Zeitung Heute : Canberra ist eine am Reißbrett entworfene Metropole mitten im Grünen

Klaus Thiele

Alle reden jetzt natürlich von Sydney, der Olympiastadt 2000, wenn es um australische Städte geht. Mancher meint trotzig, dass Melbourne dennoch eher die Nummer eins in Australien sei. Aber der Name Canberra löst meist nur ein Achselzucken aus. Ach ja, die Hauptstadt. Auf Australien-Rundreisen deutscher Veranstalter wird Canberra meist übersprungen. Selbst Australier lächeln milde oder lästern gar, "Australiens größte beleuchtete Viehweide" sei Canberra oder "Australiens größtes Sanatorium". Zugegeben, "Känbra", wie die Aussies es aussprechen, ist nicht gerade das Paris des fünften Kontinents. Aber eine langweilige Beamtenstadt, wie manche meinen, ist es auch nicht unbedingt. Canberra ist einfach anders als andere Hauptstädte. Auf jeden Fall ist es eine Metropole von hoher Lebensqualität. In zehn Minuten ist man raus aus der Stadt, rundum viel Natur, sogar Weingüter, keine Staus im weitläufigen Straßennetz und sogar ein leicht zu erreichendes Skigebiet in den Snowy Mountains. Nur eines fehlt: Canberra liegt im Gegensatz zu Australiens anderen Großstädten nicht am Meer.

Fliegt man aus Sydney ein, sieht man bis zur Landung tatsächlich fast nur Grün. Endlose Viehweiden mit Schaf- und Rinderherden, dazwischen Wasserstellen, hin und wieder ein Farmhaus. Auch die Stadt selbst wirkt wie ein dezent bebauter riesiger Park. Man sucht noch nach der Mitte, wenn man längst mittendrin ist. Canberra ist eine am Reißbrett geplante Stadt, nicht organisch gewachsen, sondern ganz penibel und großzügig als Regierungssitz entworfen. Grund dafür, eine Retorten-Hauptstadt mitten ins Buschland zu setzen, war der Streit zwischen den ewigen Rivalen Melbourne und Sydney um den Regierungssitz, als sich 1901 die australischen Kolonien vereinten. 1908 fanden die Gründerväter einen Kompromiss. 100 Kilometer von der Küste entfernt, etwa auf der Mitte zwischen Melbourne und Sydney, sollte im Monaro-Tafelland der Regierungssitz gebaut werden. Der Amerikaner Walter Burley Griffin gewann den Architektenwettbewerb, und 1913 wurde der Grundstein für Canberra gelegt. Der Name bedeutet in der Sprache der früher in der Gegend lebenden Ngunnawal-Aborigines "Versammlungsplatz".

1927 zogen die Parlamentarier nach Canberra, aber Weltkriege und Rezession verzögerten die komplette Realisierung der Pläne des Architekten aus Chicago. Erst in den sechziger und siebziger Jahren wurden sie im Wesentlichen verwirklicht. Inzwischen ist das alte Parlament längst zu eng geworden. Es dient nur noch als Porträt-Galerie. Das neue wurde 1988 eröffnet. Es ist in den Capital Hill, der wie eine Torte angeschnitten wurde, hineingebaut. Und damit auch bloß vom grünen Gesamtbild nichts verloren ging, wurde das Parlament mit einem Grasdach versehen. In der National Capital Exhibition erfährt der Besucher alles über Konzeption und Ausbau der heute etwa 300 000 Einwohner zählenden Stadt mit riesigen Kreiseln, ringförmig angelegten Straßenzügen und strahlenartigen Ausfallstraßen. Vor dem Ausstellungsgebäude schießt die an den Australien-Entdecker Cook erinnernde Fontäne 147 Meter hoch aus dem Lake Burley Griffin. Dieser künstliche See teilt Canberra in zwei Teile, wie man vom 195 Meter hohen Testra Tower auf dem Black Mountain eindrucksvoll sieht. Auf der nördlichen Seite liegt "Downtown" um den City Hill. Diese "City" mit ihren Einkaufszentren und Hotels hat man schnell durchlaufen. Es gibt einfach keine richtigen Ballungszentren. Die Wohngebiete liegen verstreut wie Inseln im satten Grün. Aber immerhin zeigt sich in einigen netten Lokalen, dass Canberra auf betuliche Weise durchaus kosmopolitisch ist.

Südlich des Sees liegt das "nationale Dreieck". Es grenzt das Regierungsviertel ein. Seine Spitze ist Capital Hill mit dem neuen Parlament. Dieses Dreieck bilden breite Avenuen, die das Zentrum des Lake Burley Griffin umklammern. Am Seeufer entlang stehen ein paar der markantesten Bauwerke der Stadt wie die Nationalbibliothek, der Oberste Gerichtshof und die Nationalgalerie, für die man allein einen halben Tag einkalkulieren sollte. Es ist Australiens beste Gemäldesammlung mit alten Meistern aus Europa, vor allem aber mit einer fantastischen Zusammenstellung der Kunst der Ureinwohner, der Aborigines, deren Arbeiten inzwischen weltweit zu höchsten Preisen gehandelt werden. Direkt neben dem Museum steht Canberras originellstes Restaurant, das Mirrabook. Es liegt an einem Teich im Skulpturenpark, über den regelmäßig dicke Wolkenschwaden auf die Gäste zuwabern. Diese Schwaden gehören zu einem Kunstwerk des Japaners Nkaya Fujiko, das sich "Nebelplastik" nennt. Während man isst und die Nebel wallen, spielt auch noch ein Duo auf Geige und Keybord den Donauwalzer. Da sage noch einer, Canberra sei keine richtige Hauptstadt.

Der Botanische Garten mit nahezu allen Pflanzen Australiens und Erläuterungen über die Nutzung der Natur durch die von weißen Siedlern vertriebenen Aborigines lohnt auf alle Fälle einen Besuch. Zeit sollte man sich auch nehmen für einen Ausflug in die Umgebung, in die Tidbinbilla Nature Reserve und den Namadgi National Park. Dort sieht man jede Menge hüpfender Kängurus oder auch einige Koalas, Emus oder Schwärme von weißen Kakadus. Und man kann über den Yankee-Hat-Wanderweg die Region erkunden und Höhlenmalereien der Aborigines besichtigen. Unterwegs lernt man von Sue White oder einem anderen TourGuide zu erkennen, wo sich in einer Senke ein Farmhaus versteckt: Rundherum stehen nämlich immer europäische Bäume, die die Siedler aus der Heimat mitbrachten.

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