" (Business to Customer) - einer einfachen Umschreibung des bereits in der herkömmlichen Wirtschaft üblichen Verkaufs einer Ware vom Händler zum Endkunden. Was Onlinehändler wie amazon.de, booxtra.de und cdnow.com taten, nämlich Bücher, Tonträger, Videos und Spiele an den Endkunden zu verkaufen, ließ sich also auf die schöne Kurzformel "B2C" reduzieren. Dann setzte sich aber die Erkenntnis durch, dass das ja nicht so wirklich revolutionär ist, und "B2B" - Business to Business - wurde ins Spiel gebracht. Firma 1 berät Firma 2. Oder - Firma 1 verkauft Firma 2 etwas.

Auch schön, auch legitim, aber bereits aus der "Old Economy" bekannt und somit nicht wirklich neu. Ein unverbrauchtes Wort musste her: Verbraucherportale wie dooyoo.de und ciao.de läuteten die Ära des "P2P" (People to People) ein. Auf diesen Online-Plattformen konnten Menschen untereinander beispielsweiese Erfahrungen mit Konsumprodukten austauschen - von der Windel über den Espressoautomat bis hin zum Geländewagen reicht die Produktpalette der von Privatmenschen ausgetesteten Dinge; also eine Art basisdemokratische Stiftung Warentest, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass sich aggregierte Produkttests vom Betreiber der Plattform wunderbar als Marktforschung an Hersteller verkaufen lassen. Wenn er in der Lage ist, so etwas zu organisieren. Der Stellenabbau bei den Meinungsportalen deutet darauf hin, dass das Geldverdienen auf diese Art so einfach auch wieder nicht gelingt. Und Geld wollen ja heute auf einmal alle Risikokapitalgeber sehen.

Jetzt also "B2G" - Business to Government. Ist das die neue Sau, die durchs globale Dorf getrieben wird? Einfach gesagt ist "B2G" alles, was in die Rubrik "Geschäft zwischen öffentlicher Verwaltung und Unternehmen" fällt. Laut dem "Electronic Commerce InfoNet" beträgt beispielsweise allein das gesamte Beschaffungsvolumen der öffentlichen Hand in Deutschland jährlich über 500 Mrd. DM. Gut 50 Prozent der hierbei anfallenden Transaktionen könnte über das Internet abgewickelt werden. Mit einem Einsparungspotenzial von insgesamt 30 Mrd. DM.

Wie entsteht so eine Einsparung? Eine Kommune möchte zum Beispiel den Bau einer Fußgängerunterführung ausschreiben. Bisher hat sie dies zumeist in den regionalen Zeitungen per öffentlicher Ausschreibung bekannt gegeben. Das hat gedauert und kostete Geld für Zeitungsannoncen. Interessierte Bauunternehmer konnten, zu hohen Gebühren, die Ausschreibungsunterlagen anfordern. Nach der Ausschreibungsfrist mussten die eingegangenen Angebote gesichtet, erfasst und geprüft werden. Aufgrund der regionalen Begrenzung der Ausschreibung fehlte ein reeller Wettbewerb, außerdem standen Mauscheleien, überhöhten Preisen und Manipulationen Tür und Tor offen. Ganz anders im Internet: Ausschreibungsplattformen wie sie das Wittener Unternehmen Cosinex betreibt oder die Hürther Intersource AG haben den gesamten Ausschreibungsvorgang ins Internet übertragen. Kommunen registrieren ihre Ausschreibungen schnell und kostenneutral online. Interessierte Firmen, also Auftragnehmer, tragen sich in die Unternehmensdatenbanken ein und können einfach online für sie passende Ausschreibungen herunterladen. Ebenso einfach und schnell kann der interessierte Auftragnehmer später sein Angebot auf die Plattform zurückstellen. Aufgrund der zentralisierten Erfassung - der Auftragnehmer gibt sein Angebot direkt in der richtigen Form online ein - können Leistungsvergleiche viel schneller und objektiver durchgeführt werden. Um bei den Modeworten zu bleiben, eine klassische "Win-Win"-Situation. Die Kommune spart Geld, die Gleichberechtigung unter den Unternehmen wächst, die Betreiber der Plattform verdienen Provisionen.

"B2G" kann aber auch heißen, die öffentliche Hand bei der Planung und Durchführung von Projekten zu unterstützen. Das junge Berliner Unternehmen Projektron steht vor der Fertigstellung einer vollkommen neuen Projektsteuerungssoftware, die das bisher großflächig eingesetzte Produkt aus dem Microsoft Office-Paket aufs Abstellgleis schiebt. Skalierbarer Onlinezugriff per Web-Browser auf alle wichtigen Projektdaten, flexible Bedieneroberfläche und ausgefeilte Bericht-Werkzeuge sollen die öffentliche Hand ermächtigen, jederzeit Projekte finanziell und zeitlich im Griff zu haben.

Ein weiterer Zweig von "B2G" kann es sein, kleinere Städte und Gemeinden in Sachen Einsparungen zu beraten. Ehemalige Kommunalbeamte aus dem Bereich Finanzen nutzen beispielsweise ihre langjährigen Berufserfahrungen und machen sich selbständig, um anderen Kommunen Einsparungspotenziale aufzuzeigen. Die Bezahlung erfolgt nur im Erfolgsfall. Wenn also die Kommune eine reelle Einsparung verzeichnet, zahlt sie dem Berater eine Provision.

Ist "B2G" also nur eine weitere Modeerscheinung auf dem derzeit heftig durchgerüttelten Internetsektor? Vermutlich nicht. Business to Government bedeutet im Idealfall ein steigendes Gemeinwohl durch sinnvoll eingesetzte Gelder, gerechte Beschaffung von Aufträgen und nicht zuletzt durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze mit Geschäftsmodellen, die nicht nach zwei Monaten wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen. Und solche sinnvollen Geschäftsmodelle hat die "New Economy" bitter nötig. Gerade jetzt.

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