Zeitung Heute : Christian Pfeiffer: Entertainer der Kriminalstatistik
15.11.2000 00:00 UhrChristian Pfeiffer redet oft und gerne, und wenn er in Hochform ist, beweist er sogar Entertainer-Qualitäten. Wie sich wohl das Verbrechen in Niedersachsen in den vergangenen zehn Jahren entwickelt habe, fragt Pfeiffer provozierend bei einem Vortrag in einem Hannoveraner Altersheim. Die Hälfte der Zuhörer schätzt, dass die Kriminalität auf das Doppelte angewachsen ist. Ein weiteres Drittel glaubt an einen Anstieg um mehr als die Hälfte. In solchen Momenten, in Talkshows, bei Podiumsdiskussionen oder in Altersheimen, richtet Christian Pfeiffer den Oberkörper auf und hebt zum Vortrag an. Pfeiffer ist dann ein bisschen altkluger Oberschullehrer und ein bisschen augenzwinkernder Alleinunterhalter: Der, der aufklärt, wenn die Öffentlichkeit wieder einmal irrt.
Und sie irrt oft, wenn es um Verbrechen geht.
Natürlich hat sich die Kriminalität in Niedersachsen in zehn Jahren nicht verdoppelt. Im Gegenteil: Sie ist sogar leicht gefallen. Pfeiffer kann das belegen. Er ist ein Mann der Statistik. Auf jede Frage hat er eine empirische Antwort. Selbst die eigene Medienpräsenz kann er in Zahlen fassen: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Radiointerviews verfünffacht bis verzehnfacht, die der Fernsehinterviews verachtfacht. Kriminalität ist in Deutschland ein populäres Thema, und Christian Pfeiffer lässt kaum ein Mikrofon aus.
Verbrechen, die Forschung darüber und die öffentliche Bewertung des Themas sind das, was den 56-Jährigen in den vergangenen 25 Jahren beschäftigt hat. Zwölf Jahre lang stand Pfeiffer dem Kriminologischen Forschungsinstitut in Hannover vor. Gäbe es eine Bundesliga der Verbrechensforscher, dann wäre das Kriminologische Institut der FC Bayern München und Christian Pfeiffer dessen Beckenbauer. Sein Wort hat großes Gewicht. Demnächst nun wird Pfeiffer die Seite wechseln: Er geht in die Politik, in das niedersächsische Kabinett. Sigmar Gabriel, der junge Ministerpräsident, tauscht drei seiner Minister aus. Christian Pfeiffer, seit 1969 Mitglied der SPD, ist als neuer Justizminister vorgesehen.
Genau genommen war es nicht Gabriel, der Pfeiffer entdeckte, sondern umgekehrt. 1992, vor acht Jahren, beschäftigte sich der niedersächsische Innenausschuss wieder einmal mit der so genannten Organisierten Kriminalität. Pfeiffer war als Sachverständiger geladen, und in der Debatte profilierte sich ein junger SPD-Abgeordneter mit der Forderung, verdeckte Ermittler und den Großen Lauschangriff auch gegen mafiaähnliche Gruppen einzusetzen. Das kam bei der SPD-Fraktion nicht gut an, die mehrheitlich gegen den Lauschangriff votierte. Pfeiffer fiel der Nachwuchspolitiker deswegen auf. Er sprach ihn an, sie verabredeten sich zum Essen. Seitdem sind Christian Pfeiffer und Sigmar Gabriel einander "freundschaftlich verbunden", wie Pfeiffer sagt. Das gilt nach eigenen Angaben auch für seine Beziehung zur Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin und zu einigen CDU-Politikern. Im Kontaktenutzen war Pfeiffer immer gut.
Pfeiffer, der verheiratet ist und zwei Kinder im Teenager-Alter hat, sieht ein bisschen wie Volker Hassemer aus, der langjährige Berliner Kultur- und Stadtentwicklungssenator: hohe Stirn mit ausgedünntem Haar und einer Lesebrille auf der Nasenspitze, über die er gelegentlich einen wachen, forschenden Blick wirft. Ein Professor eben. Aber einer, der im Leben steht.
Pfeiffer war es, der "das im Gleichschritt Denken und im Gleichschritt Marschieren" in den DDR-Krippen für die rechte Gewalt in den neuen Ländern verantwortlich machte. Mit den Thesen löste er im Februar 1999 eine landesweite Welle von Empörung aus. So viele Leserbriefe hatten ostdeutsche Zeitungen seit der Wende nicht mehr bekommen. Am Anfang habe ihm das zugesetzt, sagt er heute. Bis er, der die ersten acht Jahre seiner Kindheit in Frankfurt (Oder) verbrachte, mehr und mehr Zustimmung erhielt. Auf der letzten Station einer Vortragstour brandeten ihm in Leipzig sogar stehende Ovationen entgegen. An diese Art von öffentlicher Resonanz, aber auch an Schelte, wird sich der Politiker Pfeiffer noch gewöhnen müssen.
Warum wechselt einer, der von sich selbst sagt, dass er "in meinem Bereich den schönsten Job hat, den man in Deutschland haben kann", in die hektische und undankbare Politik? Christian Pfeiffer sagt das, was politische Quereinsteiger gemeinhin sagen: dass ihn nach so langer Zeit der Forschung auch das Gestalten reize, dass sich Konzepte leicht schrieben, aber schwer umzusetzen seien, dass alles eine große Herausforderung darstelle.
Pfeiffer ist kein Hardliner der Inneren Sicherheit, aber einer, der für eine starke Polizei plädiert, vor allem zur Abschreckung. Er hat sich vorgenommen, mehr für die Opfer zu tun und schon im Vorfeld dafür zu sorgen, dass Gewalt möglichst verhindert wird. Das deutet eine vorsichtige Verschiebung der klassischen Justizschwerpunkte an, die im Kern daraus bestehen, dass der Betrieb in den Gerichten und in den Gefängnissen möglichst reibungslos verläuft. Allerdings haben sich daran schon andere fortschrittliche Juristen versucht, der frühere Hamburger Justizsenator Wolfgang Hoffmann-Riem etwa, der jetzt am Bundesverfassungsgericht Recht spricht, oder seine Hamburger Nachfolgerin Lore-Maria Peschel-Gutzeit. Von den hehren justizpolitischen Ansprüchen blieb meist im realpolitischen Alltag nicht viel übrig. Hoffmann-Riem hat darüber unlängst ein Buch geschrieben. Bei Pfeiffer steht es auf der Liste der Bücher, die er lesen will, ganz oben.
Christian Pfeiffer glaubt, dass er gut damit klarkommen wird, eine große Verwaltung statt einem kleinen Team von Wissenschaftlern zu leiten. Die Messlatte für eine erfolgreiche und visionäre Politik zugleich liegt hoch. Er hat sie selbst gelegt, indem er Antoine de St. Expuéry zitiert: "Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und Arbeit zu verteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer."








