Zeitung Heute : Cantianhaus: Familienbande

Jörn Pestlin

Viele Bauherren können ein Lied davon singen: Der Weg zu den eigenen vier Wänden ist steinig und mit vielen Risiken gepflastert - vor allem wenn sie aus Kostengründen oder Selbstüberschätzung selbst zur Maurerkelle greifen. So manche Ehe ist an den Nebenwirkungen ehrgeiziger Eigenheimprojekte schon zerbrochen und familiäre Bande nahmen auf Wochenend-Baustellen irreparablen Schaden.

Außerhalb des Kreises ambitionierter Häuslebauer enthält das Bauen im Familienverbund aber weit mehr als nur Konfliktpotenzial: Überzeugender Beweis für diese These ist das vor einem Jahr fertig gestellte "Cantianhaus" an der nach dem königlich preussischen Baurat Johann Gottlieb Cantian benannten Straße in Berlin-Prenzlauer Berg. Statt eines familiären Trümmerhaufens errichtete der Architekt Michael Peter gemeinsam mit Ehefrau, Vater, Mutter, Schwester und Bruder ein preisgekröntes Wohnhaus mit 27 exklusiven Eigentumswohnungen und freiem Blick auf die Grünzone des Jahn-Sportparks.

Ein Erfolgsgarant seien so enge Familienbande aber auch im professionellen Baugeschäft nicht, meint der Architekt. Oft ginge es unter "normalen Geschäftspartnern" harmonischer als in einer Familie zu. "Wir streiten uns aber nie", versichert der 42-jährige Peter ohne zu zögern. Und seine jüngere Schwester Nicola pflichtet ihm bei: "wir liegen alle auf einer Wellenlänge." Man kenne den Geschmack und die ästhetischen Vorstellungen der anderen und könne sich darauf verlassen - und zwar ganz ohne quälende basisdemokratische Abstimmungsprozesse nach Wohngemeinschaftsart.

Dass der "Familienbetrieb Peter" sich formal trotz der engen Kooperation aus mehreren Firmen zusammensetzt, hat seine Ursachen vor allem in dem für Außenstehende nur schwer zu durchschauenden Standesrecht der Architekten. Wenn ein Architekt als Bauträger auftrete, dürfe er nämlich nicht mehr unter seiner Berufsbezeichnung agieren, sondern müsse sich Planer nennen. "Man braucht immer zwei Visitenkarten", stöhnt Peter. Deshalb hat seine Ehefrau Birgit Conrad den Part des Bauträgers übernommen. Um die Projekte ihres Mannes zu realisieren, hat die Kunsthistorikerin 1998 gemeinsam mit einem Kompagnon die Conrad-Bauprojekte GmbH gegründet.

Peters Vater hingegen musste nicht erst eine Firma gründen, um seinen Beitrag zu dem Projekt "Cantianhaus" zu leisten. Der Bauingenieur mit einem Büro für Tragwerksplanung in Reutlingen hatte sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt. Da Boris Peter - der elf Jahre jüngere Bruder des Architekten und designierte Nachfolger des Vaters - zum Zeitpunkt der Planung aber noch studierte, setzte sich Hans-R. Peter selber noch einmal an seinen Schreibtisch. Bauen ohne bürokratischen Wasserkopf

Unterstützt von Boris übernahm er die statischen Berechnungen für das "Cantianhaus". "Diese Konstellation erlaubt ein sehr effizientes Arbeiten", erzählt Michael Peter. "Wir können uns aufeinander verlassen, ohne dass wir wie bei normalen Geschäftsbeziehungen sonst üblich, alle Absprachen akribisch dokumentieren müssen." Änderungen während des Bauablaufes hätte der Vater quasi auf Zuruf erledigt.

Die hohe Effizienz bringt aber mehr als nur Kostenvorteile. "Man kann sich seine Zeit wesentlich besser einteilen", sagt der Vater von drei kleinen Kindern. Früher habe er oft sieben Tage die Woche gearbeitet. Heute gebe zwar nicht weniger zu tun, aber vieles könne er wesentlich schneller erledigen, weil er keinen bürokratischen Wasserkopf mehr bedienen müsse.

Für die Gartengestaltung kann Michael Peter ebenfalls auf Kompetenzen innerhalb der Familie zurückgreifen. Ihre Mutter hätte zwar nie den Beruf einer Garten- und Landschaftsarchitektin gelernt, erzählt Nicola, die Schwester des Architekten, sie betreibe ihr Hobby aber mit großer Professionalität. Nicola Peter selbst kann Dank ihrer Doppelqualifikation gleich mehrere Funktionen im Familienunternehmen ausfüllen. Als Juristin kümmert sie sich um die kaufmännischen Angelegenheiten und sorgt für wasserdichte Verträge. Als Künstlerin steuerte sie ein großformatiges Gemälde für die Lobby des Hauses bei und übernahm die komplette Einrichtung des Cafes im Erdgeschoss - ein "Lokal für Ästheten" sei das, befand das Stadt-Magazin "Prinz".

Jeder macht alles

In vielen Bereichen ist strikte Arbeitsteilung aber eher die Ausnahme bei den Peters. "Wir sind ein Laden, und wo es geht, macht jeder alles", erzählt Michael Peter. Seine Mutter wird deshalb nicht gleich zur Statikerin, aber an den Wochenenden führt der Architekt, genauso wie seine Frau oder seine Schwester, eben selbst potenzielle Kunden durch das "Cantianhaus".

Hätte Peter das Haus statt mit seiner Familie mit einer durchschnittlichen Bauträgergesellschaft gebaut, hätte er höchstens zu einem offiziellen Termin geladenen Gästen das Haus präsentieren müssen. Um die Kundschaft hätten sich eloquente Vertriebsprofis gekümmert. Fraglich ist nur, ob es das "Cantianhaus" mit einem "normalen Bauträger" überhaupt gäbe. Und wenn, sähe es wohl mit einiger Sicherheit anders aus.

Zwischen den Vorstellungen von Architekten und Investoren liegen schließlich oft Welten. "Bauträger feilschen um den letzten Quadratmeter", sagt Peter. "Dabei vergessen sie allzu oft die von vielen Kunden gewünschte bauliche Qualität". Mit dem Kosten- und Quadratmeter-Argument hätten sie wahrscheinlich die 3,10 Meter hohen Räume des "Cantianhauses" auf die übliche Neubauhöhe gestutzt, meint der Architekt, und statt dessen lieber ein zusätzliches Geschoss - wie beim Nachbarhaus - auf das Gebäude gesetzt. Das mit rötlich schimmerndem Kirschholz getäfelte und mit Barcelona-Chairs möblierte Entree wäre womöglich einer Gewerbeeinheit zum Opfer gefallen. Dabei ist die großzügige Lobby weit mehr als nur ein architektonischer Spleen. Ohne diese Extraportion Luxus hätten noch nicht 24 der 27 Wohnungen einen Käufer gefunden, ist sich Michael Peter sicher. Zumal die Vermarktung einer zusätzlichen Gewerbefläche in einer Straße ohne nennenswerten Publikumsverkehr ohnehin nur Probleme bereitet hätte.

Peter spart aber auch nicht mit Kritik an der eigenen Zunft. "Nicht zu unrecht haben Architekten, gerade was Termin- und Kostentreue anbelangt, ein schlechtes Image." Viel zu oft ignorierten sie die Realität der Märkte und lieferten daher nicht selten nur schwer vermarktbare Produkte. Deshalb sei es sinnvoll, sie nicht nur als Auftragnehmer, sondern direkt als Teilhaber an Projekten zu beteiligen. So ließen sich Konflikte zwischen Bauträger und Architekt erheblich reduzieren und finanzierbare Projekte aus einem Guss und ohne faule Kompromisse realisieren. Das Familieunternehmen um den Architekten Michael Peter meint, das mit dem "Cantianhaus" bewiesen zu haben.

Sich die Aufträge selber geben

Dabei hatte Peter, als er sich 1992 vom schwäbischen Reutlingen nach Berlin aufmachte, sicherlich ganz andere Ambitionen. Seine ersten Wettbewerbserfolge und Aufträge hatten mit Wohnungsbau in der Preisklasse des "Cantianhauses" nichts zu tun. 1988 hatte er sein Architekturdiplom gerade in der Tasche und beteiligte sich mit einem Partner an einem Wettbewerb für ein Parkhaus in seiner Heimatstadt Reutlingen. Völlig überraschend gewannen die beiden reputationslosen Architekten den ersten Preis samt Auftrag für das 15-Millionen-Projekt. "Theoretisch hätten wir an dem Wettbewerb gar nicht teilnehmen dürfen", erzählt Peter, "denn zum Abgabetermin waren wir noch nicht Mitglied in der Architektenkammer." Die Mitgliedschaft war aber Voraussetzung für einen eigenen Wettbewerbsbeitrag. Erst zwei Wochen vor der offiziellen Bekanntgabe der Preisträger wurden sie in die Kammer aufgenommen.

Als sein Beitrag für den Reichstagswettbewerb es bis in die Gruppe der Ankäufe schaffte, meinte Peter, es sei an der Zeit nach Berlin zu gehen. Zudem er sich in einer von Günter Behnisch und der "Stuttgarter Schule" dominierten Architekturlandschaft nicht sonderlich heimisch fühlte. "Überall nur schräge Linien" - das entsprach so gar nicht seinen Vorstellungen von unaufdringlicher Architektur im Geiste Mies van der Rohes.

In Berlin arbeitete er zunächst als Projektpartner von Thomas Baumann am zweiten Bauabschnitt des Wirtschaftsministeriums sowie der Parkklinik in Weißensee mit. Die ganz großen Aufträge blieben jedoch aus. "Wenn man als Architekt nicht tatenlos rumsitzen will", sagt Michael Peter, "muss man sich seine Aufträge selber geben". 1996 wagte er mit einem Dachgeschossrohling den Schritt zum Projektentwickler. Im Jahrestakt wurden die Bauvorhaben dann immer größer. Als Generalübernehmer sanierte er für Alfred Biolek an der Saarbrücker Straße ein komplettes Mietshaus. Dann folgte ein Wohnhaus am Arnimplatz.

Das "Cantianhaus" ist der erste Neubau und das bislang größte Projekt. Für das nächste Bauvorhaben der "Firma Peter" gibt es noch keine konkreten Pläne. "Immer eins nach dem anderen", sagt Michael Peter. Und fügt hinzu: "Für mehr reichen unsere Kapazitäten auch gar nicht aus."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben