Zeitung Heute : Castor: Wenn der Nuklear-Transport durch das World Wide Wendland rollt

Kurt Sagatz

Kein Wunder, dass Web-Visitenkarten so gut laufen. Die eigene Internet-Präsenz macht bekannt, das gilt auch für Journalisten und Fotografen. Wie zum Beispiel Timo Vogt und seine Foto-Agentur Randbild, die seit 1999 besteht und sich vor allem im Netz großer Beliebtheit erfreut. Rund 1000 Leute schauen täglich bei www.randbild.de vorbei, um Vogts neueste Bilder zu betrachten. Damit gehört die Seite des 21-Jährigen zu den gefragten Adressen, denn dort befinden sich jene Fotos von ihm, die er nicht an eine Zeitung oder einen Online-Dienst verkaufen kann, weil sie diese Bilder nicht veröffentlichen wollen, wie Timo Vogt meint.

Derzeit kennt seine Homepage nur ein Thema: Das Wendland und den Transport der Castor-Behältnisse zum Zwischenlager für radioaktive Abfälle in Gorleben. Bilder aus dem Wendland, Fotos von Polizisten in Schutzanzügen, von Schlagstockeinsätzen und einem gescheiterten Konfliktmanagement. Die Veröffentlichung der Bilder über die Homepage ist für Vogt mehr als ein Marketing-Schachzug zur Gewinnung neuer Abnehmer. Der junge Berufsfotograf, der mit seiner Digitalkamera vorwiegend im Wendland tätig ist, stammt selbst aus der Anti-Atomkraft-Bewegung und dem Jugendumweltschutz. Er lebt in Zernin, am westlichen Rand des Landkreises zwischen Dannenberg und Uelzen. Seit er die Fotografie zum Beruf gemacht hat, kommt er allerdings kaum noch dazu, selbst politisch tätig zu werden oder sich aktiv an den Demonstrationen zu beteiligen. Zumal er sich an die Auflagen hält, die mit dem Erteilen eines Presseausweises verbunden sind.

Anders als andere Sympathisanten der Gorleben-Gegner, wie beispielsweise die dem Graswurzel-Journalismus verbundene Gruppe von Indymedia, die bereits von großen Demonstrationen wie in Seattle oder Davos die inoffizielle Sicht der Dinge verbreitet hat. Die politischen Ziele von Indymedia kann Vogt sogar teilen, allerdings ist er mit der Art und Weise nicht einverstanden, wie diese von den Aktivisten des "unabhängigen Journalismus" verfolgt werden. Denn anders als auf seiner Homepage - auf der Vogt darüber berichtet, was passiert ist - dient die Webseite von Indymedia auch zur Vorbereitung und Organisation der Proteste und greift somit ins Geschehen ein.

Mit der Interaktivität und Mobilität des Mediums Internet sieht es unterdessen im Praxiseinsatz deutlich anders aus, als es die Branchenvertreter gerade erst vor wenigen Tagen auf der CeBIT in Hannover den Besuchern versichert haben. Denn wer, wie Vogt, im Ernstfall versucht, seine mit der Digitalkamera geschossenen Fotografien mal eben auf den Laptop zu spielen, um die Dateien von dort via Handy-Netz zum Server zu senden, lernt die Tücken der Technik kennen. Und die können mitunter genauso behindernd sein wie die "massiven Behinderungen bei diesem Castor-Transport". Schließlich brach am Mittwoch eines der großen Mobilfunknetze in Niedersachsen zusammen, so dass Vogt von jedem Einsatzort erst einmal nach Zernin fahren musste, um vom heimischen PC-Arbeitsplatz die neuesten Bilder auf die Homepage zu schicken. Mehr als drei Stunden Schlaf blieben ihm darum in den vergangenen beiden Tagen nicht.

Was nutzt zudem die schönste Internet-Seite, wenn an der Demo-Strecke kein Laptop mit Internet-Anschluss zur Verfügung steht, um die letzten Indy-Nachrichten runterzuladen? Jedenfalls deutlich weniger als ein WAP-Handy, hat sich zumindest einer der High-Tech-Demonstranten gedacht. Grundlegende Kenntnisse des Internets vorausgesetzt, unterstützen Dienste wie die Hagener Agentur Wapmatic das Erstellen von eigenen Seiten für das mobile Internet - und das sogar unentgeltlich. Nun reicht ein WAP-fähiges Handy und die Netzadresse aus, um letzte Nachrichten zu empfangen. Und um neue Nachrichten für alle mit WAP-Handys ausgerüsteten Demonstranten bereitzustellen, denn über das Portal lassen sich ähnlich einfach wie eine SMS die wichtigsten Mitteilungen in aller Kürze versenden. So kann verhältnismäßig einfach darüber informiert werden, was gerade am Camp in Splietau los ist und ob die Trecker- und Materialblockade an der B91 tatsächlich die Versorgungsroute der Polizei gestört hat.

Wer die Nachrichten einstellt, ist nicht zu ersehen und bleibt genauso im Verborgenen wie die Identität des Users, der die WAP-Seite gebaut hat und der nur mit seiner Freemailer-Adresse bekannt ist. Wapmatic-Geschäftsführer Thomas Bühren muss nun prüfen, ob dieses Angebot juristisch einwandfrei ist oder gelöscht werden muss. Für den Castor-Transport spielt das jedoch keine Rolle mehr, der ist inzwischen am Ziel.

Die technischen Möglichkeiten des Internets inspirieren auch die Online-Ableger der etablierten Medien. Vor allem "Spiegel online" hat die Proteste im Wendland mit verschiedenen Schwerpunkten begleitet. Drei Reporter füllten das Demo-Tagebuch mit kurzen Meldungen von der Strecke. Platz ist selbst für Einträge wie "20.40 Uhr: Vor den Toren der Verladestation macht gerade das erste Zwischenergebnis des Fußballspiels Griechenland - Deutschland (0:1) unter den Demonstranten die Runde. Das muntert etwas auf."

Auch Spielereien wie die mit Macromedias Flash-Technologie animierte Karte über den aktuellen Verlauf des Transports kam zum Einsatz. Kilometer für Kilometer schlängelte sich in den vergangenen Tagen der rote Streifen des Castor-Zuges über die Webseite, die auch die jeweiligen Alternativrouten zeigte. Kleine, sich drehende schwarz-gelbe Kreise mit Atomwarnzeichen informierten darüber, wo sich die Camps der Demonstranten befanden oder wo es zu Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und der Polizei kam.

Dagegen nimmt sich die Demo-Webcam in Dannenberg eher langweilig aus. Zu statisch, um im Multimedia-Internet noch zu beeindrucken. Timo Vogt wäre inzwischen etwas weniger Bekanntheit auch Recht. Denn mittlerweile hat er das Gefühl, dass ihn über seine Homepage auch die falschen Leute erkennen. "Wenn mich Polizisten mit Namen anreden, dann muss das nicht unbedingt von Vorteil sein", sagt Vogt über die Schattenseiten des Web-Ruhms.

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