Zeitung Heute : Chancen hat, wer die Praxis kennt

HELGA BALLAUF

Was im Multimedia-Sektor einen Einstieg in die Arbeitswelt begünstigtVON HELGA BALLAUF

Diplom-Designer, Multimedia-Autorin, Informationstechnologe, Diplomkommunikationswirtin, Multimedia-Konzeptionist, Diplommedienberater - die Liste der Hochschul- oder Akademieabschlüsse, die einen Multimedia-Job versprechen, ist lang, aber nicht immer aussagekräftig.Kein Wunder, denn noch ist die Branche dabei, sich zu etablieren, den Markt zu erschließen und einschlägige Berufsprofile zu entwickeln.Die Qualifikationsanforderungen für Beschäftigte verändern sich rasch. Bislang haben die Hochschulabsolventen in den Firmen, die multimediale Angebote konzipieren, realisieren und vertreiben oder die Anwender schulen und beraten, meist das Fach Informatik studiert, gefolgt von Design und Betriebswirtschaft.Für ihre künftigen Beschäftigten wünschen sich Betriebe, das ergab eine Umfrage, die Karin Kühlwetter im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung machte, praxisorientierte Studiengänge, bei denen weniger das "informationstechnisch Machbare" im Vordergrund steht als das "kommunikativ und wirtschaftlich Sinnvolle" - gestalterische und soziale Fähigkeiten eingeschlossen.Denn die fachspezifische Qualifizierung der Mitarbeiter erfolgt ohnedies durch "training on the job", betriebsinterne Unterweisungen, systematische Schulungen oder informelle Fortbildungen, wie Tagungen und Messen. Wie es scheint, haben einige Hochschulen schon Konsequenzen gezogen.Sie bieten Medien-Studiengänge mit Praxisphasen an, bei denen sich "Produkt" und "Produzent" direkt am Markt bewähren müssen.Wer schon Erfahrungen in der Branche mitbringt, hat die besseren Chancen.Das interdisziplinäre Arbeiten wird großgeschrieben. Beispiel Leipzig.Studenten des Uni-Instituts für Software- und Systementwicklung stellten auf einer Computermesse ihr Stadtinfosystem vor, mit dem per Bildschirmberührung eine Informationsreise durch Leipzig möglich ist.Das "UniRadio mephisto 97.6" ist nicht etwa gedacht als Programm von Studenten nur für Studenten, sondern wendet sich an die gesamte Hörerschaft im Raum Leipzig/Halle.Es gehört zur Ausbildung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft, das ganze Jahr über, Semesterferien und Wochenenden eingeschlossen, täglich vier Stunden anspruchsvolles Magazin-Programm zu machen. Beispiel München.Die Hochschule für Fernsehen und Film richtete 1988 den Studiengang "Produktion und Medienwirtschaft" ein.Wer sich in acht Semestern für Produktionsleitung und Medienmanagement qualifizieren will, soll betriebswirtschaftliche Vorkenntnisse mitbringen.21 Wochen Praktikum in der Medienwirtschaft plus zwei eigene Produktionsleitungen sind obligatorisch. Beispiel Siegen.An der Gesamthochschule der Stadt werden seit 1990 "Diplom-Medienwirte" im Studiengang Medienplanung, -entwicklung und -beratung ausgebildet.Dazu gehört auch, ein Public-Ralation-Konzept für das eigene Fach zu erproben.Das reicht von Artikelangeboten für die Presse über Mailing-Aktionen bis zur Messe-Präsentation.Die ersten Absolventen sind mit Projektleitung im Kongreß-Management, PR-Assistenz, Anzeigenleitung beim Verlag und Konzeptentwicklung beim Fernsehen beschäftigt - oder arbeiten als Journalisten. Beispiel Stuttgart.An der Fachhochschule für Druck und Medien gibt es - neben den traditionellen druckspezifischen Ausbildungsgängen - die Studieneinrichtung Medientechnik.Die angehenden "Diplom-Medieningenieure" haben oft schon eine Lehre hinter sich.In zwei Praxissemestern lernen sie künftige Arbeitsfelder kennen - die Industrie- und Spielfilmproduktion etwa oder die Herstellung von CD-ROMs für Schulungszwecke. Wer sich weniger für die Medienpraxis interessiert und lieber erfahren möchte, was die Medienwelt im Innersten zusammenhält, kann in der Medienwissenschaft nach Grundlagenorientierung suchen.Das Fach ist eng mit den Sozial-, Erziehungs-und Literaturwissenschaften verknüpft und oft kaum von Publizistik zu trennen.Rund 50 ausgewiesene Studienangebote für Medienpraxis und Medienwissenschaft zählte Karin Kühlwetter Ende letzten Jahres, Tendenz steigend.Ein Defizit herrscht noch bei Forschung und Lehre im Bereich Interaktive Medien, das heißt, bei Konzeption und Produktion audiovisueller Lehr- und Informationsmedien und der Beurteilung ihrer gesellschaftlichen Relevanz.Qualifizierte Fachleute sind heute schon gefragt.Generelle Aussagen zum künftigen Arbeitsmarkt Multimedia dagegen sind schwierig, widersprechen sich doch die Schätzungen gründlich.Ein Trend jedenfalls schlägt hier schneller durch als in der sonstigen Arbeitswelt: Das Ende einer Ausbildung ist gleichbedeutend mit dem Zwang zur Weiterbildung.

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