CHRONIK : Welt Davon geht die nicht unter

Am 21. Dezember endet der Maya-Kalender. Viele deuten dies als Zeichen der drohenden Apokalypse. Grund zur Panik? Acht Beispiele, die Hoffnung machen.

Im Frühjahr 2003 glaubten die weiß gekleideten Anhänger der japanischen Sekte „Pana Wave Laboratory“, dass ein fremder Planet mit der Erde kollidieren werde.
Im Frühjahr 2003 glaubten die weiß gekleideten Anhänger der japanischen Sekte „Pana Wave Laboratory“, dass ein fremder Planet mit...

Als sich 1910 der

Halleysche Komet 

näherte, fürchtete

Camille Flammarion

die Auslöschung

der Menschheit.

Aus den Schriften von Nostradamus haben

Esoteriker in der

Vergangenheit immer wieder Termine für

Untergänge errechnet. Joseph Rutherford

erwartete 1925 die Rückkehr von Noah und Moses, baute

ihnen eine Villa.

ATOMBOMBE UND SINTFLUT

Sie haben Benzin, Batterien und Seife gelagert, dazu Nahrungsmittel für mehrere Wochen. Da sie nicht wissen, wie schnell die Wassermassen wieder abfließen werden, haben sie auch zehn Sportboote gekauft. Sie glauben nicht, dass die Rechnung dafür jemals bezahlt werden muss. Es ist der 14. Juli 1960, Punkt 13.45 Uhr soll die Katastrophe beginnen. Bruder Emman hat 110 Anhänger mit in sein Steinhaus genommen, es liegt am Osthang des Mont Blanc, auf halber Strecke zum Gipfel, 2200 Meter über dem Meeresspiegel. Die Fenster im unteren Stock ließ er zubetonieren, Mauerritzen mit Baumwolle ausstopfen. An diesem Donnerstag wird irgendwo auf der Welt eine Atombombe explodieren, so will es Bruder Emman sechs Jahre zuvor von seiner toten Schwester erfahren haben. Angeblich wird die Bombe versehentlich gezündet, ihre Wucht soll die Erdachse um 45 Grad verschieben, riesige Flutwellen vernichten anschließend den Großteil der Menschheit. Im Steinhaus am Hang sind alle Zimmer belegt, hat Bruder Emman schon vor Tagen in Interviews erklärt. Wer sich jetzt noch retten wolle, müsse sich ein anderes Versteck am Berg suchen. Oder einen anderen Berg. In den vergangenen Wochen hat der bärtige Mann eine Menge Interviews gegeben, sein bürgerlicher Name ist Elio Bianca, er ist 38 und Kinderarzt aus Mailand. Neben seinen Anhängern sind ihm auch mehrere 100 Schaulustige auf den Mont Blanc gefolgt, sie umlagern das Haus, manche haben Champagner und Feuerwerksraketen dabei, um die Gläubigen zu verhöhnen. Die verschließen mittags die Tür von innen und warten. Noch am selben Abend tritt Bruder Emman vor die Presse, er verliest eine schriftliche Erklärung. „Jedem kann mal ein Fehler unterlaufen“, heißt es darin. „Seid froh, dass wir falschlagen.“

DER FREMDE PLANET 

Der lokale Polizeichef ist ratlos. 280 Kilometer westlich von Tokio halten die Anhänger der Endzeitsekte „Pana Wave Laboratory“ im Mai 2003 eine Landstraße besetzt. Sie tragen weiße Mäntel, Stiefel und Atemmasken, ihre 15 Vans haben sie mit weißen Stickern beklebt, selbst die Scheibenwischer in weiße Folie gewickelt. Über den nahe gelegenen Bäumen und Sträuchern hängen Stofflaken. „Die Männer wirken harmlos, aber auch sehr unheimlich“, berichtet der BBCReporter vor Ort. Den Kameras der herbeigerufenen Fernsehteams halten die Sektenmitglieder Spiegel entgegen. Es heißt, sie fürchten sich vor elektromagnetischer Strahlung – vor allem aber vor einem geheimen, noch unentdeckten Planeten, der am 15. Mai die Erde treffen soll. Mitglieder des „Pana Wave Laboratory“ sind der Polizei bereits zwei Monate zuvor aufgefallen, als sie auf dem Fluss Nakagawa in Tokio versuchten, eine männliche Bartrobbe mit Fischernetzen zu fangen. Das Tier sei von Elektrowellen ins Landesinnere getrieben worden und müsse zurück in den Ozean, ansonsten gehe die Welt unter, hat die Gruppe verkündet. Der Fangversuch scheiterte, und nun stehen die Weißgekleideten mit ihren Vans auf der Landstraße nahe Kiyomi und weigern sich weiterzufahren. Der Aufprall des geheimen Planeten werde Erdbeben auslösen und die Menschheit vernichten, glauben sie. In einer Erklärung auf ihrer Internetseite heißt es: „Alle, die nicht zuhören, werden sterben.“ Japanische Politiker fordern ein hartes Vorgehen gegen die Gruppe. Sie befürchten Parallelen zu der ebenfalls weiß gewandeten Endzeitsekte Aum Shinrikyo, die 1995 in der Tokioter U-Bahn das Nervengas Sarin freisetzte und so zwölf Menschen ermordete. Am 14. Mai, einen Tag vor dem erwarteten Weltuntergang, stürmt die Polizei mit 300 Beamten das Camp. Sie finden weder Waffen noch Drogen oder sonstige Hinweise auf Verbrechen. Am selben Abend bricht der Konvoi Richtung Norden auf. Nachdem am Tag darauf kein fremder Planet am Himmel erscheint, verschiebt „Pana Wave“ den Untergang um genau eine Woche auf den 15. Mai. Anschließend gerät die Gruppe schnell in Vergessenheit. Ein Aussteiger berichtet später, die Sektenchefin leide an Halluzinationen und habe eine außergewöhnliche Vorliebe für Pudding mit Grüner-Tee-Geschmack. Die Bartrobbe von Tokio wird 2004 zum letzten Mal gesichtet.

HEILIGER SCHRECKEN

Die große Mehrzahl aller Weltuntergangs-Propheten bezieht sich auf die Bibel, besonders auf die Offenbarung des Johannes und das Buch Daniel, Kapitel sieben bis elf. Historisch umstritten ist, ob es bereits zur ersten Jahrtausendwende nach Christus eine ausgeprägte Endzeiterwartung gab – womöglich mitausgelöst durch den damaligen Papst Silvester II. Sicher belegt sind diverse Prophezeiungen im Mittelalter, zu den konkretesten zählt die des Pfarrers Michael Stifel aus Lochau in der Nähe von Wittenberg. Stifel gilt als Vertrauter Martin Luthers. In seiner 1532 veröffentlichten Schrift „Vom End der Welt“ gibt er Hinweise auf die drohende Apokalypse: Indem er jedem lateinischen Buchstaben eine Zahl zuweist, kann er angeblich exakte Eintrittsdaten ausstehender Ereignisse ermitteln. „Diese rechnung habe ich ein zeitlang selbs gehalten für ein fantasey und nur zu zeiten fur die lange weil“, schreibt Stifel. „Aber ich kans nur nicht anderst halten denn fur ein Göttlich ding.“ Seinen Untergang prophezeit er für den 19. Oktober 1533 um acht Uhr morgens. Stifel will Luther, den er inzwischen für einen Erzengel hält, von seiner Prognose überzeugen. Luther will nicht zustimmen. Dennoch wächst Stifels Anhängerschaft, gerade zu Hause in Lochau glauben ihm Bauern und Handwerker, auch aus Schlesien treffen Familien ein, die ihren Besitz verkauft haben und nun auf das Weltenende warten. Frühmorgens versammeln sie sich in der Lochauer Dorfkirche. Michael Stifel predigt von der Kanzel und feiert ein letztes Abendmahl. Ein plötzliches Gewitter wertet er als Vorboten des Jüngsten Gerichts. Als das ausbleibt, schlägt in der Kirche die Stimmung um: Einige fühlen sich getäuscht, zerren Stifel von seiner Kanzel und fesseln ihn. In Wittenberg verbringt er vier Wochen in Haft, danach darf er in seine Pfarrstelle zurückkehren. Bald gilt er als rehabilitiert.

TÖDLICHER STERNENSCHWEIF

Der Himmelskörper, der sich im Frühjahr 1910 der Erde nähert, ist der Wissenschaft längst bekannt. Durchschnittlich alle 76 Jahre zieht Komet Halley auf seiner elliptischen Bahn vorbei, markant ist vor allem der kilometerlange Schweif. Diesmal aber droht eine Besonderheit: Der Heidelberger Astronom Max Wolf behauptet, Halley sei von Jupiter und Saturn von seiner ursprünglichen Route abgelenkt worden. Zwar drohe keine Kollision, jedoch werde die Erde nun auf ihrer eigenen Umlaufbahn den Schweif des Kometen durchqueren, und zwar am 20. Mai 1910 ab 4 Uhr morgens. Die Meldung wird zunächst in deutschen Zeitungen verbreitet, es entsteht das Gerücht, der Kometenschweif werde die Erde entweder mit sich reißen oder aber tödliche Pestbazillen in die Atmosphäre streuen. Beunruhigende Thesen stellen Wissenschaftler aus Frankreich auf: Sie glauben, dass der Schweif Kohlenstoff-Stickstoff- Moleküle enthalte, die sich mit Salz zu Kaliumcyanid verbinden – hochgiftiges Zyankali. Astronom Camille Flammarion behauptet, dass „Cyangas die Atmosphäre durchtränken und möglicherweise alles Leben auf dem Planeten auslöschen“ werde. In einzelnen europäischen Städten nimmt der Verkauf von Gasmasken zu, aber auch von satirisch gemeinten Postkarten, die eine Mondreise als letzten Ausweg anpreisen. Die Kirche von Neapel meldet vermehrte Beichten. Gelassen bleibt dagegen Friedrich Simon Archenhold, Direktor der Treptower Sternwarte: „Es ist gewiss, dass Spinnfäden einem Elefanten im rasenden Laufe gefährlicher werden können als die Schweifteilchen eines Kometen der Erde“. Als Halley am 20. Mai tatsächlich die Erde passiert, ist er von der nördlichen Hemisphäre aus kaum zu sehen.

EINE VILLA FÜR MOSES UND NOAH

Die Zeugen Jehovas und ihre Vorläufer, die „Ernsten Bibelforscher“, haben in ihrer Geschichte mehrfach Termine für Harmagedon – den göttlichen Gerichtstag – genannt: An dem werden alle gottlosen Menschen ausgelöscht, die übrigen erwartet ein paradiesisches Leben, auch die Toten werden bald auferstehen. Nach fehlerhaften Prognosen für 1874 und 1914 ist es Glaubensführer Joseph Rutherford, der eine konkrete Voraussage für das Jahr 1925 wagt. In mehreren Schriften predigt er die Auferstehung biblischer Figuren wie Moses, Noah, Abel, Abraham und Isaak – nicht als Geisteswesen, sondern in menschlicher Gestalt und für jedermann sichtbar. Die prominenten Wiederkehrer werden es nicht leicht haben, erklärt ein enger Vertrauter Rutherfords. „Sie werden zunächst amüsante Erfahrungen machen, da sie niemals Telefone, Radios, Autos, elektrisches Licht, Flugzeuge“ und Ähnliches gesehen hätten. Weil im Friedensreich niemand mehr sterben müsse, bedürfe es einiger gesellschaftlicher Anpassungen: Die arbeitslos gewordenen Totengräber etwa könnten sich zu Dekorateuren umschulen lassen. Obwohl die Auferstehung der Propheten zunächst ausbleibt, lässt Rutherford ihnen in San Diego eine Villa bauen. So könnten sie nach ihrem Erscheinen in Jerusalem in die Vereinigten Staaten übersiedeln. Das 400 Quadratmeter große Gebäude hat zehn Schlafzimmer. Im Garten wachsen Palmen und Olivenbäume, damit sich die erwarteten Hausherren gleich heimisch fühlen. Bis sie tatsächlich erscheinen, möchte Rutherford selbst dort wohnen. Er bleibt bis zu seinem Tod 1942 auf dem Anwesen. Nach weiteren unerfüllten Prognosen geht die Gruppe heute davon aus, dass die Wiederkunft Christi bereits stattgefunden hat, allerdings nur im Himmel. Über Anwälte ließen sie außerdem feststellen, dass es „seitens der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas seit 1975 keine Nennung von neuen Jahreszahlen mehr“ gegeben habe.

17 MILLIONEN UFOS

Zuerst prallen Meteoriten auf die Erde, dann folgen Erdbeben, Stürme, Vulkanausbrüche und gigantische Flutwellen. So stellen sich in den 80er und 90er Jahren weltweit Tausende Anhänger der Ashtar-Command-Bewegung aus den USA, Großbritannien und Deutschland den Weltuntergang vor – der sei nötig, um die Erde radikal zu reinigen und den Überlebenden ein besseres Dasein zu ermöglichen. Die lose organisierten Gläubigen können sich nicht auf ein einzelnes Untergangsdatum verständigen. Einig sind sie aber darin, dass die Menschheit kurzfristig gerettet werden kann: von Ashtar Sheran, dem Kommandanten einer intergalaktischen Raumschiff-Flotte, der bereits 17 Millionen Ufos in Erdnähe postiert hat. Das längste Schiff misst 100 Meter und hat die Form einer Zigarre, wegen höherer Schwingungsfrequenzen seien die Transporter für das menschliche Auge unsichtbar, heißt es. Der Theorie nach sollen im Katastrophenfall alle Menschen durch Fernseh- und Radiobeiträge, die Fortgeschrittenen auch durch Telepathie, über die anlaufende Evakuierung informiert und innerhalb einer Viertelstunde mithilfe von Lichtstrahlen an Bord der Schiffe gesogen werden. Kritiker weisen auf Parallelen zur Serie „Star Trek“ hin. Verschiedene Mitglieder der Bewegung behaupten, persönliche Botschaften von Kommandant Ashtar Sheran mit Details zur Rettung erhalten zu haben. Nach einer Reihe falsch vorausgesagter Untergangstermine dominiert inzwischen eine andere Ansicht: Den Aliens sei es gelungen, die notwendige Reinigung des Planeten einzuleiten, ohne ihn dabei zu zerstören. Ein Weltuntergang sei damit unnötig geworden.

KRIEG, GAU UND DAS ENDE DER EIFEL

Als Beleg diverser Prophezeiungen müssen die Schriften des Nostradamus aus dem 16. Jahrhundert herhalten. Der Arzt und Astrologe traf in Hunderten Vierzeilern vage Zukunftsaussagen, viele beschreiben Kriege und Katastrophen. An einer Stelle heißt es etwa: „Jahr 1999, siebter Monat / Vom Himmel kommt ein großer Schreckenskönig.“ Weil die Voraussage für Juli nicht weit von der Sonnenfinsternis am 11. August abweicht, bereiten sich weltweit diverse Kleinstsekten auf das Schlimmste vor. Manche prophezeien den Gau eines Atomkraftwerks, andere den Dritten Weltkrieg oder Alien- Invasionen. Unabhängig davon warnt die deutsche Gruppe Fiat Lux vor tausenden Vulkanausbrüchen von Kalifornien bis in die Eifel. Der spanische Modedesigner Paco Rabanne glaubt, die Raumstation Mir stürze auf Paris. Immerhin wagt Rabanne etwas, das unter Endzeit-Propheten äußerst unüblich ist: Er entschuldigt sich später für seine Panikmache.

DER RECHENBEWEIS

Die vorläufig letzte Fehlprognose stammt vom kalifornischen Radioprediger Harold Camping: Seinen Berechnungen zufolge wird der 21. Mai 2011 zum Tag des Jüngsten Gerichts, an dem alle Gläubigen in den Himmel auffahren und die Übrigen auf der Erde Qualen erleiden, bis der Planet im Oktober vernichtet wird. Wer den Rechenweg nachvollzieht, ahnt, weshalb vor Camping keiner auf diesen Termin tippte: Der gelernte Ingenieur hat den 1. April 33 zu Jesus’ Todestag erklärt und dann die Jahre bis zum 1. April 2011 gezählt. Es sind 1978. Die Zahl multiplizierte er mit dem ungefähren Zeitraum zwischen zwei Sommersonnenwenden, nämlich 365,2422 Tage. Zum Ergebnis 722 449 addierte er 51, da exakt so viele Tage zwischen dem 1. April und 21. Mai liegen. Die Summe betrug gerundet 722 500 – was wiederum 5 mal 10 mal 17 zum Quadrat entspricht. Und da bei Camping die 5 für Buße, die 10 für Vollkommenheit und die 17 für Himmel steht, könne der Tag des Jüngsten Gerichts nur der 21. Mai 2011 sein. Es gelingt ihm, mehrere Millionen Dollar an Spendengeldern einzutreiben und mithilfe Hunderter Freiwilliger eine Kampagne zu starten. Seine Warnungen werden in 61 Sprachen übersetzt, in Großstädten klebt er Plakate mit dem Slogan „Die Bibel garantiert es“. Zu den Profiteuren seiner Panikmache zählt das mittelständische Unternehmen „Eternal Earth-Bound Pets“: Es bietet an, gegen Vorauszahlung von 135 Dollar im Falle des Jüngsten Gerichts die Haustiere ihrer Kunden zu versorgen, falls diese von Jesus ins Himmelreich gerufen werden. Die Firma wird von Atheisten betrieben, die davon ausgehen, sowieso keine Chance auf Himmelzugang zu haben. Der Firmenchef behauptet, dank Camping habe er 200 neue Verträge abgeschlossen.

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