Zeitung Heute : Castor: "Grüne wollen wir hier nicht"

Ulrike Fokken,Reimar Paul

Er kommt. Aber er kommt nicht weit. Dann steht vor dem Trecker schon ein Polizeitransporter. Zurücksetzen nützt auch nicht viel, da steht auch ein Trecker, an den ein rostiger Rechen montiert ist. Und dahinter steht schon wieder ein Polizeitransporter. Heraus springen für den Nahkampf gut gerüstete Polizisten. "Zum Glück sind die hier aus Bayern", sagt eine der Herumstehenden. Die Beamten kennen sich in der Gegend nicht so gut aus, aber um die kleine missglückte Aktion auf der Hauptstrecke für den Castor-Transport zu verhindern, reichen die Ortskenntnisse aus. Aber die Hundertschaften aus Bayern an der Straße zwischen Dannenberg und Gorleben sagen den Bewohnern und den Angereisten: Hier kommt der Castor am Mittwoch wohl nicht vorbei. Die Transporteure werden die andere Strecke gewählt haben. Denn dort stehen die Polizeieinheiten aus Berlin und Magdeburg, die für härteres Durchgreifen bei aller Arten von Großdemonstrationen bekannt sind.

Er kommt. Langsam, aber stetig nähert sich der Castor-Transport dem Verladebahnhof Dannenberg. Dort werden die sechs Atommüllbehälter auf schon bereitstehende Tieflader gehievt und in das Zwischenlager Gorleben verfrachtet. Aufhalten konnten sie bislang weder Sandsäcke noch Trecker oder die Aktivisten von Greenpeace.

Die haben eine Eisenbahnbrücke besetzt, die bei Hitzacker über das Flüsschen Jeetzel führt. Drei Polizeihubschrauber knattern in der Luft, weitere stehen am Rand der überschwemmten Wiesen. Auf dem Wasser kurven Schlauchboote des Bundesgrenzschutzes. Die Beamten vermitteln den Eindruck von Aktivität. Tatsächlich, sagt ein Polizeisprecher, wissen sie lange Zeit nicht, wie sie die Blockade beenden sollen.

Rund 40 Aktivisten hatten sich im Morgengrauen ebenfalls in Booten der Brücke genähert, die der Atommüllzug befahren muss. Sie warfen Enterhaken auf die Brücke, kletterten an Seilen hoch, hängten sich in Bergsteigergeschirr ein. Auf Transparenten und Fahnen verkündeten sie: Stopp Castor!

Es dauert zwei Stunden, bis ein Sonderkommando des BGS eingeflogen ist. Die Grenzschützer seilen sich ihrerseits von der Brücke ab, packen die Umweltschützer und ziehen sie nach oben. Bis zum frühen Nachmittag sind alle Blockierer Aktivisten in Gewahrsam genommen.

Zu Festnahmen kommt es am Dienstag auch an anderen Brennpunkten. In Oldendorf haben Bauern mit 15 Traktoren und Unimogs eine Brücke auf der Bundesstraße 215 blockiert. Die Polizei räumt mit schwerem Gerät, mehrere Landwirte und zwei Beamte werden verletzt. Die Landwirte beklagen zerstörte Reifen und Ventile.

Mittags fahren Trecker in Jameln, Pudripp, Streetz und anderen Wendland-Dörfern auf. Innerhalb von Minuten sind Kreuzungen und Straßen dicht. "In Jameln gibt es kein Durchkommen", erklärt die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg auf ihrer Internetseite, "das ganze Dorf ist auf den Beinen." "Die Bauern wollen damit den Nachschub der Polizei behindern", sagte die Fraktionsvorsitzende der niedersächsischen Grünen, Rebecca Harms. Mitglieder der Fraktion seien an "allen Brennpunkten" dabei und beobachteten das Geschehen.

Wasserwerfer stehen bereit

Die wahrscheinliche Castor-Fahrstrecke vom Dannenberger Verladebahnhof bis ins Atommüllzwischenlager Gorleben haben Atomgegner bereits am Montag abend besetzt. In Splietau, schon beim Castor-Transport von 1997 Schauplatz einer spektakulären Trecker-Blockade, stehen plötzlich wieder Traktoren quer. Innerhalb einer halben Stunde sind annähernd 1000 Menschen versammelt. Sie errichten Barrikaden aus Sandsäcken und Strohballen. "Hallo Castor-Gegner", tönt es über den Lautsprecherwagen der Polizei. Es folgen drei Aufforderungen, die Versammlung aufzulösen, dann kommt der Einsatzbefehl. Zwei riesige Wasserwerfer beziehen Position, kommen allerdings nicht zum Einsatz. Die Beamten drängen die Demonstranten von der Fahrbahn, eine Eskalation kann vermieden werden.

Auf der Dannenberger "Esso-Wiese", einem Treffpunkt der Castor-Gegner, brandet am Nachmittag Beifall auf. Im Radio ist gerade gemeldet worden, dass der Atommüllzug wegen Schienenblockaden bei Göttingen einen Umweg machen muss.

Der Castor kommt, aber wer heute nicht kommt, das sind die prominenten Atomgegner von den Grünen. Fraktionsvorsitzende Kerstin Müller und Parteichefin Claudia Roth sind am Dienstag nicht ins Wendland gefahren. Sie müssen in Berlin der Fraktion das Wahldesaster vom Sonntag erklären. "Die wollen wir hier auch nicht haben", sagt eine aufgebrachte Frau aus Dannenberg, die andernorts zur Grünen-Stammwählerschaft gehören würde. "Die brauchen wir hier nicht", sagt ein anderer, der wie sie zur Sitzung des Kreistags gekommen ist. Die Abgeordneten haben das Treffen in die Gaststätte Grönecke in Breese verlegt, nur 500 Meter hinter dem Verladebahnhof.

Die SPD-Abgeordneten und die beiden freien Wählergemeinschaften im Kreistag haben die Castor-Sondersitzung beantragt. Die Abgeordneten der CDU sind bis auf einen Gegenredner gar nicht erst erschienen. So können sich die Besucher die CDU-Stühle an den Rand des Tanzsaals holen. Und die ehemaligen Mitglieder der Grünen können über die Atompolitik, die Mülltransporte und das Atomlager debattieren. Denn bei der Öko-Partei ist hier niemand mehr Mitglied. "Ich bin glücklicherweise schon vor einem Jahr bei den Grünen ausgetreten", sagt Kurt Herzog von der "Grünen Liste Wendland". "Sonst würde ich es jetzt tun."

Was sollen die Bewohner des Landkreises Lüchow-Dannenberg auch noch von der Partei erwarten? Den Atomkonsens halten sie für Nonsens, das Moratorium über den fast fertigen Bau des Endlagers Gorleben nur für ein Alibi bis zur Bundestagswahl. Denn erst nach der Wahl will Umweltminister Jürgen Trittin bekanntgeben, was die von ihm eingesetzte Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern herausgefunden hat. Es geht um die Frage, ob das erste und einzige Endlager für den Atommüll und 30 Millionen Tonnen Plutonium im Salzstock in Gorleben sein wird oder ein Standort in Granit gefunden wird.

Im Kreistag glaubt das niemand, im Kreis auch nicht. "Die Befürchtungen halte ich für absolut begründet", sagt Thea Dückert, einzige Bundestagsabgeordnete der Grünen, die an diesem Tag schon früh in die Region gefahren ist. Am Abend wollen ihre Kollegen Ströbele und Simmert folgen. Thea Dückert ist aus Niedersachsen und fährt den ganzen Tag mit der Landtagsfraktion von Dorf zu Weiler, von Straßenkreuzung zu Waldstück und zurück. Ihr selbst gesteckter Auftrag: "Vermitteln, wo es eng wird."

Nur die Polizei hört zu

Bei den Beamten von Bundesgrenzschutz und Polizei, die die Greenpeace-Aktivisten von der Brücke holen oder die Straßenblockaden auflösen, hat Thea Dückert "sofortige Wirkung", wie sie sagt. Bei den ehemals Grünen-Parteimitgliedern nicht. "Die Grünen haben sich zu den Kronzeugen der Atomwirtschaft gemacht", sagt der Abgeordnete Schwarze von der Unabängigen Wählergemeinschaft. "Jürgen Trittin ist selbst zu feige, hierher zu kommen." Und damit ist für die Bewohner rings um das Lager Gorleben alles gesagt. Sie sind alle gegen das, was da kommt. Und manch einer wird auch an die Regierungserklärung von Kanzler Schröder denken, der 1988 im Bundestag sagte: "Atommülltransporte quer durch die Republik mit massivem Polizeischutz passen nicht zu einer auf Konsens ausgerichteten Politik."

Im Sanitätshaus Brunsmeier prangen die gelben Kreuze der Anti-Castor-Bewegung, auf den Wiesen, an den Zäunen der Vorgärten, in Schulfenster, an Kirchenmauern, Anorakärmeln und in Baumwipfeln. Sie wissen, dass sie den Castor nicht aufhalten können. Diesmal nicht, nächstes Mal auch nicht. "Aber", sagt eine Bewohnerin der Gegend, "wir können ihn immer teurer machen."

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