Zeitung Heute : Chile: Der Reichtum liegt in der Natur

Brigitte Jurczyk

Die Zeit der Trauer ist vorbei. Chile lebt auf. Das Ziel: Zukunft im Fortschritt. Vergessen sind die Schatten der Vergangenheit. "Sollen sie doch Pinochet verurteilen. Und dann lasst endlich Gras über die Sache wachsen!", formuliert es Marcello, der junge Barmann in einem Hotel in der Atacamawüste. Die Jugend des Landes schaut optimistisch nach vorn.

Sie hat allen Grund: Chile erlebte in den vergangenen zehn Jahren einen Aufschwung wie kein anderes lateinamerikanisches Land. Seit den 90er Jahren wächst das Bruttoinlandsprodukt jährlich um durchschnittlich sieben Prozent. Die Wirtschaft floriert, die Exportrate steigt kontinuierlich, die offizielle Arbeitslosenquote liegt mit 8,3 Prozent niedriger als in Deutschland. Und die Prognosen stehen gut, dass der süd- amerikanische "Puma" auch weiterhin sein Tempo hält.

In den gläsernen Hochhausburgen von Santiago de Chile spiegelt sich der Aufschwung, aber auch die Armut. Bettelnde Kinder und alte Frauen gehören zum Alltag wie die aus dem Boden sprießenden vollklimatisierten Einkaufszentren und die großen Werbeplakate nach nordamerikanischem Vorbild.

Chile will sich aus seiner langjährigen Isolation befreien und den Anschluss an die westliche Welt finden. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Zumindest für die gutausgebildete Mittel- und Oberschicht des Landes. Sie prägt heute schon mit ihrer Designerkleidung und den allgegenwärtigen Handys das Straßenbild der quirligen Sechs-Millionen-Metropole zwischen Pazifik und Andenkette und sprengt damit das Bild, dass Westeuropa von dem durch die Diktatur der vergangenen Jahre gebeutelten Staat Lateinamerikas hat. Für die Jugend des Landes ist es anscheinend wenig interessant, ob die Menschenrechtsverletzungen des Militärregimes aufgeklärt werden oder nicht. "Hauptsache, wir haben Spaß und machen unser Geld!", so ein junger Banker aus Santiago. Dass dabei der Einfluss von PinochetGetreuen in Wirtschaft und Politik immer noch enorm groß ist, wird in Kauf genommen.

Aber kein Zweifel: "Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind stabil", bestätigt auch Georg Clemens Dick, seit Januar neuer Deutscher Botschafter in Chile, und er rät zu einer neuen Sichtweise auf den Andenstaat. Zu entdecken gibt es viel. Chile ist nicht nur reich an Bodenschätzen; der eigentliche Reichtum des Landes liegt in seiner abwechslungsreichen Natur - zwischen der höchstgelegenen Wüste der Welt im Norden bis zu den üppigen Wäldern und wilden Fjorden im Süden Patagoniens, von der über 6000 Kilometer langen Küste im Westen bis zu den Sechstausendern der Anden im Osten. Der organisierte Tourismus für Besucher aus aller Welt läuft erst an und dabei gleich auf höchstem Niveau.

Die Planung ist klug: Statt die noch weitgehend intakte Umwelt der Eroberung der Massen preiszugeben, wird auf hochpreisigen, oft auch ökologisch vertretbaren Tourismus gesetzt. Das macht den Urlaub nicht für jeden erschwinglich, schützt aber die Natur auf Jahre vor willkürlichem Missbrauch. Hier sieht Georg Clemens Dick auch echte Möglichkeiten, die noch junge Demokratie zu unterstützen - in der Investition in die Infrastuktur und den Aufbau der ökologischen Wirtschaft des Landes: "Es gibt viele gute Gründe, hierher zu kommen und mitzumachen: politische, humane, wirtschaftliche, ökologische - und natürlich die reine Neugierde!"

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