Zeitung Heute : China zu Besuch in Berlin

Kunststudenten aus Hangzhou an der UdK

Elise Graton

Die ehemalige Bibliothek des UdK-Gebäudes in der Hardenbergstraße platzt aus allen Nähten. Denn heute werden hier 40 junge chinesische Künstlerinnen und Künstler empfangen, die drei Monate lang an der UdK Berlin zu Gast sind, um hier zu studieren. Sie alle gehören zum ersten Jahrgang der „chinesisch-deutschen Kunstakademie“ (CDK), die die UdK Berlin gemeinsam mit der China Academy of Art im Sommer 2006 ins Leben gerufen hat. Die noch junge Akademie ist in Hangzhou angesiedelt, etwa zwei Stunden mit dem Zug von Shanghai entfernt, und bietet Malerei, Bildhauerei, Architektur, Industrie-Design, Visuelle Kommunikation und Neue Medien an. Den Abschluss bildet ein „Master of Arts in Bildender Kunst“, ausgestellt von der UdK Berlin.

Zum Lehrplan gehört ein Arbeitsaufenthalt in Deutschland, der kurz vor Ende des Studiums stattfindet. In Berlin haben die 40 chinesischen Studierenden täglich vier Stunden Deutschunterricht, und ein umfangreiches Kulturprogramm mit Museums- und Galeriebesuchen steht auch auf dem Tagesplan. Exkursionen zur Art Basel oder nach Rom erweitern das Programm, denn natürlich wollen und sollen die chinesischen Studierenden so viel wie möglich von Europa mitbekommen.

Und was sind ihre ersten Eindrücke von Berlin und der UdK? Ihrer Ansicht nach genießen ihre Kommilitonen große Freiheit. „Sie kommen und gehen, wann sie wollen und entscheiden selbst, was sie als nächstes machen“, stellt Liu Yinan, Student der Neuen Medien fest. Der Maler Zhang Canran möchte genau diese Selbstständigkeit erlernen und hofft dadurch „herauszufinden, was ich wirklich will“. Wie Canran sind die meisten Studenten nach 1978 geboren und als Einzelkinder aufgewachsen. Seine Generation wird in Zukunft das Verständnis der chinesischen Kunst prägen.

Über Politik reden die Studierenden ungern. Wie sie betonen: nicht, weil sie es nicht dürften, sondern vielmehr weil sie Meinungsverschiedenheiten fürchten. Außerdem hat der Wunsch, einen Aufbaustudiengang bei deutschen Lehrenden zu machen, für sie nichts mit Politik zu tun, sondern mit dem fernen Ruf von deutscher Qualität und rationalem Denken. Und dabei erfahren sie mehr als nur Klischees: Die deutschen Dozenten stellen ungewohnte Fragen und fordern sie, bis ihnen der Kopf brummt. Danach erscheint ihnen ihre chinesische Ausbildung oft als oberflächlich, weil sie einseitig auf das Visuelle und Schöne ausgerichtet sei.

„Dieser Austausch nützt beiden Hochschulen gleichermaßen“, sagt Professor Burkhard Schmitz, Vizepräsident der UdK und Projektleiter der Kooperation. „Die beiden deutschen Studierenden, die im vergangenen Jahr in unserer vorlesungsfreien Zeit in China als Tutoren gearbeitet haben, konnten enorm für ihr Studium profitieren.“

Am Rande des Empfangs in der alten Bibliothek hört man immer dieselben Eindrücke: Auffallend grün sei es hier, und vielen kommt Berlin wie eine Gartenstadt vor. Auch der ruhige Stadtverkehr sei beeindruckend: In Hangzhou werde stets gehupt. Über das Essen ist man sich uneinig: Einige finden es ungenießbar, einseitig, und der Anblick der ersten Currywurst löste bei manchen schieres Entsetzen aus. Andere halten die Mensa für „ganz praktisch“ und freuen sich dort auf Kartoffelsalat und Maultaschen.Elise Graton

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