Zeitung Heute : Chatten macht glücklich - Tipps und Links für Online-Plauderecken

Markus Ehrenberg

1988 saß Jarkko Oikarinen gelangweilt vor seinem Computer. An der Universität Oulu in Finnland betreute er den Zentralrechner der Informatikabteilung. Das ist keine tagesfüllende Beschäftigung, und so hatte Jarkko Lust zu plaudern. Nicht in der Mensa, sondern per Computer. Und weil das nicht ging, erfand er das, was man in der Computerkultur "Chat" nannte. Das seine Erfindung in den nächsten zwölf Jahren zur modernsten Möglichkeit der Unterhaltung wird, und daraus sogar Babies entstehen, konnte Jarkko nicht ahnen.

Ohne Chat kommt heutzutage keine Community mehr aus, will sie interaktiv und erfolgreich sein - ob als Einstiegsseite bei AOL, T-Online, cycosmos.com oder meinberlin.de oder als reine Plauderecke (unter www.metropolis.de oder www.webchat.de ). Der Chat im Netz ermöglicht Unterhaltung, die der gesprochenen Sprache nahe kommt: spontan, emotional, werbend und manchmal auch schwachsinnig. Das kommt an bei Netz-Junkies, aber auch bei Politikern, die die Bedeutung des Chats erkannt haben. Al Gore, Boris Jelzin, Jürgen Trittin, Bill Clinton - sie alle plauderten schon via Computer mit der Internet-Gemeinde.

Wie chattet man richtig? Man tippt einen Text, den der oder die Angesprochene sogleich auf seinem Bildschirm empfängt. Beliebig viele Chatter können sich zur selben Zeit in einem "Chat Room" unterhalten. Oft geht das kreuz und quer, so dass auf die eigene Frage eine unpassende Antwort kommt. Schnelligkeit ist Trumpf. Vorher muss sich der User noch anmelden, meistens unter Pseudonym wie "Einsamer Wolf", "Mehmet Scholl" oder "romantischer Boy". Manche schlüpfen auf diese Art in einen virtuellen Körper, trauen sich Dinge zu sagen, die sie face-to-face nicht herausgebracht hätten. Schwierig für Neulinge ist, dass sich viele Chatter zu festen Freundeskreisen zusammengeschlossen haben. Da braucht es einen erfahrenen Chatter, der sich um einen kümmert.

"Gesagt" werden darf eigentlich alles. Wer über Integralrechnung oder Heimwerken reden will, geht in Newsgroups, wie sie AOL anbietet. Spannender wird es beim "planet talk", dem Chat der Frauenzeitschrift Allegra ( www.allegra.de/talk/index.html ). Flirter haben mehrere Räume zur Auswahl: "Love I" bis "Love IV" - alle sind "besetzt". Die Teilnehmerzahlen sind begrenzt. "Alisea", "Amor" oder"Josefina" bleiben unter sich. Offen ist die "Happy Hour" mit 24 Teilnehmern. Ein Beispiel moderner Kommunikation

Wirad lacht sich zu Marko: "Nö, bei dir meldet sich keiner."

Ich flüsterte zu All: "Hi, Süsser, hälst du, was dein Name verspricht?"

Mond fragt Süsser: "Wer schreibt mir a wenig?"

Big: "Hat irgendwer Lust sich zu unterhalten?"

So ähnlich muss es auch bei Doreen und Stefan gewesen sein, dem ersten Liebespaar, das sich beim Chat von berlin.de nicht nur kennengelernt, sondern in der vergangenen Woche auch das erste Chat-Baby bekommen hat: Bianca. Dass Online-Schwatzbuden nicht nur Menschen glücklich machen, bewies Koko: Die Gorilladame ging in San Francisco als Online-Botschafterin ihrer Spezies ins Netz. Koko schloss ihren Chat mit: "Licht aus, gut".Bisher in der Serie erschienen: Online-Dienste, E-Mails und Suchmaschinen. Teil 5 erscheint am kommenden Freitag und behandelt das Thema Mailing-Listen.

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