Zeitung Heute : Champagnerboykott und Champagnerboykott

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem.

Hellmuth Karasek

Am 15. April 1986 kam ich mit dem Flugzeug aus Frankfurt in Los Angeles an – und in Amerika war die Hölle los. Jedenfalls im Fernsehen, in dem sich ja bekanntlich das wirkliche Leben abspielt. Die Amerikaner hatten am selben Tag Tripolis und Bengasi bombardiert und unter anderem das Palais des libyschen Diktators Gaddafi in Schutt und Asche gebombt. Etwa 100 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter Gaddafis Adoptivtochter Hanna. Zwei seiner Söhne wurden schwer verletzt. Gaddafi war damals ein schlimmer Finger des Terrorismus, Bombenanschläge in Wien und Rom am Jahresende 1985 und Anfang April 1986 ein Terroranschlag auf eine Berliner Diskothek waren vorausgegangen; bei diesem Bombenattentat starben eine Frau und ein US-Soldat, ein weiterer erlag später seinen Verletzungen.

Amerika war wie in einem Rausch grimmiger Freude, eine Rache ist süß! – Stimmung sprach aus jeder Fernsehnachrichten-Sendung. Und natürlich forderte der Patriotismus seinen Preis. In einem Wut-Freudentaumel hatte ein Bürger von L.A. ein Gaddafi-Bild an seiner Wand gehängt und es mit seinem Colt wild beschossen. Allerdings so erfolgreich, dass er einen Landsmann, der an der anderen Seite der Wand und des Bildes wohnte, dabei mit erschoss: Opfer müssen gebracht werden. Rückblickend muss man allerdings sagen, dass Gaddafi sich im Lauf der Jahre änderte: er überließ die Rolle des Finsterlings Saddam Hussein.

In die amerikanische Freude über den Befreiungsschlag aus heiterem Himmel mischte sich ein Wermutstropfen: Frankreich, Frankreich, das perfide Frankreich hatte den US-Flugzeugen untersagt, den französischen Luftraum für den Angriff auf Libyen zu benutzen. Die Luftflotte musste im weiten Bogen von England über Spanien Tripolis anfliegen. Und so wurde man im Fernsehen Zeuge, wie der französische Botschafter von heftigen TV-Reportern wie ein unartiger Schuljunge vorgeführt wurde. Und, erfuhr ich, kein Restaurant, keine Bar, kein Hotel, das auf sich hielt, schenke noch Champagner, geschweige denn Cognac aus. Kein Cognac, kein Champagner, kein Bordeaux oder Burgunder wegen verweigerter Flugrechte! Ich fand das eher komisch und dachte, das lohnt sich, überprüft zu werden.

Also ging ich mittags und abends und danach auf Recherche. Und in der Tat: Champagner und Cognac waren Unwörter, die Getränke, die ihren Namen führten, waren aus dem Verkehr gezogen.

Ich ziehe jetzt keinen Vergleich zu Schröder und bange auch (noch) nicht um den deutschen Mercedes-, VW-, Audi- oder BMW-Export. Ich erinnere mich vielmehr an den Sommer 1995, als der gerade frisch an die Macht gekommene Präsident, der „rechte“, nach-gaullistische Chirac, ankündigte, Frankreich wolle seine unterirdischen Atom-Versuche im Süd-Pazific wieder aufnehmen.

Die Empörung war weltweit, war einhellig. Sie erfasste sogar die Nordsee-Insel Sylt und das fast benachbarte Hamburg, wo der Urlaub im Juli und August tobte. Und so beschloss man, in den Bars und Restaurants, in denen sonst Nacht für Nacht manch orange-farbene „Witwe“ geköpft, manch Dom Perignon mit lautem Knall geöffnet wurde – hoch die Tassen! – den Champagner-Verzehr einzustellen – bis Chirac weich werden würde. Wieder ein Champagner-Boykott, diesmal aber aus politisch korrekten Gründen, nicht wie die dummen Amis! Luxuriös, aber redlich. Man wich auf Spanier aus, auf Italiener: In dubio Prosecco!

Unglücklicherweise verbrachte ich meinen Urlaub in Südfrankreich in Sainte Maxima und konnte zu meiner Entschuldigung anführen, dass ich schon losgefahren war, noch ehe man mich zum antiatomaren Champagner-Verzicht aufgefordert hatte. So war ich also in Frankreich dem Cognac und dem Champagner hilflos ausgesetzt. Denn versuchen Sie mal, in Chiracs Frankreich eine Flasche „Fürst Metternich“, „Rütgers SC“ oder gar „Rotkäppchen“ aufzutreiben. Recht geschah es mir, dachte ich trübsinnig vor einem Glas Moët & Chandon. Und mir fiel ein, dass es der Vertrag von Versailles war (damals, 1918/19), als der damalige Erbfeind verbot, unseren schäumenden Riesling weiterhin Champagner zu nennen. Und den Weinbrand gar Cognac. Das ist schon, dachte ich melancholisch, einen Asbach Uralt wert.

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