Zeitung Heute : Bye, bye, Baldachin

THOMAS LACKMANN

Katholische Akademie Berlin: das Christentum im Dialog der KulturenTHOMAS LACKMANNEigentlich lag die Kontroverse in der Luft.Ein jüngeres Auditorium wäre sich vielleicht in die Haare geraten.Es sind aber vor allem das Mittelalter und die Senioren gekommen, um in Berlins Katholischer Akademie einen evangelischen Missionswissenschaftler aus Hamburg über das "Christentum im Dialog der Kulturen" reden zu hören.Theodor Ahrens nimmt den Bestand auf: Das westliche Christentum, verbunden mit der Menschenrechts-Idee, stoße mit seinem universellen Gültigkeitsanspruch auf Mißtrauen; in der postkolonialistischen Welt unterstelle man solch einer übergreifenden Meta-Story, sie zerstöre fremde Vorstellungen.Die Regionalisierung schreite fort: wieso rede man noch vom Christentum im Singular? Ahrens sucht die transkulturellen Erkennungszeichen der Christen: den Sonntag, die Bibel, Taufe, Abendmahl.Als "Weichenstellung zur Vernunft" bezeichnet er die Entscheidung des Johannes-Evangeliums für den griechischen Logos-Begriff.Wenn dort stehe, der Logos Gottes sei Mensch geworden, "in sein Eigenes gekommen, aber von den Seinen nicht erkannt worden", weise das auf den konkreten kulturellen Ort der Inkarnation hin.Und darauf, daß die Wahrheit dialogisch sei, also: "Mein Begriff von Christentum könnte auch deiner werden." Das um den Globus transportierte westliche Christentum sei in seiner lateinischen Tradition geprägt vom römischen Recht, in seiner protestantischen vom Parlamentarismus des 19.Jahrhunderts, von einer "kleinbürgerlichen" Menschenrechts-Lesart der Französischen Revolution, reduziert im Missionars-Motto "Impfen und beten".Auf die Frage nach der Zukunft des Christentums in Europa proklamiert der Professor die Risikogesellschaft: Christen müßten der Versuchung widerstehen, den "Glauben an Gott zu Konditionen des Erlebnismarktes" zu verscherbeln; sie müßten demonstrieren, daß es um das ganze Leben gehe, um die bedrohten Menschen - draußen, am Rande."Nur so verhindern sie, zur religiösen Sinnspürmaschine des Erlebnismarktes zu verkommen." In "anderen Kontexten", bemerkt der Theologe lakonisch, kämpfe man nicht "um ständige Modernisierung des Erlebens, sondern ums Überleben." Die Passions-Formel "ecce homo" definiert seiner Ansicht nach den Menschen.Interkultureller Dialog beinhalte "das Teilen des Leibes Christi," zitiert er einen japanischen Kollegen: "des Leibes, der kaputtgeht an der Abwesenheit Gottes." Vortrag, Predigt, Rundumschlag.Die Diskussion zeigt, daß der Referent die Tröstungs-Bedürfnisse seiner Zuhörer nicht befriedigen kann.Ein älterer Herr propagiert, die Rechristianisierung des Abendlandes via Internet, "jeden Tag eine Homepage mehr".Er plädiert aber auch für "Inkulturation" und erinnert sich, zwiespältig-wohlwollend, an die erste Begegnung mit der afrikanischen Missa Luba in den 50er Jahren.Ein grauhaariger Prälat beklagt den Verlust des christlichen Menschenbildes, den Liberalismus und die Lohnfortzahlung im Krankeitsfall.Ein jüngerer Mann im karierten Jackett wiederum begrüßt die rituellen Angebote der Medien wie "Traumhochzeit" und Beichte à la Schreinemakers: Das entlaste eine Kirche, die sich - jenseits allen Service-Marketings - auf ihre Mitte besinne.Der europäische Blick auf das Christentum sei im Übrigen nur noch Minderheitenposition.Ein anderer sagt sogar, er bedauere nicht, daß der "christliche Baldachin" überm Abendland verschwinde.Nostalgiker und Risikojünger reden aneinander vorbei; die Bekenntnis-Sprache vertrocknet bisweilen im Dogmatischen.Auch Theodor Ahrens weint dem Baldachin nicht nach, er besteht darauf, daß wir "hinter Aufklärung und Menschenrechte nicht zurückkönnen".Was das wohl heißt? Die "osteuropäische Perspektive" des Themas wird in der Fortsetzungs-Tagung am 29.11.behandelt.

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