Zeitung Heute : Carola Stern: Das Zittern der Spionin

Kerstin Kohlenberg

Geschichten von guten Menschen beginnen so: Von meiner Mutter habe ich die Toleranz, von meinen Vater die Liebe zu den Büchern. Geschichten von schlechten Menschen beginnen mit: Von meiner Mutter habe ich den Geiz, von meinem Vater den Jähzorn. Carola Sterns Geschichte aber, die beginnt so: Von den Nazis habe ich meine Angst vor Respektspersonen, vom Kommunismus meine Angst vor der Freiheit und vom amerikanischen Geheimdienst viele schlaflose Nächte. Kann so die Geschichte von einem guten Menschen beginnen? Es braucht viel Mut, Vertrauen und vor allem Nachsicht, um daran zu glauben.

Carola Stern trägt Senf, Würstchen, ein Glas Milch und Herztabletten in Richtung Wohnzimmer. Durch Räume, die sie bis zum letzten Jahr mit ihrem verstorbenen Mann Heinz Zöger geteilt hat, vorbei an den Plakaten ihrer Biografien über Dorothea Schlegel und Fritzi Massary, vorbei an einem Willy-Brandt-Foto, das mit einer Reißzwecke neben den Lichtschalter gepinnt ist, vorbei an einem Brecht-Foto, das ungerahmt und ein wenig gewellt in einem Regal steht, neben Büchern von Grass und Böll. In zehn Sekunden ist Carola Stern an einigen der wichtigsten Menschen ihres Lebens vorbeigegangen, genauer gesagt ihres Lebens nach Nazizeit und Kommunismus, in dem sie nicht mehr Erika Assmus war.

"Ich bin kein Mensch, der ständig über sich nachdenkt", sagt sie und setzt sich auf das grüne Ledersofa. Aber über einige ihrer Eigenschaften ist sie sich im Alter doch klar geworden. Eigenschaften, ohne die in ihrem Leben einiges anders gelaufen wäre: ihr übertriebenes Bedürfnis, geliebt zu werden, ihre Angst vor Menschen. Davor, dass die Menschen sie nicht mögen. Mittlerweile weiß sie, dass das Umsetzen von Angst in Courage, auch in Zivilcourage, immer bedeutet, sich selbst ein Stückchen näher zu kommen.

Wer Carola Stern kennt, kennt sie als WDR-Journalistin, die für die Ostpolitik Willy Brandts eintrat, als Biografin, als Mitgründerin der deutschen Sektion von amnesty international, als Freundin von Gustav Heinemann, Heinrich Böll, Günter Grass. Und er kennt ihre ehrliche Abrechnung mit der Vergangenheit. "In den Netzen der Erinnerung" heißt das Buch, in dem sie 1986 ihre Nazikindheit aufarbeitete.

Als Erika Assmus wurde sie 1925 in ihr erstes Leben geboren. Auf Usedom wächst sie in einem Umfeld totaler Hitlergläubigkeit auf. Als Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, läuft die Siebenjährige aufgeregt zu ihrem Onkel, um ihm die frohe Nachricht zu überbringen. Später beguckt sie interessiert die angezündete Swinemünder Synagoge, mit zwölf wird sie Führerin der Ahlbecker Jungmädel. "Jetzt", erzählt Carola Stern, "fühlte ich, die Fahrschülerin vom Dorf, mich meinen Mitschülerinnen, Tennis spielenden Töchtern von Marineoffizieren, Rechtsanwälten und Ärzten zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen." Als der Krieg verloren war, erinnert sich Stern, empfand sie keine Schuld, sie fühlte sich betrogen. Hitler hatte sich umgebracht, und sie saß nun da, in einem großen Scherbenhaufen.

Keines ihrer Bücher sei ihr so schwer gefallen wie das über ihre Nazikindheit, sagt Carola Stern. Aber sie sei davon überzeugt, dass man sich seiner Vergangenheit stellen muss. Das hat sie nun wieder getan, in ihrer Autobiografie "Doppelleben", mit einem überraschenden Ergebnis. Die Ex-Kommunistin, die, bevor sie 1951 in den Westen flüchtete, drei Jahre auf der SED-Parteihochschule war, war nie Kommunistin. Sie war eine von den Amerikanern angeworbene Agentin. Eine junge Frau mit Doppelleben. Wie es dazu kam, erzählt sie beim Abendbrot, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Die kurzen grauen Haare stehen zerzaust nach rechts und links ab, die Brille sitzt hoch oben auf der Nase.

Nach dem Krieg arbeitet Erika als Bibliothekarin in einem Raketeninstitut der Russen im Harz. Dann lässt sie sich in der Sowjetischen Besatzungszone zur Lehrerin ausbilden. Das Unterrichten findet sie grauenhaft. An einem freien Wochenende fährt sie nach Berlin, in die leere Wohnung ihrer Tante, froh, endlich mal allein zu sein. Um die Mittagszeit des folgenden Tages klingelt es. Vor der Tür steht ein "etwa dreißigjähriger, an einen Bezirksamtsangestellten erinnernder Mann mit dichtem schwarzem Haar, der sich Becker nannte und nach Fräulein Assmus fragte", schreibt Carola Stern. Sie zögert, aber dann lässt sie Herrn Becker, der fehlerfreies Deutsch mit amerikanischem Akzent spricht, herein.

War es Abenteuerlust, oder wollte sie nicht unhöflich sein? Carola Stern weiß es nicht mehr genau. Die beiden plaudern ein wenig, Becker erzählt, dass er Amerikaner sei, und zeigt sich sehr interessiert an dem Raketeninstitut. Erika erzählt von ihrer krebskranken Mutter, die zu Hause auf Usedom nicht behandelt werden kann. Becker bietet sofort Hilfe an. Schon am Nachmittag steht er mit Zigaretten und Bohnenkaffee an einer verabredeten Kreuzung. Damit kann Erika alles, was ihre Mutter braucht, auf dem Schwarzmarkt tauschen. Erika erzählt nun jedes freie Wochenende alles, was sie über das Raketeninstitut weiß, Becker bringt Zigaretten und Lebensmittel. Schuldgefühle hatte sie nicht, sagt Carola Stern.

Nach ihrer Flucht aus der DDR war es ihr allerdings lieber, als Kommunistin zu gelten denn als Agentin. "Agentin zu sein ist ein Einzelschicksal, damit kann sich keiner identifizieren. Aber Nazi oder Kommunist, das waren viele Deutsche." Zu ihrer Biografie gehöre die Agentenzeit dennoch dazu. Ihr Mann, ja, der habe natürlich vorher davon gewusst. Sonst niemand? Doch, Grass habe sie es mal erzählt. Wie er darauf reagiert hat? Er hat gut darauf reagiert, antwortet Carola Stern. Mehr nicht? Nein. Das Gespräch wird unangenehm. Man merkt, Carola Stern hat Angst, dass sich diese drei Agentenjahre durch ihre späte Beichte in den Vordergrund schieben, vor die anderen, für sie viel wichtigeren und glücklicheren.

Die Treffen finden in konspirativen Wohnungen in Berlin statt, dort trifft sie auch Kollegen von Mister Becker, die ihr einen Vorschlag machen. Sie wollen ihre Mutter in einer der besten Kliniken untersuchen, wenn nötig sogar operieren lassen. Dafür soll Erika Karriere in der SED machen. Sie geht auf das Angebot ein - die Männer sind ihr sympathisch, und sie glaubt, dass es ohnehin bald zur Wiedervereinigung kommt und die Amerikaner sie dann nicht mehr brauchen.

1948 stirbt Erikas Mutter. Erika arbeitet dennoch weiter für die Amerikaner. Warum? Carola Stern sagt, sie sei in ihrer Naivität stolz gewesen, Verbindung zur großen Welt zu haben, in der es vom Nylonstrumpf bis Hollywood alles gab. Die Amerikaner, deutsche Juden, die in die USA geflohen waren, werden für Erika so etwas wie Geschwister, denen sie nicht nur ihre Informationen, sondern auch ihre Ängste und Wünsche anvertraut.

1949 kommt Erika auf die SED-Parteihochschule in Kleinmachnow bei Berlin. Dort gibt es keinen, dem man etwas erzählen kann, keinen, mit dem man ehrlich Freundschaft schließen kann. Denunzieren gilt als Tugend. Auf einen Ulbricht-Witz steht Gefängnis. Und trotzdem mag sie viele ihrer Mitschüler. Sie ist 22 und will von den Menschen, mit denen sie 24 Stunden am Tag verbringt, gemocht werden. "Ich habe ständig gezittert. Das waren die Nerven", sagt Carola Stern. Einmal habe sie sich sogar mal verplappert, so in der Richtung "unsere Freunde, die Amerikaner" anstatt "unsere Freunde, die Sowjets", aber zum Glück habe das keiner gemerkt. Und obwohl die Amerikaner der Grund für ihre Angst waren, war es immer wie Nachhausekommen, sagt Carola Stern, wenn sie sich alle zwei Monate in einer der konspirativen Wohnungen trafen. Ihnen die Mitarbeit aufzukündigen, das habe sie sich einfach nicht getraut. Im Rückblick findet sie die Sache absurd. Die Angst, die Gefahr, die Nervosität, und rausgekommen sei nichts - die Freiheit, die Demokratie habe sie nicht vorangebracht.

1951 hat das Doppelleben ein abruptes Ende. Die SED überprüft ihre Mitglieder. Am 25. Juni ist Erika dran. Alles scheint glatt zu laufen, sie wird aus dem Verhör entlassen. Auf dem Weg zur Tür ruft ihr der Verhörende aber plötzlich nach: "Und nun berichte von deinen amerikanischen Auftraggebern!" Sie fühlt sich wie von einer Kugel getroffen. Wie mechanisch geht Erika zu ihrem Stuhl zurück und sagt: "Ich kenne keine Amerikaner." Sie scheint so ruhig und glaubwürdig, dass der Vernehmer Erika erzählt, wer sie denunziert hat. Ein Mädchen aus der Lehrerausbildung, dem sie ganz zu Beginn mal etwas von den Amerikanern erzählt hat. Erika ist so überzeugend in ihrem Gegenangriff auf das Mädchen, dass sie kurz darauf aus dem Verhör entlassen wird. Sie holt nur noch ihren Personalausweis und verlässt die Parteihochschule über den Zaun im Park. Einmal trifft sie die Amerikaner noch, danach ist die Zusammenarbeit beendet. Schuld, sagt Carola Stern, empfinde sie gegenüber dem SED-Staat nicht. Das Vertrauen von Freunden ausgenutzt zu haben, das bereue sie allerdings sehr.

In West-Berlin merkt Erika schnell, dass sie ein Leben in Freiheit nicht gewöhnt ist. Es macht ihr Angst, ihr fehlt das Kollektiv, das Vorhersehbare. Wie man ohne Ideologie leben kann, das muss sie erst noch lernen. Aus Angst vor einer Entführung durch die Stasi legt sie sich das Pseudonym Carola Stern zu. Ein Name für glücklichere Zeiten. Auf die muss Carola Stern allerdings noch einige Jahre warten. In dieser Zeit studiert sie an der Freien Universität Politik, entkommt zwei Entführungsversuchen der Stasi und flieht in eine selbstzerstörerische Weltreise. 1960 zieht sie nach Köln, und damit beginnt ihr zweites, ihr glückliches Leben.

Carola Stern schiebt die Beine von dem grünen Sofa zurück auf den Boden. Die Würstchen sind aufgegessen, ein bisschen Senf klebt noch an den Fingern. Mittlerweile, sagt sie, habe sie gelernt, dass nicht jeder sie mögen muss und dass man auch auf seine Gegner stolz sein kann. Leicht fällt es aber dennoch nicht. Das Schlimmste, das ihr passieren könnte? Noch mal jung zu sein.

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