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Zeitung Heute : Chinesische Mauern

05.01.2007 00:00 UhrVon Harald Maass

Gestohlene Städte: Bei Schanghai entstehen Imitate europäischer Orte. Auch eine deutsche Siedlung ist dabei – sie heißt Anting

Von der Kirche führt eine Allee aus Kopfsteinpflaster in das idyllische Stadtzentrum. Vorbei an Wohnhäusern aus roten Ziegelsteinen, prächtigen Stadtpalästen mit Säulen und viktorianischen Fassaden und an kleinen Geschäften. Rote Telefonhäuschen, gusseiserne Straßenlaternen. Der Himmel ist grau wie an einem Dezembertag in London.

Thames Town. Oder wie die Bewohner es nennen: Taiwushi Xiaozhen. Bis vor fünf Jahren gab es im Landkreis Songjiang, eine Autostunde westlich von Schanghai, nur Gemüsefelder. Heute steht hier eine komplette mittelenglische Kleinstadt. 66 Meter erhebt sich die Kirche aus Sandstein in den Himmel – ein Nachbau einer Kathedrale bei Bristol.

Der Rasen um die Villen, in die demnächst neureiche Schanghaier Familien einziehen werden, ist millimetergenau gestutzt. Auch ein Pub gibt es. „Rock Point Inn“ steht auf dem verwitterten Holzschild über dem Eingang.

Chinesen sind Weltmeister im Raubkopieren. Von Tempo-Taschentüchern über Chanel-Handtaschen bis hin zu Mercedes-Windschutzscheiben und Viagra- Pillen – nahezu jedes Produkt wird in der Volksrepublik nachgemacht. Die Raubkopien haben in China längst den Alltag erobert. In den Universitätsstädten verkaufen Händler nachgemachte Studienabschlüsse – mitsamt dem Stempel der gewünschten Hochschule. Statt zur Fahrschule zu gehen, kauft man sich für wenig Geld einen falschen Führerschein.

Wer genügend Geld hat, kann künftig auch in einer nachgemachten Stadt leben. Außerhalb von Schanghai sind derzeit sieben europäische Vorstädte in Planung, in denen einmal 100 000 Menschen leben und arbeiten werden. Die deutsche Siedlung heißt Anting, es gibt Mülltrennung und einen Goethe-Brunnen. Noch im Bau sind eine Kopie von Venedig, Barcelona Town und Nordic Town als Vertreter der skandinavischen Länder.

„Die meisten unserer Villen sind bereits verkauft“, sagt Li Mingli von der Baufirma Henghe, die Thames Town mit entwickelt hat. Li ist eine schlanke, energische Frau und Verkaufsleiterin für die englischen Villen. „Kultur schafft Werte“, steht auf ihrer Visitenkarte. Vier Jahre habe man an der Stadt gebaut, sagt Li. Die Planung für das fünf Milliarden Yuan (500 Millionen Euro) teure Projekt übernahm eine britische Architekturfirma. Seit Oktober ist Thames Town offiziell fertig. Eine Stadt im altenglischen Stil für 10 000 Menschen. Es gibt eine Musikhalle, mehrere Restaurants, Geschäfte, einen künstlichen See samt Jachthafen. „In der Kirche wird es auch einen Priester geben“, sagt Li.

Die Bewohner von Thames Town sind Chinas neue Oberschicht. Fünf bis acht Millionen Yuan kosten die Villen, umgerechnet 500 000 bis 800 000 Euro. Apartments sind billiger. In Thames Town wird es britische Supermärkte und Geschäfte geben. In der Schule werden die Schüler britische Uniformen tragen. Die chinesischen Wachmänner, die vor jedem Haus stehen, erinnern an die Wachsoldaten vor dem Buckingham Palace in London.

Thames Town ist eine perfekte Kopie. Für manche sogar zu perfekt. Die britische Gasthofbesitzerin Gail Caddy, die in der englischen Küstenstadt Lyme Regis das Restaurant „Cobb Gate Fish Bar“ betreibt, erfuhr durch Fotos in der Zeitung, dass die Chinesen in Thames Town ihr Geschäft mitsamt der Fassade geklont hatten. Sogar die etwas schiefen frühgregorianischen Fenster wurden detailgetreu nachgemacht. Der einzige Unterschied: In Thames Town heißt das Restaurant „Cob Gate Fish Bar“ – ein B weniger. „Ich fühle mich schanghaiisiert“, sagte Caddy einer Zeitung. Die chinesischen Architekten, die wochenlang mit Digitalkameras durch Englands Ortschaften gezogen waren, hatten sie nie um Erlaubnis gefragt. Die Häuser seien viele hundert Jahre alt, rechtfertigte sich die chinesische Baufirma. Der Patentschutz, sofern es je einen gegeben habe, sei deshalb abgelaufen.

Nach dem Willen der Entwickler soll Thames Town ein Ausflugsziel für Schanghais Bürger werden. In die Geschäftsstraßen um die Kirche, das Herz der Stadt, sollen demnächst Touristenrestaurants, Souvenirläden und Künstler mit ihren Ateliers einziehen. Eine Bar ist schon offen. Zwischen Steinsäulen servieren blonde Russinnen bayerisches Paulaner-Bier. Am Kirchplatz sind bereits die ersten Geschäfte bezogen.

„Dragon Hochzeitsfotos“ steht auf einem Schild. Hochzeitsfotos, bei denen sich die Paare vor historischen Gebäuden fotografieren lassen, sind in China ein großes Geschäft. Und Thames Town ist die ideale Kulisse dafür. „Die Hochzeitsindustrie wird hier eine wichtige Rolle spielen“, sagt Frau Li. „Unsere Hochzeiten werden genauso, wie man es aus den Hollywoodfilmen kennt“, sagt ein Mitarbeiter der Fotoagentur.

Eine Stunde dauert die Fahrt von Thames Town nach Anting – der deutschen Stadt. Der Weg führt vorbei an grauen Industrieanlagen und hässlichen Wohnheimen für Wanderarbeiter. Die Luft riecht nach Abgasen und Chemie. Überfüllte Autobahnen mit riesigen Zubringerschleifen aus Beton durchschneiden das Land. Nach zwei Jahrzehnten Wirtschaftsboom ist das Umland von Schanghai, wie bei so vielen chinesischen Städten, ein ökologischer und städteplanerischer Albtraum. Für Menschen ist in diesen Industriezonen kaum noch Platz.

Uniformierte Schutzleute bewachen den Eingang zur Stadt. Anting wirkt wie eine modernes europäisches Neubaugebiet. Die vier- und fünfstöckigen Häuser sind ockergelb und pastellrot gestrichen. Jede Wohnung hat einen Balkon.

20 000 Menschen sollen einmal in Anting wohnen. Am Eingang zur Geschäftsstraße gibt es ein Lufthansa-Reisebüro, das – wie die meisten Geschäfte in der Stadt – innen jedoch noch leer ist.

Entworfen wurde Anting von Albert Speer, dem Sohn des Nazi-Architekten. „Mit Anting wollen wir zeigen, wie eine moderne europäische Stadt funktioniert“, sagt Speer. Anfangs hätten die chinesischen Partner auch in Anting ein kitschiges „Klein-Heidelberg“ in die chinesische Pampa stellen wollen. Speer, der auch die gesamte umliegende Region mitsamt einer Formel-1-Rennstrecke plante, überzeugte die Stadtregierung jedoch von der Idee einer modernen, ökologischen Siedlung. Statt neoklassizistischem Stuck baute er Isolierverglasung und Wärmedämmung in die Häuser. „Wir sparen 50 Prozent Energie“, sagt Speer.

Anting ist eine ökologische und städteplanerische Modellsiedlung. Die Innenhöfe sind grün, es gibt Kanäle zum Spazierengehen und Tiefgaragen für die Autos. 7000 Yuan pro Quadratmeter kostet eine Wohnung in Anting – 700 Euro. Für das Umland von Schanghai ist das viel. Überall in Anting sind Videokameras installiert, auf den Gehsteigen stehen Wachleute. In einer Zeitschrift für die Bewohner heißt es: „Sicherheit ist eine Art Liebe, Sicherheit ist eine Form von Schönheit, Sicherheit ist eine Art von Gefühl.“

Noch gibt es nicht viel zu bewachen. Anting ist bisher eine Geisterstadt. Obwohl ein Großteil der 2000 Wohnungen und „Weimar-Villen“ im Bauhaus-Stil verkauft sind, leben fast keine Menschen hier. Die leeren Straßen und Gehsteige wirken wie eine Filmkulisse. „Es fehlt die Infrastruktur“, sagt der Rentner Li Jiamei, der zusammen mit seiner Frau einsam auf einer Parkbank im Freien sitzt. Vor ihnen plätschert ein Brunnen mit zwei Bronzefiguren – Goethe und Schiller. Das Rentnerpaar hatte vor einem Jahr eine 160-Quadratmeter-Wohnung in Anting gekauft. Eingezogen sind sie bis heute nicht. „Es gibt keinen Supermarkt, keine Schule und keine Restaurants“, sagt Li. Der versprochene S-Bahn-Anschluss nach Schanghai wird erst in ein oder zwei Jahren fertig.

Herr Li und seine Frau sind mit einem Pendelbus aus Schanghai, der von der Baufirma betrieben wird, für einen Tagesausflug nach Anting gekommen. Im Vergleich zu Schanghai ist die deutsche Neubausiedlung mit ihren Parks und Kanälen eine Oase. „Es ist so menschenleer hier, das ist schön“, sagt Herr Li. Seine Frau nickt und rückt auf der Parkbank etwas näher an ihn heran. Am Ende der Straße fegen zwei Männer in blauen Arbeitsanzügen Blätter auf dem Pflaster zusammen. „Vor ein paar Jahren war ich beruflich mal in Deutschland, auch in Berlin“, sagt Herr Li und lächelt freundlich. Dort seien die Städte noch leerer gewesen.

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