Zeitung Heute : Chefsache: Filmpolitik

RÜDIGER SCHEIDGES

Italiens Kulturminister Walter Veltroni auf der BerlinaleVON RÜDIGER SCHEIDGESNach langer Krise erlebt das italienische Kino eine Wiedergeburt.Zumindest sieht Walter Veltroni, der Kulturminister Italiens, handfeste Anzeichen dafür.Und er hat eine Lektion für ganz Europa parat: "Europa darf das Kino nicht weiter als einen zu rettenden Panda-Bären begreifen.Wir müssen ohne Protektionismus den über 350 Millionen Zuschauer zählenden Markt als Ganzes sehen," sagte er gestern in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel.Veltroni fordert deshalb die Gründung von "European Majors" nach dem Beispiel der US-Filmgesellschaften.Dies voranzutreiben sei auch der wesentliche Grund für seinen Berlinale-Besuch.In Italien selber sind die düsteren Konferenzen in noch düsteren Katakomben mit dem immergleichen Titel "Die Krise des italienischen Films" passé.Das Kino befinde sich in vehementem Aufschwung."Wir haben unsere Filmpolitik zur Chefsache gemacht, schließlich ist unser Kino ein wesentlicher Bestandteil der nationalen und kulturellen Identität." Wie stark dieser Aufschwung des italienischen Films, weniger durch staatliche Förderung denn mit einem neuen Selbstverständnis, sei, werde sich in diesem "wichtigsten Jahr seit langem" erweisen, schließlich präsentieren 1998 viele Regisseure neue Filme: die Taviani-Brüder, Moretti, Scola und Antonioni beispielsweise. Den neuen Boom im Land will Veltroni mit den Seinen selbst aus der Taufe gehoben haben.Die Zahlen sprechen in der Tat für sich.Italien hat - trotz rigider Haushaltspolitik zur Erfüllung der Maastricht-Kriterien - die Filmförderung verdoppelt.Pro Film spuckt der Staat jetzt bis zu acht Millionen Mark aus.Die Filmförderungs-Kommission, einst 50 Menschen, darunter etliche Politiker, umfaßt nun sieben Experten - ohne Politiker.Diese Entbürokratisierung mache alles viel praktikabler, sagt Veltroni. Wichtig sei auch die neue Zusammenarbeit mit dem privaten und staatlichen Fernsehen - mit dem Ziel, die Anstalten zu Investitionen im Filmsektor zu animieren.Die staatliche RAI steckt entsprechend einem neuen Abkommen drei Jahre lang 20 Prozent ihres Budgets in Produktionen europäischer Filme.Mit dem französischen Sender Canal Plus wurde vereinbart, daß er rund 80 Millionen Mark in italienische Filme, Kinos und Produktionsgesellschaften investiert.Diese Kooperationsprogramme zeigen offenbar bereits Wirkung auf die Filmproduktion."Früher war die prime-time fast ausschließlich von US-Produktionen bestimmt, italienische und europäische Filme wurden erst spät nachts ausgestrahlt.Das hat sich nun völlig umgekehrt." In den vergangenen 18 Monaten hat das staatliche Förderprogramm dazu geführt, daß in Italien 518 neue Leinwände geschaffen wurden (darunter 480 in Multiplexen), vor allem in bislang unterversorgten Regionen.Die Eintrittskarten wurden für die Nachmittagsvorstellungen und für einen Tag der Woche billiger.Trotzdem sei der Gewinn der Kinos um 14 Prozent gestiegen.Zum ersten Mal seit über zehn Jahren wurden 1996 in Italien über 100 Millionen Kino-Tickets verkauft, 1997 noch einmal 13 Prozent mehr.Mit der Förderung der Kinos will Italiens Regierung auch deren "soziale Funktion" erhöhen.Da die Kinos nun auch Bücher, Videos und dergleichen verkaufen dürften, hätten sich viele zu kulturellen Zentren entwickelt."Viele Jugendliche verbringen einen Großteil ihrer Freizeit jetzt dort," meint Veltroni. Ein originelles Programm haben sich die Italiener bei der Restaurierung wertvoller Filme einfallen lassen.Eine Kampagne ruft Städte und Regionen des Landes auf, Filme, die mit der jeweiligen Gegend zu tun haben, mit kommunalen Geldern zu restaurieren.So werde etwa Fellinis "Amarcord" von Rimini - wo der Film spielt - auf Stadtkosten restauriert.Andere Städte hätten sich dem Beispiel angeschlossen. Zurück zu den Wurzeln: das Prinzip funktioniert offenbar.Vor drei Jahren zogen US-Produktionen rund 75 Prozent der Zuschauer an.Inzwischen geht das europäisch-amerikanische Rennen fast pari auf, die Europäer gingen sogar knapp in Führung.

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