Zeitung Heute : Chronik eines angekündigten Todes

JOSEF MANOLA[MADRID]

Die Entführung und Ermordung eines 29jährigen Stadtrats im Baskenland durch die ETA haben landesweite Kundgebungen gegen Terror und Gewalt ausgelöst.Auch im Baskenland zeigt nun die Mehrheit ihre Abscheu vor der Gewalt der Terroristen.VON JOSEF MANOLA, MADRIDDrei Tage haben Spanien verändert.Die Entführung und Ermordung eines 29jährigen Stadtrats im Baskenland durch Terroristen der Untergrundorganisation ETA haben landesweite Kundgebungen gegen Terror und Gewalt ausgelöst, wie sie das Land noch nie erlebt hat.Vor allem im Baskenland hat die schweigende Mehrheit ihre Angst abgelegt, die Abscheu vor der Gewalt der Terroristen zu zeigen.In einigen Ortschaften wurden Parteilokale der Koalition "Herri Batasuna", des politischen Flügels der ETA, in Brand gesteckt. Weshalb gerade dieser Mord an einem Menschen, der nach Ablauf des ETA-Ultimatums durch zwei Kopfschüsse getötet wurde, Hunderttausende Menschen mobilisiert hat, kann niemand erklären.Miguel Angel Blanco Garrido, für dessen Freilassung sich am Sonnabend noch 600 000 Menschen in den Straßen Bilbaos - vergeblich - versammelt hatten und dessen Tod zu spontanen Kundgebungen und kollektiven Gebetsstunden führte, war der junge Mann von nebenan.Anders als im Fall der rund 800 Opfer, die die Anschläge der Terrororganisation ETA seit ihrer Gründung vor dreißig Jahren gefordert haben, markierte das Ultimatum von 48 Stunden eine exakt abgesteckte Zeitspanne, in deren Verlauf sich das Schicksal des Entführungsopfers entscheiden mußte.Da die Regierung niemals auch nur daran dachte, die Forderung nach einer Zusammenführung aller inhaftierten Terroristen in baskischen Gefängnissen zu erfüllen, mußte man mit einem dramatischen Ende des Kidnappings rechnen.Die Medien trugen dazu bei, eine Identifikation der Bevölkerung mit dem Opfer zu erleichtern: Blancos Gesicht wurde in allen Tageszeitungen auf die Titelseiten gesetzt.Tausendfach kopiert und während der unzähligen Kundgebungen im ganzen Land hochgehalten, wurde das Gesicht zu einer Art Ikone.Einer der von den Demonstranten skandierten Sprüche lautete: "Wir alle sind Miguel Angel". Der baskische Ministerpräsident sagte: "Der Entführungsfall Blanco markiert eine Wende." Hatten die Jugendorganisationen von "Herri Batasuna" vor allem in den kleineren baskischen Ortschaften, in denen jeder jeden kennt, eine Gewaltherrschaft nach Mafiavorbild ("Nichts gesehen und nichts gehört") aufgebaut, so wagen sich die Menschen seit dem Tag der Entführung Miguel Angel Blancos wieder auf die Straßen: Sie haben festgestellt, daß sie in der Mehrzahl sind und daß es auch im Baskenland möglich ist, Zeichen der Zivilcourage zu setzen - wie die im Gedenken an ETA-Opfer von immer mehr Menschen weithin sichtbar getragene blaue Schleife.Die am Grab des Opfers beschworene "Einheit der Demokraten" muß beweisen, daß über ideologische Grenzen hinweg die Ablehnung des ETA-Terrorismus möglich ist.Denn die Organisation hat längst ihren Sinn verloren und die Zahl der Anhänger ist immer kleiner geworden.Beeinflußt von revolutionären Studentenbewegungen in Europa entschloß sich die Führung Mitte der 60er Jahre, mit Attentaten gegen Vertreter der Franco-Diktatur vorzugehen: Zur spektakulärsten Tat der Terroristen wurde der Bombenanschlag gegen den Franco-Stellvertreter Admiral Carrero Blanco.Mit dem Ende der Diktatur 1975 kam es zu einem Führungswechsel in der Organisation.Eine Generation, die mit den Gründungsmitgliedern nichts mehr zu tun hatte, rückte nach.ETA setzte trotz der in der spanischen Verfassung anerkannten Autonomie, Steuerhoheit und dem Selbstbestimmungsrecht der Basken den zur Formel verkommenen "Befreiungskampf" bis heute fort. Die Regierung Aznar ist entschlossen, auf keinerlei Ultimaten oder erpresserische Forderungen der Terroristen einzugehen, sondern, wie der Premierminister sagte, "mit dem Gesetzbuch in der Hand gegen das Geschwür Terrorismus zu kämpfen".Aznars Vorgänger, der Sozialist Felipe Gonzalez, wird verdächtigt, Mitte der 80er Jahre die illegale Waffe des "Staatsterrorismus" gegen ETA eingesetzt zu haben.Die Vorwürfe werden in mehreren Gerichtsverfahren verfolgt; sie sollten restlos aufgeklärt werden.Premierminister Aznar wird die Massenkundgebungen gegen den Terrorismus, die allein in diesen Tagen Millionen Menschen versammelt haben, zu nutzen versuchen: mit allen Mitteln, die dem Rechtsstaat zur Verfügung stehen, gegen die Terroristen und deren politisches Umfeld vorzugehen.

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