Cecilia Bartoli : „Mozart ist richtig gefährlich“

Sie findet es erotisch, wenn sie dem Orchester den Rücken zuwendet. Aber nur bei einem Mann fürchtet Cecilia Bartoli, die Kontrolle zu verlieren.

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Cecilia Bartoli, 39, ist die Tochter italienischer Opernsänger. Mit 13 riss sie von zu Hause aus, um Flamencotänzerin zu werden, studierte aber später doch Gesang. Bartoli wurde mit Mozartrollen berühmt, sie schätzt auch dessen Kontrahenten Salieri. Ihre Liebe gilt der Barockmusik.

Interview: Christine Lemke-Matwey Eine Hotellobby, die überall auf der Welt sein könnte. Ein Ober naht. Cecilia Bartoli bestellt einen Cappuccino.

Frau Bartoli, Ihr jüngstes CD-Cover zeigt Sie plantschend im Trevi-Brunnen wie einst Anita Ekberg. Haben Sie Sehnsucht nach großem Kino?

Ich glaube, es ist ziemlich deutlich, dass ich nicht Anita Ekberg bin. Erstens: die schwarzen Haare. Zweitens bin ich mindestens einen Meter kürzer als sie! Ekberg aber, und wie Fellini sie in „La dolce vita“ inszeniert hat, das ist für mich der Inbegriff von barocker Sinnlichkeit. Diese Frau ist eine Bernini-Figur, sie verkörpert die ganze Schönheit Roms. Ich wollte mit diesem Foto ein Zeichen setzen. Der Brunnen, das sprudelnde Wasser, diese Lebensfreude, die alle gesellschaftlichen Fesseln sprengt: Musik ist stark. Und wird es bleiben.

Was macht die Musik stark?

Wissen Sie, ich konzertiere oft ohne Dirigenten. Ich stehe dann vorne, habe das Orchester hinter mir. Das heißt: Jeder einzelne Musiker ist verantwortlich, jeder Einzelne muss hören, schauen, fühlen, zählen, atmen. Gemeinsam atmen, ja, das trifft es vielleicht am besten. Musik ist nichts für Autisten. Musik ist Gespräch, Austausch, Kommunikation. In der Musik bist du nie allein oder einsam oder nackt, das macht sie und uns stark.

Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, professionell zu dirigieren?

Nein, mein Instrument ist die Stimme. Außerdem genieße ich das Gefühl, dass die Musiker buchstäblich meinen Rücken „lesen“. Das ist sehr erotisch.

Zu wem sprechen Sie, wenn Sie singen?

Zum Konzertmeister, mit dem Publikum, dem Komponisten, mit dem lieben Gott, zu mir selbst – das kommt darauf an.

Und wie fallen die Antworten aus?

Nun, der liebe Gott ist eher schweigsam, ich selbst bin sehr kritisch – und ansonsten gibt es gute und nicht so gute Abende. Noten übrigens sprechen auch.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie tagelang in Bibliotheken sitzen und sich durch Handschriften wühlen.

Der Ober serviert den Cappuccino. Cecilia Bartoli wirft einen kurzen Blick darauf.

Kennen Sie die Geschichte von Pauline Viardot, der Sängerin, die in Paris ihre gesamten Juwelen versetzte, um das Autograf von Mozarts „Don Giovanni“ zu erstehen? Stellen Sie sich vor, eine Frau, im 19. Jahrhundert!

Was würden Sie für eine Mozart-Handschrift geben?

Von Mozart gibt es heute leider so gut wie nichts mehr zu kaufen. Aber ich besitze Noten und Briefe anderer Komponisten. Ich finde Originale einfach faszinierend! Als ich mit Simon Rattle vor zwei Jahren für die Salzburger Osterfestspiele die Fiordiligi in Mozarts „Così fan tutte“ gesungen habe, habe ich vorher das Autograf in der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden studiert …

… die Staatsbibliothek besitzt die größte Mozart- Sammlung weltweit, wussten Sie das?

Nicht Wien? Nicht Salzburg oder Prag? Nein, das wusste ich nicht, aber vielleicht war es deshalb so aufregend, unter all diesen Kostbarkeiten zu sitzen! In einer Handschrift zu lesen, ist, als begegnete man der Seele des Komponisten. Und was Mozart betrifft: Einerseits hat er unerhört klar und sauber geschrieben, andererseits bleibt immer ein Rest, ein Spielraum. Man ist sich bei ihm nie hundertprozentig sicher. Das Autograf lässt einen zwischen den Zeilen lesen, es bietet Nuancen, Schattierungen, auch Flüchtigkeiten und Fehler, die eine moderne Ausgabe nicht berücksichtigen kann und darf. Da steht alles schwarz auf weiß.

Hätten Sie ohne diese Einblicke eine andere Fiordiligi gesungen?

Sagen wir so: Es gab für mich ein paar wichtige Fragezeichen mehr. Mein Bild von der Figur war nicht mehr so fest gefügt. Die ganze „Così“ stellt ja Fragen: Wer lügt und wer sagt wann die Wahrheit? Wer liebt wen und wer betrügt wen warum?

… die Oper handelt, kurz gesagt, von einer Liebesprobe, einem Partnertausch …

Ich finde das Stück absolut grausam – und sehr menschlich, sehr aktuell. Es ist die Kulturgeschichte unseres Fühlens in einem ästhetischen Brennglas. Am Ende gibt es keine Hoffnung, keine Vision. Alle sind betrogen. Sie haben mit dem Feuer gespielt und wollen nur noch sterben. Mozart aber richtet nicht, er zeigt, wie es ist.

Viele, die heute keine Kinder bekommen, sagen, dass ihnen ein verlässlicher Partner fehlt. Sie haben in „Così fan tutte“ alle Frauenrollen gesungen, auch Despina, die Zofe, und Dorabella. Glauben Sie noch an die Liebe, glaubt Mozart daran?

Das hoffe ich doch sehr, für uns beide! Aber Mozart, pardon, ist nicht an unserem Kindermangel schuld. Er ist nie destruktiv. Das Geheimnis seiner Musik besteht darin, dass sie in jedem Augenblick komplett ist. Sie zeigt uns die Euphorie und die Verzweiflung. Sie sagt, das Glück der Liebe ist ohne Schmerzen nicht zu haben. Diese Musik ist so ergreifend, für mich einzigartig.

Mozart als Mythos?

Nun ja, da gibt es diese Geschichten um seinen Tod. Dass es Constanze gewesen sein soll, seine Frau, die in Wien als Erste das Gerücht verbreitete, er sei vergiftet worden. Dass Salieri seine Finger mit im Spiel gehabt habe. Heute wissen wir, das ist alles blanker Unsinn.

Man hat 1984 herausgefunden, dass Mozart an einer Streptokokken-Infektion gestorben ist, verbunden mit Nierenversagen, Bluthochdruck, einem Schlaganfall durch Gehirnblutung und einer Lungenentzündung. Das reicht für mehrere Tode.

Er hat ja auch mehrere Leben geführt! Aber das mit dem Legendenhaften, Mythischen ist nicht so einfach. Salieri war kein Neider und Nichtskönner und Constanze nicht dumm und raffgierig. Sie hat beispielsweise äußerst tatkräftig dafür gesorgt, dass Mozarts Nachlass nicht in alle Winde zerstreut wurde, die hervorragende Quellenlage haben wir also ihr zu verdanken, bis heute.

Mochten Sie den „Amadeus“-Film?

Salieri ist mir hinterher viel sympathischer gewesen als Mozart! Tom Hulce …

… der Darsteller des Mozart …

… hat einen Verrückten gespielt, okay. Aber F. Murray Abraham’s Salieri war ein echter Charakter. Schade, dass der Film damals nicht zu einer Renaissance der Musik geführt hat. Salieri ist ein außerordentlich interessanter, wichtiger Komponist im Wien des 18. Jahrhunderts. Wer ihn kennt, versteht Mozart viel besser.

Wie schwer ist es, Mozart zu singen?

Es heißt ja, Mozart sei etwas für Kinder und für Weise. Technisch ist seine Musik nicht wirklich schwer, da gibt es andere, die haben sehr viel mehr schwarze Noten produziert. Aber emotional ist er ungeheuer anspruchsvoll! Mozart trifft mich oft so tief, er lässt mich so unmittelbar begreifen, dass ich versucht bin, die Kontrolle über mein Singen zu verlieren. Mozart ist richtig gefährlich. Wobei ich das Emotionale vom Virtuosen niemals trennen würde. Das habe ich als Sängerin gelernt: Je perfekter ich mein Instrument beherrsche, technisch, desto freier bin ich, desto höher und weiter kann ich fliegen. Nur wenn ich in der Lage bin, all das, was ich jahrelang geübt habe, zu vergessen, mein ganzes mühsam erworbenes Handwerk, nur dann kann ich im entscheidenden Moment auch loslassen. Das gilt für die Musik, das gilt fürs Leben.

Singen Sie 2006 eigentlich nur Mozart?

Um Himmels willen! Nach den vielen Mozartkugeln und den Mozartschinken und dem Mozartbier und was es noch alles gibt, wird es unserer kollektiven Mozart-Leber Ende des Jahres sehr schlecht gehen. Das Problem mit der Kommerzialisierung ist ja, dass sie selten der Musik wirklich nutzt. Man will Mozart verkaufen. Und das gilt auch für die Kunst. Wenn die Salzburger Festspiele nächsten Sommer alle 22 Mozart-Opern aufs Programm setzen, dann ist das eine enzyklopädische Leistung. Über die künstlerische Qualität der einzelnen Aufführungen aber sagt das nichts, und eigentlich geht es in Salzburg doch um Qualität …

Ich glaube, Ihr Cappuccino wird langsam kalt.

Cecilia Bartoli lässt sich nicht beirren.

… also ich halte von Massenaufläufen dieser Art ziemlich wenig. Außerdem feiern wir 300 Jahre Händel in Rom nächstes Jahr. Auch kein schlechter Komponist, glauben Sie mir. Und Robert Schumann wird 150 Jahre tot sein.

Die Italiener können, wie man weiß, mit Mozart nicht so viel anfangen. Schmerzt Sie das?

Ein bisschen schon. Ich selbst bin mit Rossini und Bellini aufgewachsen, mit dem klassischen Belcanto-Repertoire also. Meine Eltern waren beide Opernsänger, ich kann diese Vorliebe für das ausufernde Gefühl, die große Geste, das Espressivo sehr gut verstehen. Das ist gewissermaßen meine Muttermilch. Und dann habe ich viel Barockmusik gesungen. Wissen Sie, wer mich zu Mozart verführt hat? Daniel Barenboim. Der kam und sagte: Cecilia, du hast die Stimme und den Charakter für Mozart, bitte tu’s, setz dich hin und lerne, ich werde dir helfen. Und ich hab’s getan. Da war ich immerhin schon 20!

Vielleicht liegt es daran, dass man in Italien Mozart für einen deutschen Komponisten hält, während die Deutschen in ihm gerne den Italiener sehen.

Und wissen Sie was: Er ist keins von beidem. Das ist das Faszinierende, vielleicht auch das Verwirrende. Mozart war Europäer, wie vor ihm Händel, wie überhaupt sehr viele Barockkomponisten.

Heißt das, den Italienern ist das Europäische fremd? In England, in Frankreich, in Holland, in Deutschland ist gerade die Barockmusik heute irrsinnig populär. Nur in Italien nicht.

Ich denke, Italien hat gerade so viele so ernste Schwierigkeiten, nicht nur mit Europa, da steht die Barockmusik nicht an erster Stelle, also wirklich nicht. Natürlich bin ich manchmal traurig, dass so wenige die Musik eines Vivaldi, eines Monteverdi kennen. Trotzdem: Italien ist und bleibt „la patria della musica“!

Selbst wenn Berlusconis Finanzminister Giulio Tremonti gerade 40 Prozent des staatlichen Kulturetats streichen will und viele Theater und Opernhäuser sich akut von der Schließung bedroht sehen?

Was erwarten wir von der Gesellschaft? Zu Hause kommt heutzutage kaum ein Kind noch mit Musik in Berührung, in den Schulen findet kein vernünftiger Unterricht mehr statt. Wie können wir dann davon ausgehen, dass sich irgendjemand mit 20 oder 25 plötzlich für Musik interessiert? Und warum sind wir so entsetzt, wenn keiner mehr da ist und die Politik alles kaputtspart? Musik ist eine Sprache, die auf sehr direkte Weise zu den Menschen spricht. Musik greift Menschen ans Herz, anders und tiefer als Geografie oder Geschichte oder Mathematik. Ich finde es grausam, einem Kind ausgerechnet diese Sprache vorzuenthalten. Es geht darum, Angebote zu machen, und zwar frühzeitig.

Können Sie sich vorstellen, dass Sie sich in dieser Frage eines Tages politisch engagieren?

Ich denke, dazu bräuchte es ein anderes gesellschaftspolitisches Klima. Nicht wir Künstler müssen von der existenziellen Wichtigkeit der Musik überzeugt sein, sondern die Politiker. Ein Finanz- oder Wirtschaftsminister, den Musik nie berührt hat, wird sich nie dafür stark machen. Da können Sie als Bittstellerin so berühmt sein, wie Sie wollen. Und ich bin in Italien nicht berühmt.

Cecilia Bartoli lupft vorsichtig die Milchschaumhaube ihres Cappuccinos.

Ihr jüngstes Album nennt sich „Opera proibita“, verbotene Opern. Das meint die römische Prohibition im 18. Jahrhundert. Gibt es etwas, das in der heutigen Kunst verboten ist oder verboten sein sollte?

Aus dem Bauch heraus sage ich jetzt sofort: nein, natürlich nicht. Schließlich leben wir in einer Zeit des Anything Goes. Aber schlechte Qualität gehört eigentlich immer verboten. Andererseits gibt es sehr wohl eine Verbindung zwischen Prohibition und Kreativität. Das klingt jetzt vielleicht paradox, aber in Zeiten der Unterdrückung, der Diktatur, der Repression wird dem Künstler oft mehr Erfindungsgeist abverlangt als in Zeiten der Freiheit.

Es geht uns zu gut für wirklich große Kunst?

Ach, das klingt mir jetzt zu weltanschaulich. Die Prohibition in Rom zum Beispiel hatte auch eine heitere Seite. Man stelle sich vor: Der Vatikan verbietet die Oper aus Gründen der Sittlichkeit, und es sind kunstsinnige Kardinäle wie Ottoboni, die auf der Musik beharren. Was tun sie? Sie lassen Händel, Scarlatti und Caldara allegorische Libretti und biblische Texte vertonen, schon sind sie aus dem Schneider. Das Ganze heißt jetzt zwar nicht mehr Oper, aber die Musik selbst ist kaum weniger dramatisch, leidenschaftlich und sinnlich. Die perfekte Verpackung. Ganz modern.

Frauen auf der Bühne waren damals auch verboten.

Deshalb bin ich ja so froh, dass ich im 21. Jahrhundert lebe!

… das sich auch in Phänomenen wie Anna Netrebko spiegelt. Wählen Sie: Würden Sie lieber Netrebkos Stimme haben wollen oder ihre Beine?

Oh, das kann man doch nicht trennen! Anna ist der lebendige Beweis dafür, dass der liebe Gott, wenn er in Stimmung ist, unerhört schöne Frauen erschaffen kann. Wobei die Schönheit für den Gesang immer wichtig war, das ist keine Erfindung unserer Zeit und keine Frage eines bloß oberflächlich guten Aussehens. Kennen Sie Anna Moffo? Sie wurde in den 60er Jahren zu einer der zehn schönsten Frauen Italiens gewählt und war eine großartige Sängerin. Haben Sie je von der Sopranistin Lina Cavalieri gehört, Anfang des 20. Jahrhunderts? Atemberaubend! Natürlich wird weibliche Schönheit heute permanent missbraucht, in der Werbung, in den Medien. Da finde ich es letztlich viel ehrlicher, Musik zu vermarkten als Waschmaschinen.

Wen würden Sie im Himmel noch gerne treffen?

Ich glaube, bei mir läuft es eher auf die Hölle hinaus … Ich hoffe jedenfalls, ich werde in guter Gesellschaft sein, lauter arme Seelen, die viel zu lachen haben – und die wissen, was ein echter Cappuccino ist. Wenig starker Espresso, viel geschäumte Milch. Und: Es darf sich nicht mischen. Auf den Kontrast kommt es an. Wie in der Musik.

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