Chirurgie : Freie Fahrt ins Herz

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Gefäßstützen halten, was sie versprechen

von
Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein Blick in alte Statistiken kann lehrreich sein. Etwa, wenn es um den Herzinfarkt geht. Seit einem Vierteljahrhundert verzeichnet das Augsburger „Kora“-Register, wie viele Menschen in der Stadt einen Infarkt bekommen oder an ihm sterben. Vergleicht man die Zahlen von damals mit der Gegenwart, so stellt man fest, dass heute prozentual wesentlich weniger Menschen einen Infarkt erleiden und dass die Überlebenschancen deutlich gestiegen sind. Zum Beispiel erkranken und sterben in der Altersspanne zwischen 70 und 74 Jahren nur noch halb so viele Augsburger am Herzinfarkt wie vor 25 Jahren. Dieser Trend ist nicht nur in der Stadt, sondern natürlich in ganz Deutschland und in anderen westlichen Industrienationen zu beobachten.

Das Gesundheitsbewusstsein ist gewachsen. Aber der wesentliche Grund für gesündere Herzen dürften bessere Medikamente und Behandlungen sein. Zu denen gehört der Stent, eine filigrane Maschendrahtröhre, mit der verengte Herzkranzgefäße offen gehalten werden. Stents erzwingen die freie Fahrt durch Blutgefäße, die in früheren Zeiten längst verstopft und gesperrt gewesen wären, mit einem Infarkt als Folge. Die ersten Stents setzten Herzspezialisten 1986 ein. 2010 waren es hierzulande 280 000 Gefäßstützen, knapp die Hälfte mit Medikamenten beschichtet.

Die Wirkstoffe verringern die Gefahr, dass die Stents von Reparaturgewebe überwuchert werden und das Blutgefäß sich wieder verengt. Allerdings sind sie nicht nur wesentlich teurer als „nackte“ Maschendrahtstützen, sondern haben vor Jahren auch negative Schlagzeilen gemacht. Denn bei beschichteten Stützen kann es einige Zeit nach dem Eingriff dazu kommen, dass sich ein Blutpfropf im Stent bildet – eine brisante, lebensbedrohliche Komplikation, einem Infarkt vergleichbar. Als das in Studien deutlich wurde, gewann der unbeschichtete Stent vielerorts wieder die Oberhand.

Das könnte sich nun erneut ändern. Schwedische Ärzte haben untersucht, wie gut sich in den Jahren 2006 bis 2010 unbeschichtete Stents und beschichtete Stützen der ersten und zweiten Generation bewährt haben. Grundlage war das schwedische Register für Eingriffe an den Herzkranzgefäßen, das mehr als 90 000 eingesetzte Stents verzeichnet, wie die Mediziner im „European Heart Journal“ berichten. Aus dem gleichen Register waren auch die alarmierenden Berichte über beschichtete Stents gemeldet worden. Die wurden allerdings schon zwischen 2003 und 2004 eingesetzt.

Jetzt sieht es anders aus. Die beschichteten Stents der zweiten Generation schneiden besser als pure Metallröhren und auch als frühere beschichtete Modelle ab, obwohl zu diesen der Abstand nicht so groß ist. Moderne beschichtete Stents verschließen sich seltener wieder und es kommt weniger häufig zum Entstehen eines Blutpfropfs. Auch das Sterberisiko ist niedriger. Die neuen Stützen sind beweglicher, ihre Beschichtung ist dünner und verträglicher. Vermutlich ist bessere Technik ausschlaggebend für die guten Ergebnisse. Manchmal hält der Fortschritt tatsächlich, was er verspricht.

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