Zeitung Heute : Butterfahrt ins Mißverständnis

JOST MÜLLER-NEUHOF

Erst kommt die Aktion, dann die Akteure: Jan De Bont inszeniert in "Speed 2" eine verbrauchte IdeeWir sahen Dennis Hopper, grimmig und von erhabener Niedertracht, und Keanu Reeves, der sich ihm, dem Schurken, entgegenstellt.Wenn der von Hopper präparierte Bus unter 50 Meilen fährt, fliegt alles in die Luft - Arme, Reiche, Schwarze, Weiße, und mit ihnen fliegt Sandra Bullock."Speed" erinnerte an ein visuelles Fertiggericht - ohne großen Anspruch an die Zutaten, dafür aber, dank der dynamischen Regie des früheren Kameramannes Jan De Bont, der das Titel-Programm mit sehr gutem Handwerk eins zu eins auf die Bilder übertrug, mit viel Geschmacksverstärker zubereitet.Magenfreundlich war es obendrein. "Speed 2", das Sequel, soll nicht mehr sein als ein weiteres Konsumprodukt.Es beruht jedoch auf zwei Mißverständnissen.Das zweite heißt Sandra Bullock.Man war fest davon ausgegangen, "Speed" sei ihr Film gewesen.Bullock, der Star im Sweater, der so charmant linkisch den bombenbestückten Bus steuerte, daß alle ihn liebten - er sollte die haarscharf selbe Nummer noch einmal tanzen.Also alles auf Anfang. Die Rolle des Busses spielt ein Kreuzfahrtschiff, böse ist Willem Dafoe.Sandra Bullock zur Seite steht Jason Patric, der während der Dialoge so guckt, als benötige er dringend die Unterstützung einer Souffleuse.Wie das Heldenpaar auf den Dampfer gelangt, dieser lähmende Prolog, bei dem sich zwei Menschen durch zwei Stunts und ein Häuflein Witze quälen, er wirkt so aufgesetzt und überflüssig wie Flirt-Getue in einem Pornofilm."Speed 2", man spürt es, will ohne überviel Geplänkel zum Höhepunkt. Gekrabbel an der Bordwand, Gewimmel in den Gängen.Eine gute Zeit lang.Irgendwann, ganz allmählich, verselbständigen sich die Requisiten, treten hervor und lassen die Darsteller immer weiter hinter sich.Am weitesten zurück bleibt Sandra Bullock.Sie erscheint uns zwar noch als etwas tappsiger, plappernder Schatten, aber man nimmt kaum mehr Notiz von ihr.Jason Patric strampelt, schnappt nach Luft, aber bald wird auch er untergebuttert.Dafoe lächelt zu allem maliziös.Das bleibt haften. Symptomatisch sind diese beklagenswerten Szenen für das erste und größte Mißverständnis: die Annahme, "Speed" tauge als Schablone für eine Fortsetzung.Das Dreieck Bus - Bombe - Hopper war ein geschlossenes System, ausgerichtet allein auf die eine, die alles tragende Idee; die "Speed"-Story war derart formalistisch strukturiert, daß der Film seine eigene Fortsetzung gleich mitlieferte.Damit war die Idee ausgeweidet und verbraucht, die Leiche nicht mehr zu reanimieren. De Bont mag das befürchtet haben.Gegen die drohende Verflachung setzt er Material und Maschinerie.Im Finale gleicht der Film endgültig einem Totentanz.Das Schiff, mittlerweile weitgehend von Passagieren befreit, schrappt an einem Tanker vorbei, läuft auf ein beschauliches Küstennest zu. Ein Theater ohne Gesichter; die Bühne ist jetzt ganz leer, das Stück eigentlich schon lange zu Ende.Nur der Vorhang steht noch offen, und das Publikum sitzt da."Speed 2" hat sich in eine einzige laut rumpelnde Kulisse verwandelt, sie rumort vor sich hin, bis sie zerbirst und krachend in sich zusammenstürzt.Mehr geschieht nicht.Der Höhepunkt war bloße Täuschung.Wir sind betrogen worden. JOST MÜLLER-NEUHOF

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