Zeitung Heute : Castor-Transporte: Mit ihr nicht - Über den Widerstand der Grünen Rebecca Harms

Bernd Matthies

Wenn Rebecca Harms versucht, ihre Funktion zu definieren, dann nennt sie sich eine "Zentrale Anlaufstelle". Alle rufen an, denen irgendwo in Europa der Atommüll unheimlich wird, Leute aus Berlin und Riga und Dickfeitzen im Wendland. Die Auswärtigen erwarten von ihr praktische Lebenshilfe, die Wendländer, dass sie ihnen einfach das strahlende Zeugs vom Hals schafft. Und Jürgen Trittin, dem Parteifreund und Bundesumweltminister, wäre es am liebsten, sie würde die Klappe halten und dafür sorgen, dass der Castor-Transport ungestört nach Gorleben rollen kann. Das geht alles nicht zusammen, und deshalb bleibt die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Niedersächsischen Landtag, an sich eine notorische Realpolitikerin, strikt auf fundamentalistischem Kurs: gegen den Castor, gegen das Gorlebener Zwischenlager und die weiteren Pläne, die die Bundesregierung hat mit dem verschlafenen Kaff irgendwo zwischen Lüneburg und der Elbe. Atomkonsens? Mit ihr nicht. Nicht so.

Ist sie eine Zentralfigur des wendländischen Widerstands? "So sehe ich mich nicht", sagt sie vorsichtig, "jedenfalls nicht singulär." Gemeint ist: Es gibt da noch ein paar andere, die auch großen Einfluss auf die Bewegung haben, aber kaum jemanden, der lange Erfahrung und politische Kontakte so innig vereint. Die gelernte Gärtnerin, 44 Jahre alt, kennt die Angst Niedersachsens vor radioaktiven Strahlen schon seit der Stunde Null, seit 1975, als die ersten Pläne für eine Nuklearmüllkippe ruchbar wurden. "Lutterloh, Lichtenmoor und Aschendorf-Hümmling" zitiert sie ohne Nachdenken aus dem Kopf, denn sie gehörte zu den Gründern einer ersten Bürgerinitiative (BI) in Sachen Atom. Nützliche Erfahrungen, denn zwei Jahre später, am ersten Tag ihrer Lehre in einer Uelzener Gärtnerei, wurde sie von ihrem Chef für zwei Wochen nach Gorleben ausgeliehen. "Ich sollte denen zeigen, wie man eine BI organisiert und Flugblätter vervielfältigt, das hatten die noch nie gemacht." Der Anlass ist längst bundesdeutsche Geschichte: Ministerpräsident Albrecht hatte gerade überraschend verkündet, dass dieser Ort zum Standort des deutschen Entsorgungszentrums für Nuklearmüll erwählt sei.

Die Idee war machtpolitisch naheliegend, aber falsch. Die dünn besiedelte, vermeintlich konservative, wenn nicht gar völlig unpolitische Region am Rand der DDR erhob sich gegen die große Koalition der Atomfreunde, die anfangs am liebsten eine Reihe von kleinen Kernkraftwerken entlang der Elbe gebaut hätte. Bauern und adlige Schlossbesitzer taten sich zusammen, rüstige Hausfrauen schmierten Butterbrote für langhaarige Berliner Studenten, und sie alle zusammen erreichten vieles - dass die Bundesregierung aber den Fluch ganz von ihrem Wendland nahm wie damals das Kraftwerk Wyhl von den Kaiserstühlern, das erreichten sie nie. Daran wird sich nichts Wesentliches ändern am Tag X, dem kommenden Dienstag, denn die Demonstranten können den für diesen Tag angekündigten Castor-Transport ins Zwischenlager zwar bremsen, aber keinesfalls aufhalten, nicht gegen 20 000 Polizisten. Allenfalls ein paar Desperados glauben diesen Kampf gewinnen zu können, junge Leute von draußen, die hier niemand kennt, jedenfalls nicht offiziell. Doch die Einheimischen kennen es nicht anders, nicht seit 1977: Wenn es ernst wird, machen sie sich auf den Weg, übernachten in umgebauten Ställen und verbarrikadieren die Straßen mit Traktoren, bis die Polizei räumen kommt und ihnen vorsichtshalber die Reifen zersticht. Dann fährt der Transport vorbei, und sie gehen wieder nach Hause in den Stall. Gewaltfrei, sagt Rebecca Harms, "denn wenn man uns die Gewaltfreiheit nicht mehr glauben würde, dann kämen wir nicht mehr weit".

Die grüne Fraktionschefin macht sich nichts vor, was die Erfolgsaussichten des Widerstands angeht. Ihr Kampf ist auf kurze Sicht nicht zu gewinnen, und der Druck aus Berlin ist enorm. Gemessen daran sitzt sie relativ fröhlich mit blitzenden Augen beim Gemüseomelett ("nein, ich bin keine Vegetarierin, aber hungrig, und das hier schmeckt mir"), mit rotem Rollkragenpullover und roten Hosen schon äußerlich eine Art Verbindungsglied zwischen den Öko-Pionieren und den Ministerialen im grauen Tuch, zu denen auf verquere Art ja auch der einstige Radikal-Ökologe Jürgen Trittin zählt. Doch wie Politik funktioniert, weiß sie spätestens seit den Achtzigern, seit ihren vier Lehrjahren als Referentin der ersten grünen Europafraktion. In Richtung Lüchow-Dannenberg, erinnert sie sich, "ist bei allen Differenzen immer eine belastbare Verbindung geblieben". Deshalb konnte sie später Politik und Landwirtschaft stets unter einen Hut bringen, morgens 25 Ziegen melken, Käse machen und anschließend ins Büro ihrer langjährigen Freundin, der grünen Politikerin Undine von Blottnitz, fahren und Akten bearbeiten.

Die Bundesgrünen hatten von Rebecca Harms erwartet, dass sie den umstrittenen Parteiratsbeschluss zur Duldung des Castor-Transports im Hannoveraner Landtag mittragen würde. Das hat sie überrascht, sagt sie, "ein ziemlich kühnes Ansinnen", denn sie steht doch mit beiden Beinen im Wendland und kann gar nicht anders. "Ich mache hier in Hannover unter anderem deshalb ziemlich erfolgreich Politik, weil ich von Standpunkten ausgehe, und mein Standpunkt in der Atompolitik ist geprägt von meiner Herkunft." Pause. "Und ich beabsichtige nicht, aus dem Wendland wegzugehen." Immerhin, meint sie, sei nun immerhin der Jubel über den für sie äußerst fragwürdigen Atomkonsens eingestellt, und ohne fortdauernden öffentlichen Druck sei der Inhalt des Konsenses ohnehin nicht durchzusetzen. "Trittin und andere brauchen die Lobby der Anti-AKW-Bewegung, um die Ziele, für die sie angetreten sind, auch nur ansatzweise zu verwirklichen."

Sieht Trittin das auch so? Schimpft er nach Art spätgrüner Haudegen, droht er mit Konsequenzen? Rebecca Harms verschanzt sich hinter einem undurchdringlichen Satz: "Wie einig oder uneinig wir darin sind, das werden wir perspektivisch überprüfen müssen." Ja, man telefoniere gelegentlich miteinander, "aber er hat im Moment Probleme genug". In jedem Fall brauche der Umweltminister "den Druck vom Standort", denn sonst werde Gorleben einfach ausgesessen. Sie findet es bezeichnend, dass die Bundesregierung Gorleben als Endlager zwar ungeeignet finde, aber dennoch in die Anlagen zum Atomkonsens den elastischen Begriff der "Eignungshöffigkeit" geschrieben habe; das müsse sich ändern, "um den Druck von Gorleben wegzunehmen".

Undine von Blottnitz, die langjährige Anti-Atom-Kämpferin der Grünen, ist vor einigen Wochen gestorben. Sie hat eine große Lücke hinterlassen - und einen Verdacht: Ist der wendländische Widerstand am Ende nur noch eine melancholische Freizeitbeschäftigung älterer Damen, eine Angewohnheit zum Likörchen, dargeboten in einem Museum der westdeutschen Protestkultur der Achtzigerjahre? Rebecca Harms widerspricht vehement: Man habe ganz im Gegenteil einen Generationswechsel geschafft. "Es gibt Schüler in Lüchow, auf die bin ich inzwischen richtig stolz, weil die viel besser sind als wir in unserer Zeit", ideenreicher, selbstbewusster.

Dennoch wird alles, was sich am nächsten Dienstag an der Castor-Strecke ereignet, den Erwartungen an ein verfestigtes Ritual entsprechen. Die Polizei verlegt sich gegenwärtig noch aufs Reden und den Dialog, vorgetragen von sozialwissenschaftlich fortgebildeten Beamten, hat aber für einen breiten Korridor entlang der Strecke ein rigoroses Versammlungsverbot verfügt. "Eine völlig überzogene Gefahrprognose", kritisiert Rebecca Harms, sei Grundlage der vorab verfügten Demonstrationsverbote und der rigorosen Auflagen gegen die am Sonntag vorgesehene "Stunkparade", den traditionellen, sanft karnevalesken Umzug der wendländischen Traktorfahrer. So oder so werden Demonstranten auf der Straße sitzen, und nicht alle gehören zu den "Selbstgängern", wie es im Polizeijargon heißt. Für diesen Fall hat die Polizei bereits angekündigt, dass sie sich nicht lange mit höflichen Aufforderungen aufhalten werde. Dann, so heißt es unter erfahrenen Widerständlern, gehen die Konfliktmanager, und die Einsatzbereitschaften aus Berlin machen die Strecke im großstädtischen Stil frei; Container für vorläufigen Gewahrsam stehen bereits in großer Zahl.

Der Castor ist nichts als ein Symbol - das wissen alle. Er ist nicht zu stoppen, und es gäbe wohl nur wenig Widerstand, wäre Gorleben ein gut gesichertes Zwischenlager mit zeitlich präzise definiertem Ende. "Mir wird so oft die Frage gestellt, wie es denn nun weitergehen soll", sagt Rebecca Harms, "die Frage kann ich nur zurückgeben, denn so eskaliert die Situation immer weiter." Die Politik muss es richten, meint sie. "Es kann ja sein, dass ich an der Stelle eine Irreala bin, aber wenn das mit politischen Mitteln nicht durchsetzbar ist, sondern nur mit Polizeigewalt, dann ist auch eine rot-grüne Bundesregierung gefragt, sehr kritisch über solche Abläufe nachzudenken." Harscher Satz an die Adresse der Berliner Parteifreunde: "Ich erwarte, dass das nicht zur Regel gemacht wird."

Soviel bis Dienstag. Am Mittwoch werden die Grünen wieder reichlich Ärger bekommen. Mit den einen, weil sie den Atomkonsens nicht geschlossen einhalten, mit den anderen, weil sie den Transport nicht verhindert haben. Rebecca Harms kann damit leben. Berlin sei eine tolle Stadt, meint sie. Aber Politik - die macht sie lieber weiter in Niedersachsen.

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