Zeitung Heute : Carsten Jancker: Der böse Onkel

Helmut Schümann

Selten einmal wurde der Redaktion des Aktuellen Sport-Studios die Zusage für ein Gespräch so prompt erteilt. Nachdem der Tagesspiegel am vergangenen Donnerstag im Rahmen einer Recherche Carsten Jancker mit Vorwürfen konfrontiert hatte, er, Jancker, leiste dem Rechtsradikalismus Vorschub, hatte der kahlköpfige Mittelstürmer des FC Bayern München akuten Handlungsbedarf. "Richten Sie Manager Hoeneß aus", bat er bei Gesprächsende den Tagesspiegel-Mann, "dass der Verein eine Aktion gegen Rechts machen soll und ich dabei in vorderster Linie zur Verfügung stehe." Und als dann am Freitag das ZDF vorab zum samstäglichen Small-Talk ins Fernsehen lud, sagte Jancker, wiewohl zur Zeit schwer gebeutelt von starken Rückenschmerzen, anhaltender Formschwäche und einer heftigen Benimm-Diskussion, spontan zu. Die Chance zu einer vorzeitigen Imagekorrektur wollte er nicht vergeben.

Imagekorrekturen hat Jancker auch dringend nötig. Jancker ist der böse Bube der Bundesliga, der auf dem Platz rücksichtslos seine Interessen durchsetzt und Gegenspieler mit der geballten Wucht seiner auf 1,93 Meter verteilten 91 Kilogramm zu Boden rammt. Zudem hat er sich intern Feinde gemacht, weil er mit der versammelten Arroganz des Parvenüs und dem Befehl, "heb die mal auf" dem Zeugwart die Kickschuhe vor die Füße warf und auch ansonsten den Angestellten des FC Bayern mit ausgesuchter Unhöflichkeit begegnet. Den früheren Bundestrainer und jetzigen Coach von Bayer Leverkusen, Berti Vogts, titulierte er mit wutverzerrtem Gesicht als "Arschloch", und, weil er selbst im Training mehr austeilt, als es der Gesundheit der Mitspieler förderlich ist, gilt er auch dort als tumber Depp. Als auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel der Physiotherapeut Fredi Binder Janckers polierten Schädel tätschelte, lief ein Nationalspieler zu Harald-Schmidt-Form auf. "Ey, guckt mal", prustete er den Kollegen zu, "da vorne wird gerade Hohlraum versiegelt." Als Konterpart zum schlechten Leumund reicht da Janckers nach jedem Torerfolg durch Kuss des Ringes mit Penetranz vorgetragenes Bekenntnis zur Ehe und Familie schon lange nicht mehr.

Dass Carsten Jancker darüber hinaus auch im Ruf steht, ein brauner Bube zu sein, war der Öffentlichkeit bisher weitgehend verborgen geblieben. Es verhielt sich ein wenig wie im Fall des Kokain schnupfenden Christoph Daum. Hier wie dort haben sich die Branche der Fußballer und die der Berichterstatter ihr Herrschaftswissen geraume Zeit nur zugewispert. Gerüchte zumeist, der eine wollte etwas gehört haben, was ein anderer gesehen haben wollte, ein Dritter vermeldete, er habe in Janckers Auto auf CD gepresstes rechtsradikales Liedgut entdeckt, wenigstens die inzwischen gewandelten Böhsen Onkelz. Konkreter wurde es kaum, entsprechend unvermittelt für Fernsehzuschauer und Studiogäste kam dann auch Janckers Versuch, sich vom neonazistischen Mob zu distanzieren, am Sonnabend in die Wohnstuben und traf auch Moderator Wolf-Dieter Poschmann im unvorbereiteten und luftleeren Raum. Der zeigte sich allenfalls hocherfreut über den beifallumtosten Allgemeinplatz, dass "rechtsextreme Gewalt das Schlimmste ist. Ich verabscheue das", behielt ansonsten Informationen für sich oder wusste keine und sagte schließlich bloß, dass dieses Bekenntnis "vielleicht schon etwas früher hätte kommen sollen".

Auch Jancker selbst gab sich noch am vergangenen Donnerstag im Besprechungszimmer des FC Bayern eher ahnungslos und fragte zum Beispiel, ob es denn wirklich so viele Rechtsradikale in Deutschland gebe. Er wisse nichts davon, für ihn habe das Thema nie Bedeutung erlangt, demzufolge habe er auch keine Veranlassung gesehen, deutlich von Rassismus abzurücken.

Das wäre dann allerdings äußerst erstaunlich. Selbst bei einseitigster Zeitungslektüre war Carsten Jancker sehr wohl darüber informiert, dass Glatzen und Faschisten ein besonderes, ein inniges Verhältnis zu ihm pflegen. Carsten Jancker, von der Natur ausgestattet mit den germanischen Insignien hünenhaft, blond, kantig, ist der Held der dumpfen Szene. Das kann ihm nicht entgangen sein, das war ihm auch nicht entgangen, "nur höre ich die Rufe nicht mehr". Das kann man ihm glauben oder auch nicht, am Sonnabend beim Auswärtsspiel in Rostock, unterwarfen sich immerhin wieder einmal Bayern-Fans, wenn auch in kleiner Schar, skandierend ihrem Jancker: "Carsten Jancker, unser Führer!" Und dass er im Internet auf entsprechenden Websites gefeiert wird, auch das ist ihm bekannt.

Seltsames Jubelrital

Gerade dass Jancker bis zur vergangenen Woche nie deutlich seine Abneigung gegen diese Vereinnahmung ausgedrückt hat, nährte den Verdacht, der Beifall von rechtsdraußen sei ihm so unlieb nicht. Gelegenheit zur Abgrenzung hatte Jancker viele. Schon während seiner Zeit bei Rapid Wien hatte sich Jancker eine Form des Jubels angewöhnt, die durchaus interpretationsfähig war. Mit ausgestrecktem Arm und zwei in den Himmel zeigenden Fingern feierte er zu dieser Zeit Torerfolge, der Daumen spreizte sich dabei leicht von der Hand weg, eine Geste, die zu Anfang seines Engagements bei Bayern München von einer Frankfurter Juristin als "Kühnen-Gruß" aufgefasst wurde. Die Richterin meldete ihre Vermutung als Privatperson dem Fernsehen. Jancker, von den Fernsehleuten daraufhin angesprochen, reagierte abschlägig. "Alles Quatsch", sagt er auch heute noch, er kenne diesen verbotenen "Kühnen-Gruß" gar nicht, was vielleicht beides richtig ist, die einschlägige Szene jedoch nicht davon abhielt, Janckers Jubel als geheimen Code zu verstehen. Seit diesen Tagen wird Jancker in rechten Kreisen verehrt, eine Richtigstellung des vermeintlichen Missverständnisses fand nicht statt. Lediglich die Jubelrituale haben sich geändert.

Die zweite Gelegenheit verstrich, als der FC Bayern München seinem Stürmer 1997 empfahl, sich doch bitteschön der Skinheadfrisur zu entledigen. Die Vereinsführung hatte, anders als Jancker selber, die ungute Nähe zu unguten Fans vernommen. Vier Wochen ließ Jancker sich die Haare wachsen, traf in dieser Zeit das Tor nicht und pochte dann auf sein Recht auf Aberglauben und rasierte die blonde Pracht wieder ab. Eine mögliche vorherige ideologische Entzerrung seiner frisurtechnischen Vorlieben fand nicht statt.

Und im vergangenen Dezember erreichte den Recken ein von Münchner Rechtsradikalen unterzeichnetes Schreiben, in dem er aufgefordert wurde, sich endlich offen zu seiner Gesinnung zu bekennen. Auch diese Vorlage, mit dem Schreiben an die Öffentlichkeit zu gehen und sich vehement gegen das Ansinnen auszusprechen, blieb vom sonst so instinktsicheren Torjäger ungenutzt. "Na ja", sagt er heute, "da kam zeitlich die Affäre mit Berti Vogts in die Quere."

Und weil Carsten Jancker nun einmal in die rechte Ecke gerückt wurde und weil er dort tatenlos und wortlos verharrte, wurden auch andere, nicht schöne, aber auf Fußballplätzen und unter Fußballern verbreitete Verhaltensweisen und Sprüche besonders sensibel beargwöhnt. Bei Manager Uli Hoeneß mußte Jancker antreten, weil dem Chef zu Ohren gekommen war, dass Jancker dem aus Ghana stammenden Verteidiger Samuel Kuffour im Training mit besonderer Verve in die Parade fahre. "Der Kuffour geht doch selber immer so zur Sache", hatte Jancker auf den Appell zur Mäßigung verteidigend geantwortet. Dass er den dunkelhäutigen Kollegen und andere dunkelhäutige Profis des öfteren als "Bimbo" bezeichnet, diese dämliche Entgleisung hat Jancker nicht exklusiv. Die gehört zum Macho-Repertoire im mitunter etwas schlicht gestrickten Kicker-Gewerbe, potenziert aber gerade bei einem unter dem Verdacht der rechten Begünstigung stehenden Manne den Argwohn. Und dass er in privater Runde den Kollegen Kuffour mal als "ganz nett" bezeichnete, "aber ..." und dann die rechte Faust in die linke Hand schlug, hat das Vertrauen in Janckers multikulturelle Toleranz nicht befördert.

Bayern geht auf Distanz

Der Verein, dessen Hauptsponsor Opel erst kürzlich mit den Bayern eine Kampagne gegen Rechts plakatierte und dessen Manager vor wenigen Wochen 50 000 Mark aus der privaten Tasche in ein Bündnis gegen rechte Gewalt zahlte, war wenigstens bis zur vergangenen Woche höchst misstrauisch und machte zuletzt kein Hehl mehr daraus, den in Fragen des Images doch eher kontraproduktiven Jancker loswerden zu wollen. "Allein", so Hoeneß noch in der vergangenen Woche, "es fehlt an Alternativen."

Seit dem Wochenende zumindest scheint Jancker verstanden zu haben, dass seine bisherige Leichtfertigkeit und Naivität der Problematik in keiner Weise angemessen ist. Jancker ging in die Offensive und versuchte sich Anfang vergangener Woche in einer improvisierten Pressekonferenz, seinem zuletzt in Vergessenheit geratenen anderen Image, dem des friedlichen, liebevollen Familienvaters, anzunähern. Attackiert worden war er, allerdings mit dünner Substanz, weil er angeblich nach seiner Auswechselung im Länderspiel gegen Frankreich einem französischen Fan das Trikot der Nationalmannschaft in einer dem Bundesadler nicht ehrerbötigen Weise zugeworfen habe. Vor Münchens Presse stand Jancker da, ansonsten auch im Umgang mit den Journalisten als recht rüde verschrieen, und beantwortete selbst die Fragen nach diesem weit hergeholten Vorwurf mit freundlichem Lächeln.

Im Vier-Augen-Gespräch war er anschließend bemüht, auch seine politische Ausrichtung deutlich zu positionieren. Er sei ein unpolitischer Mensch, und überhaupt, "ich kümmere mich um rumänische Waisenkinder, macht das ein Rechtsradikaler?" Schließlich, "mit Pablo Thiam, mit dem ich zusammen beim 1. FC Köln gespielt habe und der bekanntlich auch dunkle Hautfarbe hat, war ich und bin ich eng befreundet." Und dann war ihm sein Erschrecken über seinen zweifelhaften Ruf doch deutlich anzumerken. "Ist es wirklich so schlimm? Es gibt doch auch noch andere Fußballer, die Glatze tragen. Warum werde ich mit den Rechten in Verbindung gebracht?"

Als Carsten Jancker nach dem Bundesligaspiel gegen Rostock das Stadion verließ, humpelnd und mit starken Rückenschmerzen, erzählte er noch, dass er nun nach Mainz reisen werde, ins Sport-Studio, wo er Stellung nehmen werde, "das haben wir so vereinbart". Und dabei lächelte er, und man wünschte sich, dass dies ein befreiendes Lächeln war, weil er endlich einmal die Gelegenheit nutzen wollte. "Ich muss etwas tun", sagte er zum Abschied, "es wird wohl Zeit."

Eine halbe Stunde war die Brisanz im Bayern-Block unterstrichen worden. Jancker müsse rein, forderte einer, als bei Bayern nicht mehr viel zusammenlief, es war einer, der mit einem Jackenaufnäher behauptet, stolz darauf zu sein, Deutscher zu sein, und auch ansonsten optisch seine Haltung nicht vertuschen mag.

"Jancker, warum, Jancker, der ist doch nicht fit?"

"Weil Jancker ein Held ist."

"Wieso?"

"Das sieht man doch, das spürt man, der gehört zu uns."

Man ist während eines solchen Dialoges recht froh, dass starke Polizisten diese Art von Fans umzingeln und geht etwas beklommen von dannen, weil so richtig klar nicht ist, warum sich der braune Mob ausgerechnet Carsten Jancker zum Heros erkoren hat. Vielleicht war es ja tatsächlich nur ein lang anhaltendes Missverständnis.

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