Zeitung Heute : "Chronik der Gefühle": Der Sinnarbeiter

Bruno Preisendörfer

Machthaber sind von Mausoleen fasziniert, in denen die Mumien der Geschichte aufgehoben werden. Denker lieben das Gesamtwerk, in dem das, was durch ihren Kopf gegangen ist, festgeschrieben wird, damit es den Nachkommen nicht zwischen den Händen zerrinnt. Die zweibändige "Chronik der Gefühle" von Alexander Kluge ist eine gewaltige Pyramide aus fast allen Geschichten, die der 68 Jahre alte Rechtsanwalt, Autorenfilmer, Theorieschreiber und Fernsehmacher jemals erzählt hat. Ars longa, vita brevis, die Kunst ist lang, das Leben kurz. Oder, um es mit Kluge zu sagen: "Menschen haben zweierlei Eigentum: ihre Lebenszeit, ihren Eigensinn." Auf beides sollte man achtgeben, wenn man es mit einer Chronik zu tun bekommt, die über die Jahrzehnte von Lebensläufen, die Jahrhunderte der technischen Epochen, die Jahrtausende der Geschichte und die Jahrmillionen der Evolution ausgreift, dabei aber auch winzigste Lebensaugenblicke ins Geschehen zieht.

In einer Minigeschichte erzählt Kluge vom Seitenblick eines Gastwirtes auf einen Hund. Der Blick dauert 31 Sekunden und macht 0,0001 Prozent der Lebenszeit des Wirtes aus. Die Seiten-Blicke allein auf das Inhaltsverzeichnis der beiden Chronikbände dauern 31 Minuten. Die "Chronik der Gefühle" enthält, in der umgekehrten Reihenfolge des Entstehens, alle Erzählungen Kluges einschließlich ihrer Bebilderung, darunter die "Lebensläufe" mit dem entsetzlichen "Liebesversuch", die "Schlachtbeschreibung", die "Lernprozesse mit tödlichem Ausgang", die "Neuen Geschichten" und viele andere. Wie liest man ein solches Werk? Man ignoriert es - oder man benutzt es. Man "arbeitet" mit ihm, wie Kluge sagen würde. Im Vorwort heißt es: "Niemand wird so viele Seiten auf einen Schlag lesen. Es genügt, wenn er, wie bei einem Kalender oder eben einer Chronik, nachprüft, was ihn betrifft. Die subjektive Orientierung: Worauf kann ich vertrauen? Wie kann ich mich schützen? Was muss ich fürchten? Was hält freiwillige Taten zusammen?"

Die Zeit, die biografische und die geschichtliche, fließt nicht gleichmäßig. Eher könnte man sie mit einem Herzmuskel vergleichen, der pumpt, sich ausdehnt und zusammenzieht. Die Jahrhunderte dauern unterschiedlich lang. Das 19. Jahrhundert endete erst 1914/18. Das 20. schon um 1989. In "Antwort auf zwei Opernzitate" hatte Kluge 1984 geschrieben: "Es ist die Aufgabe des 20. Jahrhunderts, von dem wir noch sechzehn Jahre vor uns sehen, zu sämtlichen Geschichten des 19. Jahrhunderts Gegengeschichten zu erzählen." Als Kluge das formulierte, wusste er noch nicht, dass von den sechzehn Jahren nur fünf übrig blieben. Ist die "Chronik der Gefühle" eine Erinnerung daran, dass das 20. Jahrhundert mit seiner Aufgabe nicht rechtzeitig fertig geworden ist? Oder handelt es sich um späte, verspätete Reminiszenzen eines Schriftstellers, der sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren, also während der Inkubationszeit des Privatfernsehens als öffentlicher Macht, an der TV-Front herumschlug? Und ist die Rückkehr zu gedruckten Bildern und Texten gleichzeitig der Rückzug aus einem verlorenen Kampf auf dem derzeit wichtigsten Schlachtfeld der Bewusstseinsindustrie?

In "Öffentlichkeit und Erfahrung", einer Gemeinschaftsarbeit Kluges mit Oskar Negt, hieß es: "Die Fähigkeit der Phantasie, eigene Erfahrungen der Menschen zu organisieren, ist von Organisationsstrukturen des Bewusstseins, Aufmerksamkeitsrastern, Klischees überdeckt, die durch die Kulturindustrie ebenso wie durch die scheinbare Handfestigkeit der bürgerlichen Alltagserfahrung geprägt sind." Das war 1972. Inzwischen prägt die "scheinbare Handfestigkeit der bürgerlichen Alltagserfahrung" keine Klischees mehr, sondern wird von ihnen geprägt. Die Kulturindustrie muss ihr Deutungsmonopol kaum noch mit Alltagserfahrungen teilen, mit bürgerlichen schon gar nicht. In einer solchen Öffentlichkeit wirkt die alt-avantgardistische V-Pädagogik, die auch Kluges neuesten Geschichten noch anhängt, eigentümlich nostalgisch. Das V-Prinzip, die gute alte "Verfremdung" durch Montage, hat ihre Fähigkeit zu irritieren eingebüßt, seit die Phantasie elektronisch und ökonomisch an die Macht gekommen ist. Wenn der Videoclip eine selbstverständliche Gattung ist, hat der Textclip einen schweren Stand. Illusionen müssen nicht mehr im Entlarvungsstil "durchbrochen" werden, wenn sie überhöht zur Simulation im Special-Effect Film, in der Werbung oder in Internet-Animationen sich selbst ironisieren. Alexander Kluge ist ein Deutungshandwerker am Chaos, ein "Sinnarbeiter", wie man im Stil der sechziger und siebziger Jahre sagen könnte.

In einer der "Basisgeschichten", die um Liebe, Partnerschaft, Kampf und Kooperation zwischen den Menschen kreisen, heißt es: "Wenn zwei miteinander in einem Raum streiten, so sitzen dort sechs. Die Elternteile diskutieren mit, sagte ein befreundeter Psychologe." In dem wiederum mit Oskar Negt erstellten Buch "Geschichte und Eigensinn" lautet die entsprechende Stelle so: "Bei der Glückssuche oder in einem aktuellen Konflikt in einer Familie, den Ehepartner auszutragen versuchen, geschieht das meiste unter vier Augen. In Wahrheit kämpfen oder leben aber jeweils vier weitere Personen mit. Streiten die Eheleute, so stehen ihre Augen einander gegenüber und zugleich als innere Repräsentanz die acht Augen der beiderseitigen Elternteile."

Das Recyceln von Theorien, oder besser von ihren Abfallprodukten (im zitierten Beispiel natürlich ein Abfallprodukt der Theorien Freuds), ist ein Beitrag zur Ökologie der Erinnerung. Es verhindert vorschnelles Vergessen von Ideen, die noch brauchbar sind, ist aber unausweichlich mit dem Zwang zur Wiederverwertung verbunden. Dieses Verfahren ist durch und durch konservativ. In der Welt der Dinge ist das ein Vorteil, in der Welt des Denkens kann daraus ein Nachteil werden. Bei der Beschäftigung mit Kluges neuen Geschichten, so gekonnt die meisten von ihnen auch gemacht sind, kommt man, falls man schon die alten gelesen hat, über Déja-vu Erkenntnisse nur selten hinaus. Aber eben das kann zu interessanten Vorher-Nachher Spielen führen.

In Kluges Film "Die Patriotin" und in einigen seiner Texte kommt der Hinweis vor: "Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück." Darunter erscheint dann: "DEUTSCHLAND". Auch in der "Chronik" muss man auf dieses kleine patriotische Experiment nicht verzichten. Was aber unterscheidet sein Ergebnis heute von dem Ende der 70er oder Mitte der 80er Jahre? Könnte es nicht sein, dass Theorien, Ideen oder Denkspiele eben deshalb weiterfunktionieren, weil nicht sie, sondern die Zeiten sich geändert haben?

Weil die Leser von Lebensläufen selber welche haben, sind sie von vornherein einbezogen in Kluges Text- und Zeitmaschine. Die "Chronik der Gefühle" ist vor allem eine Riesensammlung von Parabeln über individuelle Wirklichkeiten, die von Geschichte durchschossen sind, was für das 20. Jahrhundert oft sehr wörtlich zu nehmen war. Manche Leser können dieses Textkonvolut vielleicht über den Parabeleffekt hinaus als Benutzerhandbuch zur Gegenwartsbewältigung verwenden und auf diese Weise an eine ausgestorbene Selbstverständigungskultur anschließen. Auf jeden Fall aber sind die beiden Bände ein kolossales Denkmal für den Schriftsteller Alexander Kluge.

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