Zeitung Heute : Chance für Quereinsteiger

MAREN PETERS

Vorerst muß der Mönch mit der Kirche vorlieb nehmen.Den Klostergarten werden ihm die Konstrukteure vielleicht im nächsten zweimonatigen Projektabschnitt bauen, möglicherweise gibt es dann auch einen Kreuzgang für den frommen Mann, der auf dem Computerschirm zu einer 3D-Rätselreise in die geheimnisvolle Welt des Mittelalters einlädt."Wann wir die CD-ROM weiterentwickeln können, wissen wir aber noch nicht", sagt Computerfreak Ingo Buse.Der gelernte Industriekaufmann, der nach dreijähriger Arbeitslosigkeit jetzt Multimedia-Design am Institut für neue Medien, L 4, studiert, muß mit seinen fünf Projektpartnern jetzt erstmal wieder die Schulbank drücken.

Zwei Jahre dauert die Ausbildung zum Multimedia-Designer in der vor knapp zwei Jahren gegründeten Akademie in der Heinrich-Roller-Straße, die in diesen Tagen zu einem "Tag der offenen Tür" eingeladen hat.Mit seiner vorhergehenden Ausbildung ist Ingo Buse eine Ausnahmeerscheinung, primär richtet sich das Angebot an Schulabgänger und Studienabbrecher."Doch wenn Computerkenntnisse da sind, drücken wir schon mal ein Auge zu", sagt L 4-Vertriebsleiter Ulrich Merholz.

Die Tatsache, daß L 4 - sehr untypisch für das deutsche Bildungssystem - weniger auf die Abschlüsse ihrer Bewerber denn auf ihre Fähigkeiten Wert legt, hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: "Das Niveau in den Kursen ist sehr unterschiedlich, gerade bei den Designern", sagt Ulrich Merholz.Ingo Buse bestätigt das: in seiner Projektgruppe arbeitet er mit Akademikern, Künstlern, einem Kleidermacher und einem Elektriker zusammen, im Alter von Anfang 20 bis 50 Jahren.Auch wenn die Zusammenarbeit nicht immer einfach ist - nicht nur Computerfreak Buse ist "fasziniert von der Möglichkeit, ein Projekt im Team zu erstellen".

"Wenn die Teamfähigkeit fehlt, sind die besten Fachqualifikationen nichts wert", betont L 4-Geschäftsführer Peter Schisler.Neben der "Realisierung kreativer neuer Ideen" - anstelle sturer linearer Ausbildung - sei dies das zweite Standbein der Ausbildung.Bei L 4 wird großer Wert auf den Praxisbezug gelegt.Das gilt sowohl für die Ausbildung zum Multimedia-Designer, als auch für die verschiedenen Weiterbildungsangebote - zum Euro-Medienberater, Multimedia-Kaufmann oder -Produzenten.Parallel zum Unterricht werden, wie im späteren Berufsleben auch, Teams aus je einem Konzeptor, Programmierer, Projektmanager und Screendesignern gebildet, die CD-ROMs produzieren, Homepages für Firmen bauen oder auch schon mal ein Internet-Kaufhaus entwickeln.Ihre Dozenten arbeiten mit wenigen Ausnahmen selbst in Multimediaunternehmen.Alle Projekte, die in den Weiterbildungsmaßnahmen realisiert werden, sind Auftragsarbeiten für Unternehmen.Jedem der 220 Schüler steht für die Umsetzung eine eigener Computer zur Verfügung.

Der hohe Ausbildungsstandard hat seinen Preis: 1030 DM pro Monat müssen Schüler für die staatlich anerkannte Ausbildung zum Multimedia-Designer berappen."Da ich kein Bafög bekomme, muß ich das selbst bezahlen", sagt Angela Käsler, die voraussichtlich im August 2000 ihre Ausbildung abschließt.Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen wie der 37jährige angehende Multimedia-Kaufmann Bernd Rauer werden in der Regel über das Arbeitsamt gefördert.

Wie es aussieht, ist die Akademie auf dem richtigen Weg: Rund 60 Prozent der Absolventen des ersten Jahrgangs Multimedia-Design, die im Mai fertiggeworden sind, haben nach Angaben von Vertriebsleiter Merholz eine Festanstellung - viele von ihnen sind Quereinsteiger, die ohne den L 4-Abschluß auf dem Arbeitsmarkt keine Chance gehabt hätten.Friedrich Figge, Abteilungsleiter "Neue Medien" eines Berliner Verlages, hat einem L 4-Euro-Medienberater nach einem Praktikum gerade einen festen Job angeboten."Nach seinen Bewerbungsunterlagen hätte ich den nie eingestellt", sagt Figge.Sein neuer Mitarbeiter, ein ehemaliger Koch, wird künftig das gesamte Medienangebot des Verlages gestalten.

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