Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Mannshohe Abseitsfallen

Können Frauen nur "Schüsschen" und "Pässchen"? Unsere Autorin wirft Bälle zurück auf den Fußballplatz, auf dem die alten Herren kicken.

Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-MatweyFoto: Mike Wolfff

Also ich würde ja nie Fußball spielen, schon gar nicht Frauenfußball. Frauenfußball ist, wenn des Chauvinismus an sich unverdächtige, weil 68er-Brillen und Langhaar tragende, schmerbäuchige Männer behaupten, das könnten sie auch. Die paar „Schüsschen“ oder „Pässchen“, ha!, nix wie runter vom Stammtisch und rein ins Trikot! Frauenfußball ist, wenn wir in Deutschland WM haben und Theo Zwanziger ganz alleine im Stadion sitzt, in Sinsheim oder Augsburg-Nord oder wo.

Ich bin keine Spielerinnennatur, nie gewesen, „Angry Birds“ (Level 14 im ersten Versuch, jippieh!) geht gerade noch, auch weil man da so schön alleine ist mit den grünen Schweinen, aber alles andere, nää. Charakterlich ist das ausgesprochen niedrig und mies, ich weiß, aber was soll ich machen, ich kann einfach nicht verlieren. Fatum! brüllt meine Seele, wenn mir einer auf der Schlossallee ein Hotel vor die Nase klotzt, Menetekel! schreit mein Herz, wenn sich in der Scrabble-Tüte mal wieder nur Ixe und Ypsilöner finden. Was soll aus dem Ernst, was aus dem Leben werden, wenn einen schon im Spiel nur Pech verfolgt? Beim Tennis habe ich vor Wut einmal so fest ins Netz gebissen, dass meine Zahnspange darin hängen blieb. Das hat meiner Beziehung zum Leistungssport bestimmt geschadet.

Meine Volleyballkarriere verlief entsprechend kürzer, auch wegen der Vereinsmeierinnenrei oder wie das heißt, Prost-Tata! Am kürzesten aber war meine Fußballkarriere, die sich, gänzlich ungeplant, aus einer Feriendribbelei ergab. Einige eher kulturell versierte Damen und ich wollten uns ertüchtigen, und ich muss leider sagen, liebe Chauvis: Ich war gut. Ich war saugut. Ich konnte Libera und Fallrückzieha, ich grätschte den Rasen blutig, köpfte, gab Steilpässe, errichtete mannshohe Abseitsfallen und schoss Tore mit links. Einfach so. Es war toll. Die anderen gingen irgendwann rein, Prost-Tata!, ich feilte weiter an meiner Technik. Bis es dunkel war. Mit einer finalen Butterflanke wuppte ich den Ball in den Geräteschuppen, wobei ich übersah, dass das Gelände unterhalb des Leders nicht hundertprozentig eben war. Mittelfußknochenbruch, so die Diagnose, der Orthopäde, der Schmerbauch trug, grinste blöd, als er mein Bein eingipste.

Wären wir kurz darauf nicht in eine Wohnung gezogen, von der aus man auf einen Fußballplatz guckt, die Sache hätte sich für immer erledigt gehabt. Jeden Donnerstagabend aber trainiert hier die Alt-Liga (ab 40, Herren). Was soll ich sagen: Schüsschen, Pässchen, Bölzchen, Faulchen. Man muss Alice Schwarzer nicht mögen, um das Gebrüll, das jede noch so klägliche Aktion begleitet, als Ruf des Urwalds zu deuten, uga uga. Und je lauter gebrüllt wird, desto mehr Geld fließt und fließt und fließt in den Männerfußball. Womit auch erklärt wäre, warum die Schweinis & Poldis dieser Welt aus der Wiege heraus gecastet werden, während Profi-Frauen wie Fatmire „die süße Lira“ Bajramaj sich ihre schütteren Sponsorenverträge mit rosa Stollenschuhen erlaufen müssen.

Doch zurück zur alten Liga. Meine speziellen Freunde sind die Torwarte, „ab 40“ kann ja vieles heißen, die Leibesumfänge variieren, die Tellergröße der Handschuhe auch. Irgendwo auf dem langen Weg vom hoch talentierten Knirps (ab 4, entzückend!!) zum Leider-doch-nicht- Profi und exklusiven Fußballversteher-Senior aber muss auch psychologisch etwas passieren, das das Runde zunehmend vom Eckigen weglenkt. Vielleicht kann Frau Schröder uns das mal erklären. Nächsten Donnerstag jedenfalls, wenn ich mich auf meine Liane schwinge und den Sack Bälle zurückbringe, der sich auf unserem Balkon angesammelt hat, frage ich einfach mal, ob ich mitspielen darf.

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