Zeitung Heute : Chronik der Gefühle

Dagmar Rosenfeld

Donnerstagabend. Gekauft: Eine Konzertkarte für 41,50 Euro (schon vor Wochen) und die Bratwurst davor für 2,50 Euro.

Tempodrom, kurz vor 20 Uhr, kurz vor Van Morrison. Kai holt sich noch eine Bratwurst - wie vor jedem Konzert. Bruce Springsten, die Stones oder Rod Stewart: die Bratwurst davor (im Brötchen mit doppelt Senf) gehört einfach dazu. Schließlich ist ja noch genügend Zeit. Denn welche Rocklegende betritt schon pünktlich die Bühne? "Rocklegenden lassen immer auf sich warten", sagt er und wischt sich die fettigen Finger an der Jeanshose ab. Kai ist 35 Jahre alt. Unternehmensberater. Die Woche über ist er immer unterwegs - Stuttgart, Coburg, Bad Homburg. Berlin gibt es nur an den Wochenenden. Und an diesem Donnerstag, weil Van Morrison da ist. Weil seine Lieder auch die Geschichte von Kai und Sarah erzählen: Das Berlin der frühen 80er, die rauchige Eckkneipe in Neukölln, die Jukebox neben dem Kachelofen, der erste Abend mit Sarah. Seine Musik fühlt sich an wie Sarahs Küsse, schmeckt nach Vanille, nach Sarahs Lippen. Als Kai reingeht, spielt auf der Bühne schon eine Band. Die Vorgruppe. Der Leadsänger, ein kleiner dicker Mann mit Hut, Sonnenbrille und einer whiskydurchtränkten Stimme. Nicht schlecht, hört sich fast an wie Morrison. Oder ist das etwa schon... Kai verrenkt ungläubig den Hals. Der kleine Dicke - Van Morrison? "Hey Mister DJ" röhrt der ins Mikro. "Er ist es", flüstert Kai. Dann lächelt Kai. Und es riecht nach Vanille.

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