Zeitung Heute : CeBIT 2001: Schnurlos glücklich

Kurt Sagatz

Die große Triebfeder der CeBIT 2001 in Hannover, die am Donnerstag ihre Tore für die erwarteten 750 000 Fachbesucher öffnete, ist die Mobilität. Überall und jederzeit mit dem Netz verbunden zu sein, um auf die Anwendungen zugreifen zu können, die man gerade benötigt, hat die Präsidentin von Hewlett-Packard (Halle 1), Carly Fiorina, ihre Vision von "Life live in motion" auf der CeBIT-Eröffnungsfeier in großen Lettern und mit bunten Bildern umrissen. Nicht Technik der Technik wegen, sondern um die Arbeit zu vereinfachen und das Leben angenehmer zu gestalten - nicht nur das vom Bundeskanzler.

Einen entscheidenden Schritt zu mehr Mobilität verspricht im Mobilfunk die GPRS-Technologie, die auf einem ähnlichen System beruht wie das Internet. Anders als bei normalen Telefongesprächen teilen sich bei GPRS die Nutzer die vorhandene Bandbreite. Gezahlt wird darum auch nicht die Verbindungszeit, sondern die Menge der übertragenen Daten, die zudem merklich schneller durch den Äther gelangen. Technisch möglich sind dabei Geschwindigkeiten im ISDN-Bereich.

Um Engpässe in den Netzen zu verhindern, senken die Netzbetreiber jedoch die Kapazität. Aber im Vergleich zum Status quo ist der mobile Netzzugang mit 28 800 Bits pro Sekunde schon eine kleine Revolution.

Anders als bei der WAP-Einführung, dem ersten Schritt ins mobile Internet, werden die mobilen Surfer bei GPRS zudem nicht so lange auf die Geräte warten müssen. Nachdem bislang Motorola (Halle 26) allein auf weiter Flur war, haben auf der CeBIT Siemens und Nokia Handys vorgestellt, die die paketorientierte Datenübertragung unterstützen.

Handy mit UKW-Radio

Das 6310 von Nokia (Halle 26) ist ein Dualband-Handy, das sowohl mit GPRS als auch mit HSCSD zurecht kommt, WAP darstellt und mit einem Bluetooth-Modul Verbindung zu anderen mobilen Geräten aufbauen kann. Auf den Markt soll es im vierten Quartal kommen. Das Top-Modell 8310 verfügt ferner über ein eingebautes UKW-Radio, reagiert auf gesprochene Befehle und wiegt dabei gerade einmal 84 Gramm.

Schneller surfen ermöglicht auch das neue Siemens-Handy mit GPRS-Standard. Das S45 ist das erste Gerät der Münchener (Halle 26) mit diesem Standard und soll die Datenübertragungsraten verdoppeln. Zu den Anwendungsbereichen des WAP-Handys gehört Online-Shopping und Internet-Banking. Auch der Siemens-Organizer wurde mit der Version SX45 aufgewertet. Der Stift-Computer mit dem Microsoft-Betriebssystem Pocket PC bietet sämtliche Organizer-Funktionalitäten, kann sogar MP3-Musik abspielen und per GPRS auf WAP-Seiten und das Internet zugreifen. Anders als beim S45, das bereits im Juli auf den Markt kommen soll, steht beim SX45-Organizer noch nicht fest, wann das smarte, praktische Gerät zu kaufen sein wird.

An vielversprechenden Technologien mangelt es auf der CeBIT 2001 nicht: Vor allem Bluetooth zur Verbindung von Handy mit Headset oder PC und Computer oder Digitalkamera und Organizer verheißt eine bequeme und kabellose Zukunft. In Halle 13 hat die Firma lesswire aus Frankfurt/Oder den größten Feldversuch zur Erprobung des Netzwerkstandards aufgebaut. 130 Basisstationen senden die Signale, damit die Besucher der 25 000 Quadratmetern großen Halle mit funkverbundenem Mini-Organizern den Überblick nicht verlieren. So soll Bluetooth beweisen, dass sich die Blauzahn-Technologie am selbst produzierten Wellensalat nicht die Zähne ausbeißt.

Doch auch, wenn alles klappt, ist das Bluetooth-Navigationsprojekt nur ein Versuch. Vom Massenmarkt ist die Technologie noch einige Zeit entfernt. Es fehlt zwar nicht an Prototypen, die in Hannover gezeigt werden. Es fehlt vielmehr an Geräten, die in absehbarer Zeit auch in den Handel kommen. Nicht nur die Problematik sich möglicherweise überschneidender Funksignale hemmt die Entwicklung. Störend wirkt sich vor allem der recht hohe Preis für die Module aus. Denn die 20 Dollar je Modul verursachen Mehrkosten, die von den Kunden bezahlt werden müssen.

Bis also sinkende Preise für eine massenhafte Verbreitung sorgen, haben somit die Redakteure von Computerzeitschriften noch reichlich Gelegenheit, die inzwischen sattsam bekannten Features von Bluetooth weiter im Schlaf herunterzubeten. Wo sie doch um vieles lieber Geräte ganz regulär im Handel erwerben würden, um sie dann auf Herz und Nieren prüfen zu können. Richtig starten wird die großflächige Vernetzung und Verbindung jedoch erst nach der nächsten CeBIT.

Mehr Chancen dazu hat der zahlende Kunde bei einer neuen Maus von Logitech (Halle 9) Mouse, die bereits im April in den Handel kommen wird. Die "Cordless MouseMan Optical" wird - ähnlich wie bei Bluetooth - funkgestützt mit dem Computer verbunden, allerdings in einem weniger komplizierten Frequenzbereich. Gegenüber infrarot-betriebenen Schnurlos-Mäusen hat sie den Vorteil, dass kein Sichtkontakt zwischen Basisstation und Maus bestehen muss, also wieder ein Adapter weniger auf dem Schreibtisch stehen muss. Zudem handelt es sich bei dem MouseMan um eine extrem empfindliche optische Mouse, die Bewegungen über eine spezielle Kamera wahrnimmt und ganz ohne bewegliche und somit verschmutzbare Teile auskommt. Der einzige Nachteil der rund 150 Mark teuren Anschaffung: Alle drei Monate müssen die Batterien ausgewechselt werden.

Zwar nicht mobil, dafür aber ebenso sinnvoll und vor allem von digitalen Videofreaks sehnlichst erwartet, sind DVD-Brenner. Philips stellt auf der CeBIT ein Gerät vor, dass sowohl die Digital Versatile Discs als auch die normalen CD-ROMs im RW-Modus beschreiben kann. Die DVDs mit 4,7 Gigabyte Speichervolumen (sieben Mal mehr als eine CD) werden dabei mit zweieinhalbfacher Geschwindigkeit beschrieben. Allerdings erst ab Oktober, dann kann sich auch Bundeskanzler Schröder einen DVD-Brenner in seine Wohnung stellen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben