Zeitung Heute : China nacheifern

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Lieber Ich-AG in Charlottenburg-Wilmersdorf als Angestellter in Marzahn-Hellersdorf.“ – Es ist ja nicht so, dass wir Berliner uns nicht auch bildhaft ausdrücken können. Da müssen wir uns vor den Chinesen gar nicht verstecken.

Was den Wettbewerb der Kulturen anbelangt, sollten wir uns dennoch warm anziehen. Wie überlegen die Chinesen sind, erkennt man sehr schön an ihrer knappen Sprache. Den verhuschelten Schriftzeichen sieht man das zunächst vielleicht nicht an; wenn man sich jedoch nach den Shanghaier Ost-West-Befindlichkeiten erkundigt, erfährt man schnell, wie die da sprachlich auf Zack sind. Der Shanghaier sagt: „Lieber ein Bett in Puxi als ein Haus in Pudong.“

Puxi, das ist Shanghais westlicher Teil, jene Gegend, in der schon immer Shanghaier wohnen. Pudong, das ist der Osten, neu bebaut, die Platte jwd sozusagen. Nun sind Puxi und Pudong aber nicht irgendwelche Namen wie Steglitz und Marzahn, die heißen richtig was. Nämlich: „Westlich des Huangpu-Flusses“ (Puxi) und „Östlich des Huangpu-Flusses“ (Pudong). Beeindruckend, mit wie wenig der Chinese wie viel sagen kann! So einer kommt bei betrieblichen Vereinbarungen bestimmt auch schnell zur Sache. Für „Du baust jetzt jede Menge buntes Spielzeug und bekommst sehr wenig Geld dafür“, gibt es im Chinesischen auch einen schmissigen Zweisilber, jede Wette.

Und wir Deutschen reden uns die Münder fusslig über die 40-Stunden-Woche! Entweder wir belassen es bei unserer Sprache und arbeiten 80 Stunden, allesamt. Oder wir reformieren das Deutsche, dann kommen wir vielleicht mit 60 Stunden klar. Plaudereien wie „Könnten Sie es sich eventuell vorstellen, morgen bereits gegen 7 Uhr 30 im Büro zu erscheinen, ich würde da gerne noch eine Besprechung einberaumen“ wären tabu, „Morgen halb acht“ ginge gerade so. Selbstverständlichkeiten wie „Klar doch, Chef“ oder „Mach’ ich, geht in Ordnung“, würden abgeschafft, so was kostet nur Zeit.

Und in Berlin stünde natürlich eine neue Bezirksreform an: West-Spree und Ost-Spree, das sollte genügen.

Chinesisch kann man an der Freien Universität studieren: www.fu-berlin.de/sinologie. Nächster Chinesisch-Sprachkurs: ab 28. Februar 2005 (www.fu-berlin.de/weiterbildung)

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