Zeitung Heute : Chicago zum Ortstarif

PATRICK CONLEY

Telefonieren im Internet nicht nur für FreaksVON PATRICK CONLEY

"Als ich vor einem Jahr zum ersten Mal im Internet telefonierte, hatte ich einen Italiener in der Leitung", erinnert sich Andreas Fröbius.Der 25jährige gehört zu den wenigen Studenten in Deutschland, deren Namen sich im Teilnehmerverzeichnis des Internet-Telefonbuches, kurz "i-phone" genannt, befindet.Im Februar letzten Jahres brachte die kleine US-amerikanische Firma "VocalTec" das Programm heraus.Andere Firmen griffen die Idee auf.Der Vorteil für Andreas, der an der Freien Universität Berlin Biologie studiert, besteht darin, daß er nur die Gebühren für den Anruf beim Rechenzentrum seiner Universität bezahlen muß.Ob sein Gesprächspartner in Salt Lake City oder Osaka sitzt, telefonieren kann er von nun an zum Ortstarif. Trotzdem hat der angehende Naturwissenschaftler bislang von "i-phone" nur wenig Gebrauch gemacht.Zwar reichen seine alte Soundkarte und das kleine, noch aus den 50er Jahren stammende Tischmikrofon technisch völlig aus, um über den ans Internet angeschlossenen Computer zu telefonieren.Aber mit wem soll er sich unterhalten? Nachdem er das Programm "i-phone" gestartet und sich in einen der angebotenen Server eingewählt hat, erscheint auf dem Bildschirm eine Liste von Leuten, die gerade telefonieren oder noch auf einen Anruf warten.Neben Spitznamen wie "DJ Max", "Mondo" oder "Speedy-1" ist Platz für eine Kurznachricht: "Canberra, Australia - call me".Ein Klick mit der Maustaste und aus den Lautsprechern ertönt ein Klopfsignal.Ist der Angesprochene einverstanden, kann das Gespräch beginnen."Momentan", gibt Andreas offen zu, "ist das für mich noch reine Spielerei". Verboten ist das Telefonieren über Internet nicht, wie das Bundespostministerium bestätigt.Zwar ist in Deutschland noch bis 1998 für die private Vermittlung von Telefongesprächen ein Lizenz nötig, aber diese Regelung gilt nur für kommerzielle Zwecke.Bei der Telekom betont man daher die technischen Probleme, die mit der Anwendung von "i-phone" verbunden sind."Das günstige Telefonieren im Internet funktioniert nur so lange, wie es wenige machen", meint Pressesprecher Jürgen Homeyer."Wenn es jeder machen würde, bricht das Netz zusammen." Lutz Leinert von AT&T hält die technische Qualität der Internetgespräche für zu gering, als daß sie für Geschäftskunden heute schon attraktiv wären."Im Moment sind wir im Stadium der Beobachtung." Anfang 1995 glich das Telefonieren mit "i-phone" in der Tat noch der Unterhaltung von zwei Hobbyfunkern über das CB-Netz: Das Ende von Mitteilungen mußte mit Wörtern wie "over" betont werden, da das Gespräch nur in jeweils eine Richtung übertragen wurde.Für Marga und Steffen, die gemeinsam ein Auslandssemester in den USA absolvieren, sind die niedrigen Telefongebühren allerdings Anreiz genug, um auf diesem Weg mit Europa Kontakt zu halten.Von Chicago aus telefoniert Steffen via Internet mit seinen Eltern in Darmstadt, und Marga plaudert fast täglich mit ihrer Schwester in Valencia. Auf dem neusten technischen Stand sind sie nicht.Soundkarten der gehobenen Klasse ermöglichen schon heute Gespräche, bei denen beide Teilnehmer gleichzeitig sprechen können.(Im Fachjargon "voll duplex" genannt.) Im Oktober letzten Jahres hat sich eine Gruppe von Internet-Experten unter dem Namen "Free World Dialup" zusammengetan.Sie hat sich zum Ziel gesetzt, daß in Zukunft aus dem Internet heraus auch herkömmliche Telefonanschlüsse angewählt werden können.Die öffentliche Testphase soll in kürze abgeschlossen sein.Spätestens dann wird für die Telefongesellschaften aus dem Spiel Ernst.

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