Charlottenburg-Wilmersdorf : Lebendige Legenden

Der frische Ostwind hat manchen Muff aus den Westbühnen gefegt – und ihren Ehrgeiz angestachelt.

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Die Waldgesellschaft. Von 19.30 bis 22 Uhr findet in der Komödie am Kurfürstendamm eine öffentliche Probe zu »Wie es euch gefällt«...Foto: promo/Thomas Grünholz

Natürlich hat der Osten den Westen verändert. Für die Theaterszene Charlottenburgs bedeutete der Mauerfall einen radikalen Umbruch, der Fokus verschob sich erst mal Richtung Mitte, den Traditionshäusern der ehemaligen Insel erwuchs mächtige Konkurrenz in der eigenen Stadt. Die Deutsche Oper an der Bismarckstraße musste sich nun gegenüber der Staatsoper Unter den Linden und der Komischen Oper profilieren. Und auch für die Schauspielbühnen des Bezirks brachen unruhige Zeiten an. So gingen bekanntlich Anfang der 90er Jahre am legendären Schillertheater die Lichter aus.

Auf der anderen Seite hat der frische Ostwind auch manchen Muff aus den Westbühnen gefegt. Es käme jedenfalls wohl niemand mehr darauf, die erzkonservativen Großbürgerdamen, die Volker Ludwig am Grips-Theater in seinem Musical „Linie 1“ so trefflich karikierte („Ja, wir Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wär’n wir längst schon russisch, chaotisch und grün“), könnten charakteristisch für den Bezirk sein.

Es ist ja nicht so, dass die Charlottenburger Theater von ihrer vielfach goldenen und gloriosen Historie abgeschnitten wären. Das Renommee der Vergangenheit wirkt im kollektiven Theatergedächtnis fort. Nur käme keiner der hier wirkenden Künstler mehr auf die Idee, sich darauf auszuruhen. Natürlich erinnert man sich daran, dass ein Peter Stein einst die Schaubühne geprägt hat, die zu Beginn der 80er Jahre vom Halleschen Ufer an den Lehniner Platz zog. Aber seit zehn Jahren schon ist es das Theater des Thomas Ostermeier, der hier als Künstlerischer Leiter und Regisseur ein intelligentes Zeitgenossenprogramm aus Gegenwartsautoren und heutig erzählten Klassikern zeigt – womit das Haus zum gefragtesten deutschen Sprechtheater im Ausland avancierte.

Auch am Renaissance Theater an der Knesebeckstraße, dem einzigen vollständig erhaltenen Art-Déco-Theater Europas, ist Geschichte glücklich in Gegenwart überführt worden. An dem denkmalgeschützten Haus traten stets die größten Schauspieler auf, eine Helene Weigel und eine Käte Jaenicke wie ein Curt Goetz oder O.E. Hasse. Und auch heute, unter der Leitung von Horst Filohn, steht das Theater für prominente Namen – und mittlerweile für anspruchsvolle, auch gesellschaftskritische Unterhaltung mit aktuellen britischen, amerikanischen und französischen Stücken.

Nicht anders am Theater und der Komödie am Ku’damm. Dort hat Direktor Martin Woelffer in bester Familientradition das Erbe seines Vaters Jürgen angetreten und ein Boulevardtheater auf der Höhe der Zeit ermöglicht. Noch immer sind hier Theaterlegenden zu sehen, etwa Edith Hancke und Klaus Sonnenschein im Evergreen „Pension Schöller“. Daneben bestechen rauschhafte Produktionen wie Katharina Thalbachs Shakespeare-Bearbeitung „Wie es euch gefällt“.

Freilich, Qualität schützt auch in Charlottenburg vor Querelen nicht. Und Tradition allein steht nicht unter Denkmalschutz. Um die Zukunft der Ku’damm- Bühnen, 1924 von Max Reinhardt gegründet, musste man zuletzt bangen, unklar war, wie mit dem an einen ausländischen Investor verkauften Ku’damm-Karree verfahren würde, in dem sie beherbergt sind. Derzeit scheint wenigstens gewiss, dass es weiterhin einen großen Theatersaal am Ku’damm geben wird.

Auch der berühmten Tribüne an der Otto-Suhr-Allee – wo zur Eröffnung 1919 der junge Fritz Kortner auf der Bühne stand und wo später eine Marlene Dietrich und Hildegard Knef auftraten – drohte zuletzt die Schließung. Bis sich mit Gunnar Dreßler ein neuer Leiter fand, der nun Bearbeitungen erfolgreicher Romane und Filme zeigt.

Ja, Charlottenburgs Szene bleibt lebendig, allen Widrigkeiten zum Trotz. Auch in Hinblick auf Kabarett, Kleinkunst und Comedy – bei den Stachelschweinen, in der Bar jeder Vernunft oder im Café Theater Schalotte. Eine Westberliner Institution, die glücklicherweise auch nicht zur Debatte steht, ist die Vaganten Bühne an der Kantstraße, im Schatten des großen Musical-Palastes Theater des Westens. Seit über fünfzig Jahren wird in diesem Kellertheater, einst ein Kühlraum des Delphi-Tanzpalastes, Schauspielkunst geboten. Noch immer, sagt der heutige Leiter Jens-Peter Behrend, träfe man in jeder Kleinstadt auf jemanden, der mal auf Klassenreise in Berlin und selbstredend auch in der Vaganten Bühne gewesen sei. Am guten Ruf hat sich seitdem nichts geändert. Nur das Programm ist ganz von heute. Patrick Wildermann

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