Zeitung Heute : Camcorder "mit Schnappschuß-Modus"

REINHART BÜNGER

Camcorder "mit Schnappschuß-Modus"Was auf der Funkausstellung an Neuheiten präsentiert wird / Überblick über Trends und KuriosesVON REINHART BÜNGER

Genau besehen, wird auf der diesjährigen Internationalen Funkausstellung in Berlin (IFA) vom 30.August bis zum 7.September in den Messehallen unter dem Funkturm eine "Artillerie der Indiskretion" aufgeboten.Nachdem elektronische Beichtstühle bereits seit einem Jahr im Internet stehen, werden jetzt Camcorder "mit Schnappschuß-Modus" präsentiert.Auch schnurlose Telefone, durch die sich bis zu 100 Stunden netzunabhängig Stimmen zu Besuch schicken lassen, sollen salonfähig werden.Ja, es werden sogar Telefone zu sehen sein, die mit Fotowahltasten funktionieren. Der englische Schriftsteller George Orwell, Erfinder des "Televisors", des "Hörsehschirms", könnte heute mit Stolz auf sein pessimistisches Gesellschaftsszenario "1984" verweisen, das Realität wird angesichts der diesjährigen "Weltneuheit": das TV-Bildtelefon, "das TV-Meetings mit bis zu fünf Teilnehmern erlaubt", wie es in den PR-Materialien heißt. Zu Orwells Zeiten war so etwas noch reine Phantasie, die sich im Angesicht des "magischen Auges" einstellte.Diese "Wasserwaage" zum Ausmessen der Trennschärfe von Radiosendern, zierte das Ausstellungsplakat der ersten Nachkriegs-Funkausstellung in Düsseldorf 1950: "Das magische Auge sieht dich an, das magische Auge zieht dich an". Nachdem Fernsehapparat und Videorecorder heute zum Haushalt gehören wie der Mikrowellenherd und alle drei vor allem dem Aufwärmen von Konserven dienen, ist die Frage erlaubt, was die IFA 1997 nun neben dem Aufmarsch der nicht minder indiskreten Bildschirmprominenz von Arabella bis Harald (Schmidt) noch Neues zu bieten hat.Schließlich liegt der Eintrittspreis nicht mehr bei einer Mark fünfzig wie noch anno 1950, sondern bei (satten?) 22 Mark. Auf der diesjährigen Internationalen Funkausstellung wird es - einmal mehr - um die "richtigen" Zusatzmodule zum Fernsehapparat gehen, die zur Entschlüsselung der digitalen Fernsehsignale gebraucht werden.Das Ende des Richtungsstreites um diese "Set-Top-Boxen" ist offen: in der einen Richtung marschiert das Trio Telekom, Kirch und Bertelsmann mit der "d-box" als Standardbox auf die Kunden los.ARD und ZDF sind in anderer Richtung unterwegs - doch mit welcher Box? Welche Programme die ARD auf der IFA präsentieren wird, ist inzwischen bekannt.Ihr "TV-Bouquet" wird bestehen aus allen Programmangeboten der ARD.Hinzu kommen drei neue programmliche Zusatzangebote: "ARD-MuXx" (die zeitversetzte Ausstrahlung des Ersten zwischen 20 Uhr und ein Uhr), "ARD-Extra" (eine Programmschleife mit Informations-Angeboten) und "ARD-Festival" (eine Programmschleife mit Film-Angeboten).Zum Empfang dieser (kostenfreien) Programme, die über das ASTRA-Satellitensystem verbreitet werden sollen, ist ebenfalls eine "Set-Top-Box" notwendig. Gerätehersteller wie Panasonic oder Thomson haben Decoder-Prototypen entwickelt - auch ohne die für den Angebotsfächer des Abonnementenfernsehens erforderlichen Funktionen.Der Vorteil des ARD-Digitalangebotes: der Zuschauer findet einen Programmzugriff nach Zeiten, Sparten oder Themen.Dieses und weitere digitale Fernsehangebote (DF 1, Premiere, Multithématiques) werden dem Publikum in Halle 4.2, Stand 06 vorgestellt. Der Sender vom Mainzer Lerchenberg stellt in Berlin unter dem Titel "ZDF.Vision: Ich sehe, was ich will" sein digitales Bouquet vor (Halle 6.2.).An zwei Multimedia-Arbeitsplätzen startet das ZDF Programme seiner neuen Online-Nachrichtenredaktion.Besuchern haben hier die Möglichkeit, Grüße in das Internet zu stellen.Ganz net(t). Ein zweiter großer Digital-Schwerpunkt ist DAB, Digital Audio Broadcasting.Auch hier lautet die Frage, woher und wohin die Geräte kommen sollen.Im Auto zum Beispiel mußten die DAB-Kästen nämlich aus Platzgründen bisher noch neben den Bier- und Verbandskästen montiert werden: im Kofferraum.Die Entscheidung über einen möglichen Regelbetrieb ist nach Angaben des ARD-Vorsitzenden Udo Reiter (Mitteldeutscher Rundfunk) noch nicht gefallen. Rund um das Autoradio drehen sich zahlreiche weitere IFA-Neuheiten.Philips präsentiert das extrem nützliche "Autoradio mit Taschenwecker" (Halle 22, Stand 01), das an die abgelaufene Parkuhr erinnert.Es werden auch über Autoradio mit angeschlossenem Display vermittelte Navigationshilfen zu sehen sein: zum Auffinden von Straßen, die streckenweise wegen Reparatur der Umleitung für den Verkehr geöffnet sind. Geboten werden auf der größten Ordermesse Europas erneut zahlreiche "Fernsehgeräte der Zukunft", neue Apparate, mit denen sich alte Sendungen in verbesserter Qualität oder mit Zusatznutzen empfangen lassen.Neue Flachbildschirme wurden entwickelt, die sich wie Bilder an die Wand hängen lassen und auch für den Personalcomputer tauglich sind (Halle 18, Stand 01).Wirklichkeit wird endlich auch der erste "Fernsehprojektor" für den privaten Geldbeutel, der sich vom Fernsehen auf Video und Computer umschalten läßt (Halle 26, Stand 39). Digitale Technologien stehen zum Beginn der IFA vor der Marktreife, von DAB angefangen, über DVB (Digital Video Broadcasting), Flachbildschirme und "Web-TV" (die Verknüpfung des Fernsehapparates mit dem Internet) bis zur DVD, die Digital Versatile Disc, der eine zentrale Rolle zugeschrieben wird.Die DVD bietet im Vergleich zur Standard-CD-Rom die 7,5fache Speicherkapazität und eine etwa neumal schnellere Datenübertragung (Halle 5,2, Stand 01).Grundig zeigt den ersten Player für DVD, der die Wiedergabe von Spielfilmen bis zu zwei Stunden Dauer ermöglicht.Die neuen Techniken werden zunächst in Zusatzmodulen um den Fernseher gruppiert - ebenso wie digitale Camcorder, Videorecorder, digitale Fotoapparate.Anders ausgedrückt, geht es um die Bewältigung und Ausführung sämtlicher Multimediafunktionen durch den (3-D-)Fernsehapparat: er soll den Zugriff auf das Internet bieten, mit anderen Terminals kommunizieren, digitale Speichermedien an- und abrufen sowie steuern. So wie sich diese verschiedenen Anwendungsbeispiele um den Fernsehapparat gruppieren, ist auch die IFA selbst ein weltweiter Mittelpunkt der drei Branchen Unterhaltungs-, Informations- und Kommunikationselektronik.Das Platzangebot hat sich noch einmal (auf nunmehr 130 000 qm) mit der Zahl der Aussteller (über 800) vergrößert.Last - but not least - sind unter dem Funkturm 41 Fernseh- und 25 Hörfunksender präsent.Rekordverdächtig. Alle Chancen, in das Guiness-Buch der Rekorde aufgenommen zu werden, hat unter anderen Vorzeichen eine High-End-Kombination, die in Halle 9.1.zu sehen sein wird: Zusammengesetzt aus zwanzig Einzelkomponenten steht hier - zwischen vier übermannshohen Lautsprechersystemen - "die teuerste HiFi-Anlage der Welt".Die dürfte allenfalls Snobs vorbehalten sein.Diese 1,2 Millionen schwere Anlage ist wirklich nur etwas für Menschen, die im Supermarkt einkaufen und Konfektionsanzüge tragen - oder für Männer, die behaupten, es gebe etwas Interessanteres als Frauen.

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