Zeitung Heute : Chatten, spielen, surfen: In der Bücherei führen viele Wege ins Netz

EVA-MARIA VOCHAZER

Seit die Jugendabteilung der Gedenkbibliothek kostenlose Internetzugänge hat, kommen Jugendliche aus ganz Berlin an den BlücherplatzVON EVA-MARIA VOCHAZERUm mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen, muß der 16jährige Abdul nicht mal von seinem Stuhl aufstehen.Er gehört nachmittags zu den Stammgästen im "Halleschen Kometen", der Jugendabteilung der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) am Blücherplatz.Von vier Computer-Terminals aus können die Jugendlichen hier durchs Internet reisen.Sponsoren machen es möglich, daß der virtuelle Spaß nichts kostet.Abdul hat beim "Chatten", dem Schwatz über Computertastatur im globalen Netz, schon Verbindungen mit Gleichgesinnten im fernen Saarbrüêken geknüpft."Mit Jungen und mit Mädchen, und manchmal schreiben wir uns auch richtige Briefe." Das kostenlose Surf-Angebot, das seit Ende vergangenen Jahres in der AGB besteht, hat sich so weit herumgesprochen, daß Jugendliche schon aus Marzahn und Köpenick nach Kreuzberg kommen.Die Tendenz ist steigend.Es gibt bereits 1100 eingeschriebene Nutzer.Die Stammbesucher erlauben sich gerne Scherze mit den Newcomern und jagen sie mit irgendwelchen Sprüchen ins Bockshorn."Viele haben auch zu Hause einen Computer stehen, aber sie verabreden sich trotzdem hier", sagt Bibliothekarin Christine Kleist-Fiedler."Es geht einfach um Kommunikation und Zusammensein." Etwas Geduld müssen die Computer-Fans mitbringen, denn die Terminals dürfen nur nach Anmeldung besetzt werden, und die Zeit ist auf eine Stunde begrenzt.Dafür gibt es Cola für wenig Geld aus dem Automaten um die Ecke."Ist doch gemütlich hier", sagt ein Junge.Beim Warten auf den Termin am Terminal kuschelt schon mal ein Pärchen auf dem Sofa in der Bibliothek.Und wem das Warten zu lange wird, der greift zu Buch oder Zeitschrift."Ein durchaus erwünschter Nebeneffekt", gibt die Bibliothekarin lächelnd zu.Häufig kommen auch Erwachsene aus dem großen Lesesaal nach unten, die selbst gerne mal durch die virtuelle Welt surfen wollen. Wer denkt, daß der wißbegierige Nachwuchs hier isoliert vor den Schirmen hockt, täuscht sich.Zu fünft sitzen die Jugendlichen um die Terminals und spielen "Sim City", ein Computerspiel um Städtebau und Katastrophen in tausendundeiner Variation.Könner ziehen hier vor den Mädchen eine große Show mit Wissen über Spezialtricks ab."Unsere Nutzer kommen oft in Truppen und besonders gerne in den Ferien", berichtet Bibliothekarin Kleist-Fiedler.An der Wand hängen Poster von den Backstreet Boys und von Brad Pitt."Ich bin fast täglich zum Spielen hier", sagt der 13jährige Recip.Am Computer zu sitzen ist für ihn ebenso normal wie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spielen.Die Jugendlichen haben keine Berührungsangst vor Hard- und Software. Die Internet-Seiten über Popgruppen und Sportler werden häufig auf die Schirme geholt.Die Jugendlichen können hier per Mausklick die Spice Girls auf den Schirm holen oder das Neueste über verschiedene Boy-Groups erfahren.Besonders beliebt ist die Pamela-Anderson-Starseite im Netz.Der Weg zur digitalen Auskunft über die Busenschönheit ist nicht schwierig.In bunten Prospekten wird der Zugang zum Netz Schritt für Schritt erklärt.Wer noch Fragen hat, kann sich an eine der Bibliothekarinnen wenden, die selbst inzwischen zu begeisterten Surfern geworden sind. Die 14jährige Isabella ist als Mädchen in der Minderheit vor dem Schirm.Meistens sind es die Jungen, die in der AGB durchs Internet reisen wollen.Probleme hat sie damit keine.Warum auch? "Ich bin zum Spielen hier", sagt sie und schaut konzentriert auf den Monitor.

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